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Geniale Verbindung von hohem Können und tiefer Emotion

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Das Quatuor Ebène mit (v. l.) Pierre Colombet, Gabriel Le Magadure, Mathieu Herzog und Raphael Merlin bei der Zugabe »Come together« von den Beatles. (Foto: Kaiser)

Als das Quatuor Ebène im Jahr 2006, zwei Jahre nach dem Gewinn des 1. Preises beim ARD-Wettbewerb, zum ersten Mal in Traunstein gastierte, musste der Berichterstatter anmerken: »Dass die Klosterkirche nur zur Hälfte besetzt war, wirft kein allzu gutes Licht auf den Informationsstand und die Neugierde des Stammpublikums.« Er äußerte auch den Wunsch, die Bitte: »Auf Wiederhören in Traunstein!« Heuer nun konzertierte das inzwischen zu einem der international angesehensten Ensembles gereifte »Ebenholz-Quartett« zum fünften Mal im ausverkauften Kunstraum Klosterkirche, der bis in den ehemaligen Altarraum hinein dicht bestuhlt war – in Opernhäusern nennt man diese Abteilung der Sichtverhältnisse wegen »Partiturplätze«.


Wie bei ihrem Einstieg in die Sommerkonzerte mit op. 76 Nr. 1 begannen Ebène (Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure, Violinen, Mathieu Herzog, Viola, und Raphael Merlin, Violoncello) mit Joseph Haydn das Programm, mit dem Streichquartett C-Dur op. 76 Nr. 3, dem sogenannten »Kaiserquartett«. Fünf klangvolle Akkorde führten zum Hauptthema des 1. Satzes, aus dem sich die Aktionen in diesem Allegro fast vollständig ergeben; mit einer unerhörten, ja unverschämten agogischen und dynamischen Bandbreite gestaltete das Quatuor Ebène diese Entwicklungen. Das Adagio entfaltete »cantabile« Haydns zum Volkslied gewordenes »Gott erhalte Franz den Kaiser« in vier kostbaren Cantus firmus-Variationen (Cantus firmus in dem Sinn, dass die »kaiserliche« Melodie unangetastet bleibt). In der ersten Variation umspielte nur die 1. Violine die Melodie der 2. Violine, in Variation 2 lag das Thema beim Cello, in Variation 3 bei der Bratsche, von den anderen chromatisch untermalt. Die vierte Variation im dichten Quartettsatz, fast wie ein Bach-Choral, klang sehr zurückgenommen und sphärisch.

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Das Menuet musizierten Ebène als fröhlich-musikantisches Scherzo mit einem zurückhaltenden, von innen her leuchtenden Trio. Das »Presto« des Finalsatzes nahmen sie ganz wörtlich in wilder, dramatischer Gestaltung, mit harten Akkordschlägen und expressiven Triolenläufen. Alle diese Äußerungen kamen perfekt und sinnvoll aufeinander abgestimmt, bis sich endlich ein klares C-Dur durchsetzte.

Dann gab's schwere Kost. Ebène setzten ihr Programm mit Béla Bartók fort, mit seinem Streichquartett Nr. IV (1928). In diesem fünfsätzigen Werk verwendete der Komponist erstmals die Bogen- oder Brückenform, bei der sich um einen langsamen Mittelsatz zwei Ringe aus je zwei aufeinander bezogenen Sätzen schließen, der 2. und der 4. Satz als innerer Ring, der 1. und der 5. Satz als der äußere. In rücksichtsloser Stimmführung und komplexer Rhythmik beeindruckten die ersten beiden Sätze den Berichterstatter mehr als er sie nachvollziehen konnte. Er ahnte Entwicklungen, die eher emotional als rational auf ihn einwirkten, Stimmungsmomente, die verblüfften und auch verzauberten.

Der eindringlich langsame Mittelsatz begann mit einem verstörend schönen Cellosolo über einem unaufdringlich dichten Klangteppich, evozierte kongeniale Antworten der übrigen Instrumente und erstarb in einem con sordino-Pianissimo – von da an war der Berichterstatter vollkommen ins musikalische Geschehen integriert. Im 4. Satz Allegretto pizzicato, echt jazzig gefühlt, auch mit den »durchgeknallten« Bartok-Pizzikati, leuchtete die Leidenschaft und Liebe zum Musizieren auf und verdichtete sich im rauschhaft rhythmisierten Klangfest des Allegro molto-Schlusssatzes zum faszinierenden Erlebnis eines verschworenen Ensembles, das sei Können bis an die letzten Grenzen des technisch Möglichen ausreizt.

In seinem Todesjahr 1847 arbeitete Felix Mendelssohn Bartholdy den Tod seiner Schwester Fanny für sich selber dadurch auf, dass er seine Klage in Klang umsetzte. Das abgrundtiefe Zerwürfnis mit dem »Schicksal«, ausgedrückt in flirrendem Tremolo, ließ sich auch im melodiösen Mittelteil nicht beruhigen. Noch im 2. Satz klang trotzige Auflehnung bis zum fahlen, offenen Schluss. Der Klagegesang des Adagio in edlen Kantilenen zeigte die Qualität des Quartetts zu kultiviertem Pianospiel auf und im Finale schien neue Kraft zum Überleben zu wachsen – vom Komponisten und den Interpreten gültig in Musik formuliert.

Als unumgängliche Zugabe kündigte der Cellist »Musik eines anderen berühmten Quartetts« an, »das damals in Liverpool...« und schon lachte das Publikum und erfreute sich an »Come together«. Danach erschienen Ebène ohne Instrumente auf der Bühne und formierten sich zu einem sehr wohlklingenden Vokalquartett »mit dem Lied: Schneewittchen und die 7 Zwerge aus der Hollywood-Werkstatt des Walt Disney« – dem Berichterstatter kam es eher französisch vor, so wie »Un jour mon prince viendra...« . Engelbert Kaiser