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Österreichische Erstaufführung der Komödie »Döner zweier Herren« im Heckentheater

Fest der Charakterköpfe

»Zieht euch warm an, das ist mein Rat fürs Leben«, warnt der Winkeladvokat Doktor Lombard seine Tochter und den Schwiegersohn in spe. Damit schöpft er vermutlich aus eigener Erfahrung.

»Freiluftlachen« im Heckentheater Salzburg: »Raus aus der Hochzeitssuite«, zetert Vater und Wirt Gundolf (Axel Meinhardt), als der jäh das Brautpaar (Genia Maria Karasek und Tim Oberließen) vom Turteln abhält. Gastronomiearbeiterin Blondina (Nikola Rudle) bleibt cool. (Foto: Landestheater)

Was, wenn man zwar arbeitet, aber trotzdem nicht satt wird? Wenn man völlig zu Unrecht eine schallende Ohrfeige bekommt, ohne (angeblich) auch nur im Ansatz den Grund für den »Schlag ins Gesicht« zu kennen? Was, wenn ein (Ehe)-Versprechen gleich doppelt eingelöst werden soll, ein Vater sein maximal heiratsfähiges Töchterchen – gegen ihren Willen – gleich zweimal »verkauft«? Das Salzburger Landestheater knöpfte sich in seiner aktuellen Spielzeit im Heckentheater das Salzburger Mirabellgartens unter der Regie von Michael Moritz die Goldoni-Neufassung »Döner zweier Herren« von John von Düffel vor und feierte mit einem neunköpfigen Ensemble, das mit seiner zuweilen frivolen Spielwut die Salzach zum Kochen brachte, eine fulminante Premiere und österreichische Erstaufführung.

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Eine verrückte Geschichte in rasantem Tempo: Irrungen und Wirrungen, weiß geschminkte Gesichter, die in weltmeisterlicher Gesichtsmuskelakrobatik im Minutentakt die wehrlosen Zwerchfelle der Zuschauer attackieren und eine Frau in Männerkleidern. Ein Missverständnis jagt das nächste und stellt ihm noch ein Bein. Immer wieder schallende Ohrfeigen und Türenknallen. Vier Türen genügten als Bühnenbild. Die geschmackvoll geschneiderten Kostüme (Katja Schindowski) unterstrichen vortrefflich die Marotten der Charakterdarsteller, die sich zwischen heißen Liebesschwüren und hinterfotzigen Gemeinheiten die Bälle zuspielten.

Slapstick der Renaissance, Commedia dell’arte in Reinform oder Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Nur die Schreibweise hat sich geändert. Goldonis »Diener zweier Herren« klappte damals und trifft heute noch, in John von Düffels Neufassung, in modernisiertem Gewand, ins Schwarze. Carlo Goldoni hätte gestaunt über die neuzeitliche Adaptation seines Erfolgsstücks. Schließlich gab es Charakterköpfe wie den Klugscheißer Dottore, den Geizkragen Pantalone, den listig-verschlagenen Diener Truffaldino, intrigante, nimmersatte Wirte und weibliche Prachtexemplare wie Pantalones zuckersüß-selbstbewusstes Töchterlein Clarice schon vor 300 Jahren.

Michael Moritz’ Inszenierung von »Döner zweier Herren« passt in die Mozartstadt wie Salzburger Nockerln in die feuerfeste Form – und genauso lecker schmeckte sie dem vollauf begeisterten Publikum: Der türkische Diener Kemal (Gregor Schleuning) sucht sich, weil er nicht satt wird, einen weiteren Job – also einen zweiten Herren. Dass der »Neue«, Florian Müller (Marco Dott), der Geliebte des »alten« Herren ist, der »alte« Herr eine Frau ist (Christiane Warnecke) und beide nicht gerade »essensorientiert« sind, kann er nicht ahnen. Er bleibt hungrig und übt sich im kreativen Lügen, um nicht aufzufliegen.

Der adipöse Gastronom Gundolf (Axel Meinhardt) leidet zwar keine Hungersnot, hat aber ein anderes Problem: Seine nymphomanische Tochter Rosi (Genia Maria Karasek) soll gewinnbringend unter die Haube gebracht werden. Nachdem der erste Heiratsversuch aufgrund des unerwarteten und gewaltsamen Ablebens des Bräutigams und Mafiahelden scheitert, kommt der flippige und meist sehr potente Anwaltssohn Siegfried (Tim Oberließen) gerade recht. Sein Herr Papa, Doktor Lombard (Walter Sachers), reitet konservativ geldgeil Paragraphen, das »brave« Söhnchen hingegen lieber seine Künftige vor der Hochzeitsnacht schon mal Probe: Ein Höhepunkt jagt lautstark den nächsten.

So weit, so gut. Als plötzlich der totgesagte »Bräutigam« (seine Zwillingsschwester in Frauenkleidern) auftaucht, wird die Chose kompliziert. Wer liebt nun wen und soll wen heiraten? Ein wahnwitziges Tohuwabohu bricht aus, indem sich die Figuren gegenseitig emotional hochschrauben. Der ewig hungrige Diener Kemal versucht, es allen recht zu machen – und nebenbei, wenn schon keinen Döner, dann doch wenigstens die Liebe von Gundolfs Angestellter Blondina (Nikola Rudle) zu ergattern.

Zu guter Letzt, wie sich das für eine gute Komödie gehört, wurden aber doch alle satt und jedes Töpfchen fand sein Deckelchen. Das Premierenpublikum, das auch innerhalb des Stücks nicht mit Zwischenapplaus gegeizt hatte, bedankte sich für einen »Lach-Tränen« reichen Abend mit einem jubelnden Schlussapplaus.

Weitere Spieltermine im Heckentheater sind am heutigen Donnerstag und am Samstag. Karten gibt es unter 0043/662/871512222 oder service@salzburger-landestheater.at. Kirsten Benekam