Frontalkollision in Kolbermoor – Dritter Prozesstag: Unfallort wirkte „wie ein Schlachtfeld“

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Staatsanwalt Jan Salomon vertritt ein weiteres Mal - wie bei bisher allen Prozessen zu diesem Unfall - die Staatsanwaltschaft als Anklagebehörde. Foto: Kretzmer

Traunstein/Rosenheim – Die juristische Aufarbeitung eines Horrorunfalls vor mehr als vier Jahren in Rosenheim auf der Miesbacher Straße mit zwei getöteten jungen Frauen (21 und 15 Jahre alt) und drei schwerverletzten Personen wird möglicherweise länger als geplant dauern. Die Verteidigerin des 28-Jährigen, der Mitschuld an dem Verkehrsunfall tragen soll, hat ein verkehrspsychologisches Gutachten durch eine Professorin aus Graz gefordert. Die Erste Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Heike Will hat über den Antrag noch nicht entschieden. Die nächsten Verhandlungstermine finden am 8., 9., 10. und 15. Juni, jeweils um 9.30 Uhr, statt.


Im Mittelpunkt des Revisionsprozesses gegen den 28-jährigen Riederinger aufgrund eines Beschlusses des Bayerischen Obersten Landesgerichts steht – nach Verurteilungen durch das Amtsgericht Rosenheim und das Landgericht Traunstein – ein weiteres Mal ein schwerer Unfall am Abend des 20. November 2016. Zwei weitere Beteiligte wurden bereits rechtskräftig zu Strafen ohne und mit Bewährung verurteilt (wir berichteten). Ein 27-jähriger Mann aus Kolbermoor mit seinem gleichaltrigen Mitfahrer in einem Pkw BMW sowie der jetzige Angeklagte mit seinem 26-jährigen Beifahrer in einem zweiten BMW sollen einen sie überholenden Pkw VW Golf bei plötzlichem Gegenverkehr nicht zwischen sich einscheren haben lassen. Der VW Golf mit einem 28-jährigen Ulmer am Steuer zog damals auf der Überholspur kurz nach links, konnte den Frontalzusammenstoß mit einem Pkw Nissan Micra mit drei jungen Frauen an Bord aber nicht mehr verhindern. Nur eine der drei jungen Insassinnen, die von einem Abendessen in Kolbermoor heim nach Samerberg heimfahren wollten, konnte mit schwersten Verletzungen aus dem zerstörten Fahrzeug geborgen werden. Bis heute leidet die 23-Jährige unter massiven physischen und psychischen Folgen.

Die Nebenklägerin konnte nichts zum Unfallhergang beitragen. Sie kam erst zwei Tage später im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein. Die Erste Strafkammer befragte bereits den VW Golf-Lenker eingehend. Er muss allerdings nochmals zu einem noch nicht bekannten Termin in den Zeugenstand – weil Verteidigerin Iris Stuff aus Köln weitere Fragen an ihn hat. Er hatte in ersten polizeilichen Vernehmungen ein „Rennen“ zwischen den BMWs in den Raum gestellt – was in den bisherigen Gerichtsverfahren jedoch nicht belegt werden konnte. Die Insassen des ersten BMW wie der Beifahrer des Angeklagten wiesen ein Rennen stets zurück. Alle drei behaupteten, der VW Golf sei einfach auf der Überholspur geblieben, hätte dank ausreichend Abstand zwischen den BMWs aber jederzeit zwischen ihnen einscheren können. Der 28-Jährige auf der Anklagebank äußerte auch gestern kein Wort.

Acht Polizeibeamte hörte die Kammer an – Zeugen, die die Beteiligten nach dem Unfall oder im Krankenhaus vernommen hatten. Noch in der Nacht wurde ein 29-jähriger Beamter der Polizeiinspektion in die Miesbacher Straße beordert. „Dort sah es aus wie auf einem Schlachtfeld“, schilderte der Zeuge. Er sei zum Fahrzeug der Frauen gelaufen, wo sich bereits der Angeklagte um ein eingeklemmtes Opfer gekümmert habe. Der Polizist berichtete, der VW Golf-Fahrer habe sich selbst aus seinem Wagen befreien können. Die BMW-Insassen seien kurz befragt und anschließend in der Dienststelle vernommen worden.

Nicht persönlich an der Unfallstelle war eine Polizistin, die kurze Zeit später im Klinikum Rosenheim den Ulmer und dessen Beifahrerin vernommen hatte – in Gegenwart eines Arztes, einer Schwester und eines Seelsorgers. Die Zeugin wusste noch: „Er stand unter Medikamenten und hatte Schmerzen. Er ist psychisch und physisch zusammengebrochen. Es dauerte eine Zeit, bis er sich gefangen hatte. Dann hat er bruchstückhaft erzählt.“ Während der Vernehmung habe der inzwischen 28-Jährige „geweint und geschluchzt“. Schließlich habe sie die Vernehmung abbrechen müssen. Bei einer Nachvernehmung ein paar Tage später im Krankenhaus hatte der Hauptunfallverursacher nach Worten eines anderen Polizeizeugen „definitiv noch Probleme“: „Es ging ihm nicht gut. Er sprach langsam und abgehackt.“ Ein „Rennen“ erwähnte der Ulmer einem anderen Beamten gegenüber bereits am Unfallort. Der Polizist merkte zusätzlich an: „Ich habe nicht bemerkt, dass die BMW-Fahrer als Ersthelfer tätig waren.“ Ein Kollege informierte über „minutenlange Weinkrämpfe“ des Ulmers bei Anhörung durch ihn. Auch dabei war die Rede von einem „Rennen“ der BMWs.

Den Angeklagten befragte ein anderer Polizist mit als Erster. Dabei war schon bekannt, dass der Unfall zwei Todesopfer gefordert hatte. Die Stimmung des 28-Jährigen habe „geschwankt zwischen aufgelöst und gefasst“. Es sei es auch um den Abstand zwischen den BMWs und die Geschwindigkeiten der Fahrzeuge gegangen, betonte der Zeuge.

Die Polizeizeugen stützten ihre Aussagen vor Gericht durchwegs auf Protokolle und Aktenvermerke. Kaum jemand hatte nach mehr als vier Jahren Einzelheiten darüber hinaus im Gedächtnis. Fehlende und lückenhafte Erinnerungen – damit waren das Gericht, Staatsanwalt Jan Salomon, die Nebenklagevertreter mit Verletzten und Familienangehörigen der Todesopfer sowie die Verteidigerin auch bereits bei anderen Zeugen konfrontiert. Die Anwältin widmete sich gestern insbesondere einer Aussage des Ulmers, der die Miesbacher Straße als „Autobahn“ oder „autobahnähnlich“ bezeichnet hatte.

kd

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