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Frenetische Frömmigkeit

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Unser Bild zeigt von links den Dirigenten André Gold und die Solisten Eva Schinwald, Gerda Lischka, Song Sung Min und David Steffens. (Foto: Hans Gärtner)

Es macht einen Unterschied zwischen Altöttingern und Neuöttingern, wird erzählt. Und gescherzt: Die Altöttinger lassen beten, die Neuöttinger beten selber. Dass sie es gar hochromantisch und enorm musikdramatisch können, das Beten, bewiesen sie bei der Eröffnung des diesjährigen »Musiksommers zwischen Inn und Salzach« in ihrer zu gut zwei Dritteln besetzten Pfarrkirche St. Nikolaus.


Klar, dass sich die Neuöttinger Schützenhilfe holten: aus Bad Reichenhall die (verstärkten) Philharmoniker, aus dem Mattigtal den dort bekannt ehrgeizigen Projektchor und vier Solisten aus der Euregio Inn-Salzach, die drauf und dran sind, grenzensprengende Bedeutung zu erlangen. Die fünfte Solo-Kraft wuchs in Neuöttings Mauern heran: Rosmarie Ecklkofer. Ihr Onkel ließ sie Geschmack am Chorsingen finden und legte den Grund für Studien in Salzburg und München, sodass die Sopranistin, seit 14 Jahren im Kirchenchor, auch als Solistin auftreten kann.

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So also schaut das Neuöttinger »Selberbeten« konkret aus. Ergänzt wird es von der Chorgemeinschaft Neuötting, die ihr Leiter André Gold, ein wahrer Wunderjunge an musikalischer Vielseitigkeit in Theorie und Praxis, als quasi hausgemachte Ingredienz seines, von ihm ins Leben gerufenen, Euregio-Oratorienchors so lange triezte, bis er die Laien-Begeisterung seiner Chorsänger(innen) in die Beinahe-Professionalität überführen konnte.

Beleg für solcher Art musikalischer Reifungsprozedur: der Auftakt zum »Musiksommer«, der nicht fulminanter hätte ausfallen können. An zwei Werke der katholischen Kirchenmusik-Exponenten des 19. Jahrhunderts wagte sich André Gold heran, schon mit einem Bein auf dem neuen Posten als künstlerischer Leiter des »Münchner Oratorienchors«: Franz Liszts »Graner Messe« (1 Stunde) und Anton Bruckners »Te Deum« (30 Minuten).

30 Jahre Entstehungszeit (1856/1886) sind nicht der einzige Unterschied zwischen den frenetischen Frömmigkeits-Bezeugungen zweier Gottgeweihter »in musicis«. Liszts »Missa Solemnis« braust machtvoll gen Himmel, gibt sich Wagnerianisch-leitmotivisch und macht aus der Schlichtheit des römischen Liturgie-Textes ein Adorations-Theater feierlichen Weihrauchgewölks. Wie Gold am Pult diesen felsigen Brocken immer wieder aufbröselte, aus dem Stein Sand rieseln lassen, Höhepunkte (etwa das »Dona nobis pacem«) auskosten und seine famosen Vokalisten und Instrumentalisten zum Freudentaumel versammeln konnte, grenzt an ein Wunder.

Bruckners Lobes-Hymnus verlangte dem ganz hinten am Hochaltar klebenden Chor noch mehr ab als es schon Liszts Katholen-Orgie tat. Doch ließen die unterm beleuchteten Auferstandenen Singenden so gut wie nichts an Hör-Wünschen – Präzision in der Diktion, Intensität des Drängens auf Rettung und Erbarmen – offen. Hier leuchtete erneut das nicht nur ausgewogene, nein, auch einzelstimmlich ausgereifte Gesangssolo-Quartett in den prunkvollsten Farben auf: der höhensicher-festgefügte Sopran der Eva Schinwald, der Händel- und Mozart-erprobte Mezzo der Gerda Lischka, der ehrliche, lupenreine, samtige Tenor des Song Sung Min und der virile Bass des staunenswert wandelbaren David Steffens.

Aufwühlender, erregender hätte der »Musiksommer«-Anfang nicht ausfallen können. André Gold ist ein Meisterstück gelungen. Dass er die Provinz verlässt, ist verständlich und sei ihm gegönnt. Möge er ziehen, um bald wieder zu kommen. Gäste mit so viel Temperament, dem Stachel der Ansteckung und dem Feuer der Jugend sind stets willkommen. Um ein solches Niveau, wie die »Bet-Stadt« Neuötting es mit diesem Initiations-Konzert erleben durfte, zu erreichen, geschweige denn zu halten, muss sich der »Musiksommer« aber nun schon schwer ins Zeug legen. Hans Gärtner