weather-image
-1°

Faszinierende Vernetzungen wecken Assoziationen

1.0
1.0
Bildtext einblenden
Ein Blick in den zweiten Stock der Städtischen Galerie, der ganz von den Installationen aus Nylonstrumpfhosen bespielt wird.

Vernetzung und Vernetztsein ist nicht nur in der globalen Welt das Thema schlechthin. Auch Gesellschaften, Familien, Körper- und Gehirnzellen sind untereinander vernetzt. Den reizvollen Versuch, solchen Netzwerken in der bildenden Kunst nachzu-spüren, wagt die neue Ausstellung »Nylons und andere Netze. Material und Idee« in der Städtischen Galerie Traunstein. Die Ausstellung ist Bestandteil des Programms der Chiemgauer Kulturtage von 14. bis 24. Juli und wurde von der Leiterin der Städtischen Galerie, Judith Bader, im Rahmen des bayernweiten Kulturfestivals »Gewebe« konzipiert.


Der erste Stock ist ganz den nicht gegenständlichen Bildern von Liesbeth Wohrizek gewidmet. Die große Künstlerin ist im letzten Jahr verstorben und wäre heuer 80 Jahre alt geworden. Die Städtische Galerie ehrt mit dieser Präsentation das Schaffen und Werk der Künstlerin, die weit über die Region hinaus bekannt war. 2013 war sie mit Cosima Strähhuber die erste Preisträgerin des Traunsteiner Rote-Reiter-Preises.

Anzeige

In der Präsentation sind ihre eindrucksvollen Leinwandbilder tief gehängt, damit der Betrachter gleichsam in den Farbraum des Bildes eintauchen kann. In immer harmonischer Farbeinheit mit einem vorherrschenden Farbton bedeckt ein dichtes Gewebe aus temperamentvoll aufgetragenen Farben die Leinwand. Dabei sind die Leinwände in einem langen Prozess des Malens und Übermalens mit vielen Malschichten bedeckt, sodass ein ineinander verwobenes Geflecht entsteht. Die Oberfläche ist getragen von vielen darunter liegenden Farbschichten, die – stellenweise freigelegt – den Blick des Betrachters in die Tiefe lenken.

Die Musik kann ein Schlüssel zum Verständnis der Werke von Liesbeth Wohrizek sein. Von »Farbklängen« sprach die Künstlerin gerne selbst, denn sie pflegte sich beim Malen, von klassischer Musik tragen und inspirieren zu lassen und umrundete gleichsam tanzend das auf dem Boden liegende Bild, während sie ihre Pinselstriche setzte. Dabei können Wohrizeks Bildkompositionen selbst wie vielstimmige Farbakkorde wirken. Ihre Leinwandbilder vermitteln den Eindruck einer großen schöpferischen Lebensfreude. Die ebenfalls mit einigen Radierungen ausgestellte Druckgrafik ist dagegen eher geprägt von gestalteri-scher Disziplin und formaler Konsequenz.

Völlig ungewohnt und faszinierend präsentiert sich der zweite Stock der Städtischen Galerie. Die Künstlerin Monika Ortmann, die unter anderem in Berlin und Bochum lebt, hat eigens für diesen Raum in Traunstein eine raumgreifende Installation aus Nylonstrumpfhosen geschaffen. Kaum betritt der Besucher den Raum, empfindet er sich unwillkürlich als integrativer Bestandteil dieser im Raum aufgespannten, sternförmigen Vernetzung. Die Strumpfhosen sind in warmen Erdfarben gehalten, von Ortmann selbst eingefärbt. Dazu gibt es zwei exotisch anmutende Wandinstallationen aus schwarzen mit Applikationen und Mustern versehenen Tangostrumpfhosen. In einem Videofilm wird gezeigt, wie sich eine Tänzerin im Nylongespinst einer Installation von Monika Ortmann bewegt. Sie laviert zwischen den Polen von Verstrickung und Einengung und dem selbstbewussten Spiel mit weiblichen Rollenklischees – teils ist sie als Objekt gefangen, teils als Akteurin dominant.

Die Assoziationen zur Rauminstallation können vielfältig sein. Man könnte darüber nachdenken, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verflochten sind, welch gesellschaftlich-soziale Zusammenhänge es gibt, aber auch wie das Internet mit seinem globalen Vernetzungssystem unsere Vorstellung von Wirklichkeit beeinflusst.

Seit den 1970er Jahren experimentiert Monika Ortmann mit dem einerseits stabilen und flexiblen, andererseits transparenten und ausgesprochen weiblich belegten Material der Nylonstrumpfhosen. Sie absolvierte ein Studium der Kunst und Visuellen Kommunikation in Berlin und Dortmund, belegte Kurse für Fotografie und war zu Studienzwecken im Orient.

Anfang der 40er Jahre wurde die damals extrem teure Nylon-strumpfhose für die Kunst gewonnen und auch andere Kulturtechniken wie Stricken, Häkeln etc. als vollwertige künstlerische Verfahren etabliert. »Im Akt der künstlerischen Transformation kommt es zu einer Aneignung, Bewusstmachung und Umwertung von Material, Technik und deren gesamten komplexen gesellschaftlich-sozialen Bedeutungsebenen«, erklärte Judith Bader in ihrer Einführungsrede. In der Kunst von Monika Ortmann geht es darum, mit den Dingen der Wirklichkeit unsere Wahrnehmung und Einordnung von Realität zu hinterfragen und unsere Verwobenheit in komplexe Strukturen sichtbar zu machen.

Die anregende Ausstellung »Nylons und andere Netze. Material und Idee« läuft bis zum Ende der Chiemgauer Kulturtage am Sonntag, 24. Juli. Öffnungszeiten sind mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Führungen von Gruppen sind nach Absprache möglich, Telefon 0861/164 319. Christiane Giesen

- Anzeige -