weather-image

Fragezeichen hinter leeren Seiten

Bücher ohne Inhalt. Alte Folianten mit leeren Seiten. Signalisieren sie den Zerfall unserer Kultur? Verweisen sie auf den Niedergang der Literatur? Zeigen sie den Verlust zwischenmenschlicher Kommunikation? Lassen sie sich als Menetekel, gar als Memento Mori für eine Endzeit lesen? Man kommt ins Grübeln vor den Arbeiten des amerikanischen Künstlers Ed Ruscha, dessen irritierender Werkkomplex »Bücher.Bilder« jetzt im Brandhorst-Museum in München in einer doch recht spröden, wenig sinnlichen Ausstellung präsentiert wird. Sie ergänzen die Kollektion der Künstlerbücher, welche die Sammlung besitzt.

Drei Riesen-Gemälde empfangen den Besucher, die so perfekt gemalt sind, dass man auf den ersten Blick von ihrer Dreidimensionalität überzeugt ist. Sie erscheinen als monumentale, wertvolle Folianten, deren materielle Alterung spürbar wird. »Old Book Back Then« erscheint noch makellos mit seinen gebleichten Blättern ohne jedes Wort. Bei »Old Book Today« zeigen sich erste ist die Verfallserscheinungen auf den vergilbten Seiten, Wasserflecken, Knicke, bei der dritten, raumsprengenden Arbeit »Old Book from Warmholes« ist der Prozess der sukzessiven Zerstörung noch weiter fortgeschritten ... Auf jeden Fall stellen diese mit altmeisterlicher Akribie hergestellten Gemälde die Wahrnehmung in Frage. Nicht anders geht es dem Besucher mit weiteren Werken, Bildern und Fotografien, die wie abstrakte Formen, wie formale Kürzel aussehen und meist diagonal auf der Fläche stehen – und sich als Bücher in Seitenperspektive erweisen. Auch einige Original-Bücher sind vorhnden – doch sie lassen sich nicht öffnen!

Anzeige

Wie sehr Ed Ruscha weitere Künstler-Generationen in den USA inspirierte, zeigt die Ergänzung durch die Werke jüngerer Kollegen. Seine Serie der »Gasoline-Stations«, in ihrer bewussten Neutralität unspektakuläre Aufnahmen, deren einzige textliche Ergänzung die Ortsangabe darstellt, während die Typographie des Bandes formal und ästhetisch ausgewogen erscheint, wurde fortgeschrieben und manchmal politisch aufgeladen.

Bücher beschäftigen den 1937 geborenen Amerikaner seit Jahrzehnten. Zwar jünger als seine Kollegen der Generation Pop, Andy Warhol, Robert Rauschenberg oder Jasper Johns, holte auch er zunächst seine Inspirationen aus der Alltagskultur der Massen mit ihrer Werbung und dem Kino, malte Gebrauchsgegenstände und Firmenlogos, Hotels, Parkplätze oder Tankstellen.

Später kam im Stile der Concept Art die Verschränkung von Texten und Bildern hinzu. Jeder seiner schmalen Bände wird von Ruscha nicht nur selbst produziert, sondern auch verlegt und vertrieben. Dabei galt sein Hauptinteresse der Fragestellung, wieweit ein Künstler durch Gesamtform, Farbgebung und Typographie Assoziationen wecken kann. Von dort zum radikalen Schritt der leeren Seiten war es jedoch noch eine längere Entwicklung. Die Ausstellung dauert bis 22. September und ist jeweils von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und am Donnerstag bis 20 Uhr geöffnet. Barbara Reitter