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Geheimnisvolle Ikonen in Recklinghausen

Recklinghausen (dpa) - Ausgerechnet im Ruhrgebiet befindet sich ein einzigartiger Kirchenschatz: Das Ikonen-Museum in Recklinghausen hat nach eigenen Angaben die bedeutendste Sammlung ostkirchlicher Kunst außerhalb der orthodoxen Länder.

Ikonenmuseum Recklinghausen
Die "Muttergottes der Passion", eine griechische Ikone aus dem 15. Jahrhundert im Ikonenmuseum in Recklinghausen. Foto: Jonas Güttler Foto: dpa

Nach eineinhalb Jahren Umbau wurde das 1956 gegründete Museum kürzlich wiedereröffnet. Das Haus mit seiner neuen spektakulären Fassade aus goldfarbenem Kupferblech, das an einen Ikonen-Beschlag erinnert, beherbergt griechische und russische Gottes- und Heiligendarstellungen seit dem 13. Jahrhundert. Mutter Gottes, Höllenfahrt Christi, das Jüngste Gericht oder der Heilige Christophorus mit Hundekopf - die Ausstellung entführt in die Tiefen des orthodoxen Glauben.

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Bis heute wird auch über Geheimnisse des Ikonen-Museums spekuliert. «Es wird immer wieder behauptet, hier läge Beutekunst im Keller», sagt Leiterin Eva Haustein-Bartsch, die seit bald 30 Jahren im dem Museum arbeitet. Bei keiner der Recklinghäuser Ikonen sei nachgewiesen worden, dass sie im Krieg nach Deutschland verbracht worden sei.

Grund für die Spekulationen ist die Geschichte des Klosterschatzes von Petschur im heutigen Russland, der 1973 vom Ikonen-Museum an das Kloster bei Pskow nahe der Grenze zu Estland zurückgegeben wurde. Die Kultgegenstände des Höhlenklosters Petschur waren von den Nazis abtransportiert und von den Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst jahrelang in Sammelstellen aufbewahrt worden.

Wegen rechtlicher Unklarheiten bei der Restitution - ursprünglich lag Petschur auf estnischem Gebiet - wurde der Schatz 1959 dem Ikonen-Museum zur Aufbewahrung gegeben. Hinter einem Rollgitter lagerten die Sakralgefäße, Gewänder, Gesangbücher und wertvollen Ikonen 14 Jahre und durften weder dokumentiert noch fotografiert werden.

Besonders nach dem Ende der Sowjetunion seien viele russische Wissenschaftler und Restauratoren nach Recklinghausen gekommen, sagt Haustein-Bartsch. Kataloge mit dem Bestand des Museums wurden auch in Russland veröffentlicht. Den Grundstock des Hauses bildeten zwei Privatsammlungen, die nach einer erfolgreichen Ausstellung 1955 in Recklinghausen bleiben konnten. Mit Ankäufen aus dem Handel und Privatbesitz sowie Schenkungen wuchs die Sammlung auf inzwischen 3000 Objekte stetig an.

Die 59-jährige Kunsthistorikerin managt das Museum fast im Alleingang. Haustein-Bartsch bereitet Ausstellungen vor, beantwortet Anfragen und begutachtet Ikonen. «Es kommen sehr viele Leute mit ihrem Privatbesitz», sagt sie. «Es ist schwer herauszufinden, ob Ikonen dabei sind, die unrechtmäßig nach Deutschland gekommen sind.»

Noch heute hängen in deutschen Wohnungen Ikonen, die Wehrmachtssoldaten im Krieg mitgebracht haben. Wurden sie geraubt, gekauft, eingetauscht? Meist ist der Weg nicht mehr zurückzuverfolgen, weil die Väter und Großväter gestorben sind. Soldaten hätten Kunst- oder Kulturgegenstände häufig als «Souvenirs» nach Deutschland gebracht, sagt der Beutekunst-Experte Professor Wolfgang Eichwede, Gründer der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Ein Unrechtsbewusstsein habe es kaum gegeben.

«Ich frage, wo die Dinge sind, die aus Russland verschwunden sind», fragte kürzlich im «Spiegel»-Interview die Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, Irina Antonowa (90), eine der Schlüsselfiguren im seit Jahren festgefahrenen Beutekunststreit. «Die Deutschen haben uns auch nicht alles zurückgegeben.»

Russland hat die im Krieg aus Deutschland verbrachten Kunst-und Kulturgüter zum Staatseigentum erklärt. Moskau fordert auch von Deutschland Kunst zurück, die von den deutschen Besatzern geraubt wurde. Seit Anfang des Jahres arbeiten russische und deutsche Wissenschaftler unter der wissenschaftlichen Leitung Eichwedes an einem Projekt zur Suche nach Zehntausenden Kunstwerken und Büchern, die aus Museen und Zarenschlössern rund um St. Petersburg im Krieg verschwanden.

Die Forscher hoffen, zumindest einzelne Gegenstände aus Privatbesitz wiederzuentdecken. Unklar ist oft, welche Werke im Krieg zerstört wurden. «Die Provenienzforschung vor allem bei Ikonen ist sehr schwierig», sagt Haustein-Bartsch. Denn die Kultbilder wurden zur Zeit der atheistischen Sowjetunion auch offiziell in den Westen verkauft.

Infos zum Ikonen-Museum