»Gefangen auf einem wankenden Boot ohne Kurs«: Jugendliche erzählen in Briefprojekt von ihren Sorgen

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Viele Kinder und Jugendliche leiden unter den Beschränkungen und Maßnahmen der Corona-Pandemie. Schülerinnen und Schüler erzählen. Foto: dpa

»Ich will frei sein, ich will alle Möglichkeiten haben, ich will in die Schule gehen, ich will reisen. Ich will mein Leben genießen, doch es fühlt sich so an, als würde man mir meine gesamte Jugend einfach wegnehmen.« Das schreibt die 17-jährige Mira aus Unken in einem Brief an sich selbst. Mira besucht eine Schule in der Region. Doch wegen der Corona-Pandemie konnte sie wochenlang ihre Freunde nicht sehen. Sie fühlte sich allein und hilflos. Aus der anfänglichen Idee, ihre Ängste, Gefühle und ihre Wut zu Papier zu bringen, entwickelte sie ein »Briefprojekt«. Sie forderte ihre Mitschüler, Freunde und Bekannten auf, über ihre Gefühle zu schreiben. Die Antworten sammelte die 17-Jährige und leitete sie dann anonym an die anderen Teilnehmer weiter. Damit wollte sie ihren Freunden Mut machen und zeigen: »Auch wenn es euch nicht gut geht, ihr seid nicht allein und anderen geht es genauso.« 


In ihrem Brief erzählt Mira, dass sie schon vor der Pandemie Pläne für ihren 16. Geburtstag geschmiedet hatte. Sie hat sich darauf gefreut, »weil man sich dem Erwachsenwerden dadurch ein Stück näher fühlt. Man hat also mehr Freiheiten«, erzählt sie. Anfangs war die Pandemie noch auszuhalten. »Jeder dachte, das klärt sich schnell wieder und dann ist die Sache gegessen.« Vor ein paar Wochen wurde Mira 17. Gefeiert hat sie immer noch nicht. Immer noch herrschte eine große Ungewissheit, wie es mit Schule, Freunden und Zukunft weitergehen soll. »Es machte auf einmal nichts mehr Sinn«, schreibt sie in ihrem Brief. Im Laufe der Zeit hatte Mira große Zweifel. Sie fragte sich, ob all die Maßnahmen, wirklich zielführend sind und schreibt, dass sie in dieser »neuen Normalität« nicht mehr leben möchte. »Alles, was am Jungsein toll wäre, ist verboten«, kommentiert sie die Situation.

»Ich habe mich in dieser Zeit sehr schlecht gefühlt«, sagt Mira rückblickend in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Als sie die Antworten ihrer Freunde und Bekannten gelesen hatte, habe sie schnell gemerkt, dass sie mit ihren Gedanken nicht allein ist. Es habe die 17-Jährige aber auch traurig gemacht, dass sich viele Jugendliche während der Pandemie allein und hilflos fühlen und ängstlich in die Zukunft blicken. Aus diesem Grund beschloss sie, ihr Projekt auszuweiten und schickte ihren Brief zusammen mit den Antworten ihrer Freunde an einige Schulen der Region. Ihr Ziel: Gehört zu werden. Den Jugendlichen eine Stimme zu geben. Mira betont allerdings: Es sei kein Projekt nur für Jugendliche. Denn jeder fühle sich in manchen Momenten alleine.

Mittlerweile hat Mira einige Antworten auf ihr Briefprojekt erhalten. Sie haben alle eines gemeinsam: Die Jugendlichen sind frustriert, wollen so nicht mehr weitermachen und hoffen auf Unterstützung.

»Mein jetziges Leben kommt mir so vor wie eine Zeitschleife, so als würde man immer dieselbe Videokassette ablaufen lassen bis zu einem bestimmten Punkt, an dem sie stehen bleibt und dann wieder zurück zum Anfang springt«, beschreibt Klara, die im Landkreis Traunstein wohnt, ihr Leben in der Pandemie. Die 14-Jährige fragt sich, was wohl in der Zukunft sein wird. Welchem Beruf sie nachgehen wird oder ob sie einmal für längere Zeit ins Ausland gehen kann.

Nicht so wie man es sich in der Kindheit ausgemalt hat, sei derzeit die Situation für die Jugendlichen, stellt Charlotte aus Kitzbühel fest. »Ich dachte, ich kann in den besten Jahren meines Lebens machen, was ich will. Ich dachte, ich werde auf Festivals gehen, bis in die Nacht feiern und mein Leben genießen«, erzählt die 16-Jährige in ihrem Brief. So viel wie sie und ihre Freunde in der Schule verpasst haben, kann man nicht mehr nachholen, ist sie überzeugt. »Diese Defizite bleiben uns fürs Leben und da kann uns keiner etwas vormachen.« Sie verstehe es absolut, dass man das Corona-Virus ernstnehmen muss und nicht unterschätzen darf. Dennoch fordert sie, endlich etwas für die Jugendlichen zu tun. Denn die psychischen Krankheiten bei den Jugendlichen nehmen zu wie nie zuvor.

»Man hat mir angesehen, dass meine Aussage 'Naja, mir geht's ganz gut' nichts weiter als eine Lüge war«, schreibt Magdalena in ihrem Brief. Die 14-Jährige kommt aus dem Berchtesgadener Land und rutschte während der Pandemie tief in eine Essstörung. Diagnose: Magersucht.

Durch die Schulschließungen, die Kontaktbeschränkungen und all die anderen Maßnahmen wurde ihr der Boden unter den Boden weggerissen. Es entstand eine Lücke in ihrem Leben, die sie versuchte zu kompensieren. Sie verwende diese »Lüge« bis heute, weil sie es schwierig findet, alles zu erklären, was sie selbst nicht versteht. »Und wahrscheinlich auch, weil ich es egoistisch finden würde, mich über meine Situation zu beklagen«, fasst es Magdalena in Worte. Im Gegensatz zu Risikogruppen wie alte Menschen in Heimen, die monatelang keinen Besuch hatten oder die einen geliebten Menschen verloren haben, könnte man meinen, sie sei in einer privilegierten Position, erzählt sie. Doch nach über einem Jahr Pandemie und einem Aufenthalt in einer Klinik fühle sich ihr Leben nicht mehr lebendig an. Wie als hätte man sie aus der Realität in ein Videospiel gebeamt, in dem sie ferngesteuert werde. Oder als wäre sie in eine Schneekugel gesperrt worden, die jemand aufgehoben und so fest geschüttelt hat, dass nicht mehr so ist, wie es einmal war. Sie habe Angst. Angst davor durchzudrehen. Angst niemals das Leben führen zu können, das sie sich erträumt hat.

Vom Alleinsein schreibt die 16-jährige Elisabeth. Sie wohnt in Österreich, geht aber in der Region auf eine Schule. All ihre Freunde kommen aus Deutschland. Als die Grenzen geschlossen wurden, habe sie sehr oft geweint und zog sich zurück. Doch sie erzählt auch, dass sie sich ab einem bestimmten Zeitpunkt daran erinnern konnte, wie stark sie sei und es einen Grund zu leben gebe. »Ich habe gelernt, wie ich mich in solchen Situationen verhalte, aber ich kenne viele junge Menschen, denen es nicht so geht«, schreibt sie.

»Man fühlt sich wie auf einem stark wankenden Boot, nur dass man nicht am Steuer steht, sondern an der Reling festgebunden ist«, beschreibt Johannes aus dem Berchtesgadener Land seine Sicht auf die Corona-Pandemie. Man könne sich selbst nicht befreien. Dennoch gebe es neben Gefühlen wie Verzweiflung, Schmerz und Wut auch schöne Momente. Solche werden aber nicht durch das Schiff oder die Situation an Bord hervorgerufen, sondern durch vorbeischwimmende Delfine, die wundervolle See und den alles umspannenden Himmel, umschreibt der 16-Jährige diese hellen Momente. Im übertragenen Sinne seien das für ihn zum Beispiel die eigene Familie, Sportaktivitäten und die Natur. Dies ändere zwar das innere Selbst, doch das Schiff irre immer noch auf einem unvertretbaren Kurs, ist er überzeugt. Das ließe sich aber ändern, wenn die Besatzung zusammenarbeiten würde und das Steuer dreht. So lange bis die Richtung stimmt und ein Hafen in Sicht kommt.

Wieder ein sicheres und stabiles Festland unter den Füßen, das ist es, was sich die meisten Jugendlichen wünschen. Auch wenn vieles noch unsicher sei, wünscht sich Johannes eines für die Zukunft: Es soll wieder mehr als Team zusammengehalten werden, man soll sich gegenseitig zuhören, nachdenken und miteinander handeln.

aha