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»Frieden fängt beim Frühstück an«

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Hat sich seit den siebziger Jahren kaum verändert: Katja Ebstein bei ihrem Konzert in Traunreut. (Foto: M. Heel)

In einem Interview in der jüngsten Ausgabe des »Stern« erwiderte die Sängerin und Schauspielerin Katja Ebstein auf die Anmerkung, dass ihre Konzerte heute eher politischen Kundgebungen ähneln würden: »Ist doch wunderbar! So muss es sein: Bravo und Buh. Da haben sich halt mal einige verlaufen. Trallala-Kabarett und heiapopeia – das hat es bei mir noch nie gegeben.«


Entsprechend engagiert und politisch gab sich Katja Ebstein bei ihrem Auftritt im ausverkauften Studiotheater des Traunreuter k1, wo sie ihr aktuelles Bühnenprogramm »Na und – wir leben noch!« vorstellte, exzellent begleitet von Stefan Kling am Piano. Ganz in Grau gekleidet, mit roter Aidsschleife und äußerlich kaum älter wirkend, seit sie Anfang der siebziger Jahre mit Hits wie »Wunder gibt es immer wieder« berühmt geworden war, präsentierte sie dabei einen kurzweiligen Mix aus Gesang, Rezitation und Dialog mit dem Publikum, der auch diejenigen, die vielleicht »nur« einen netten Schlagerabend erwartet hatten, überzeugt, wenn nicht sogar begeistert haben dürfte. Zumal ihre Stimme noch die Kraft ausstrahlte, die sie einst zur wohl erfolgreichsten Teilnehmerin des Europäischen-Schlager-Grand-Prix werden ließ – auch wenn sie nie den ersten Platz erreicht hat.

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»Ich singe für die Verrückten«, hieß denn auch ihr erstes Lied, gewidmet den Verrückten unter uns, die sich einmischen und kein Talent zum Opfer haben. Ähnlich engagiert, aber nie verbissen oder gar zynisch, ging es weiter, unter anderem mit Chansons, Texten und Gedichten von Stefan Sulke (»Du, lieber Gott, komm doch mal runter und schau dir die Bescherung an«), Hannes Wader (»Ich wünsche mir …«) und Hanns Dieter Hüsch, ihrem »Bruder im Geiste«, von dem sie die Gedichte »Ich setz auf die Liebe« und »Frieden fängt beim Frühstück an« vortrug.

Zwischendurch kritisierte sie die Auslandseinsätze der Bundeswehr, rief zu zivilem Ungehorsam auf (Stuttgart 21) und appellierte eindringlich, wählen zu gehen, ein Recht, das man nicht hoch genug schätzen könne. In der zweiten Hälfte ihres Programms beschäftigte sich die Künstlerin dann verstärkt mit der Liebe »in allen Variationen«. Ihre große Liebe, so Katja Ebstein, habe sie bereits in jungen Jahren entdeckt und aufgrund seiner Mischung aus politischem Engagement und tiefster Herzensempfindung zu ihrem Vorbild erkoren: Heinrich Heine.

Von ihm präsentierte sie die Gedichte »Die Liebe begann im Monat März« und Auszüge aus »Nachtgedanken«, wobei sie betonte, dass die berühmten Zeilen »Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht« nicht, wie so häufig angenommen, den politischen Zuständen gegolten hätten, sondern Ausdruck seiner Verzweiflung darüber waren, dass er, von der Heimat vertrieben und im Pariser Exil, seine Mutter vermutlich niemals wiedersehen würde.

Als Zugabe trug sie noch einige Gedichte von Bert Brecht vor, etwa das Drama einer religiös gewordenen Kellerassel, bevor sie sich nach gut zwei Stunden mit dem weltbekannten Marlene Dietrich-Lied »Sag mir, wo die Blumen sind?« endgültig verabschiedete, belohnt vom Riesenapplaus und Standing Ovations des sichtlich begeisterten Publikums. Wolfgang Schweiger