weather-image
19°

Farbenfischen mit Frau Ultramarin

Zufällig findet der Kunstinteressierte nicht in DASMAXIMUM. Er muss sich schon extra auf den Weg machen, um in den Genuss, den DASMAXIMUM seinen Besuchern bietet, zu kommen. Aber der Weg nach Traunreut wird mit einer eindrucksvollen Kunsterfahrung belohnt. Repräsentative Werke vier deutscher und vier amerikanischer Künstler – Georg Baselitz, Imi Knoebel, Uwe Lausen, Maria Zerres, John Chamberlain, Walter de Maria, Dan Flavin und Andy Warhol – entfalten in der ruhigen und angenehmen Atmosphäre des großräumigen Tageslichtmuseums ihre volle Wirkung. Kunst der 1960er Jahre bis heute kann hier auf wunderbare Weise entdeckt und erlebt werden.

Von Maria Zerres, der einzigfen Frau unter dn ausgestellten Künstlern, zeigt DAS MAXIMUM elf großformatige Arbeiten. (Alle Fotos: Franz Kimmel)

Auf dem ehemaligen Firmengelände seines Vaters errichtete der international renommierte Kunstsammler Heiner Friedrich vor zwei Jahren die Stiftung DASMAXIMUM. Er erkannte das Potenzial der einstigen Werkhallen, in denen in den 50er Jahren der Kleinwagen »Spatz« produziert wurde, und ließ sie zu mehr als 3000 m² Ausstellungsfläche umbauen. Maria Zerres, die seit 1999 eines ihrer Ateliers auf dem Gelände der Stiftung hat, gestaltete die Giebelseiten der Ausstellungshallen in Rot und Gelb und das Dach mit in »Matisse-Blau« glasierten Dachziegeln und stimmt so den Besucher darauf ein, was ihn in den alten Werkhallen erwartet. Rot, Gelb und Blau – drei Farben und doch alle Farbtöne auf einmal – erlebt der Besucher auch, wenn er in Imi Knoebels Saal mit der Werkgruppe »Fishing« von 2007/2008 steht.

Anzeige

Um dem rasanten Wechsel im Kunstbetrieb entgegenzuwirken, zeigt DASMAXIMUM die Werke der acht Künstler grundsätzlich als Dauerausstellung. Jedoch hat sich seit der Eröffnung vor zwei Jahren einiges getan: Eine sechsteilige frühe Arbeit des Lichtkünstlers Dan Flavin wird in der neuen Eingangshalle präsentiert. Außerdem hat ein Raumwechsel zwischen den Künstlern Maria Zerres und Uwe Lausen stattgefunden. Mit der Entscheidung einer neuen Hängung bei Lausen können nun über 40 Bilder aus seinem Œuvre entdeckt werden. So kann der Besucher die rasante Entwicklung seines Werks nachvollziehen, das er in nur neun Jahren schuf.

Uwe Lausen lernten Heiner Friedrich, seine Frau Six Friedrich und deren Freund Franz Dahlem kennen, noch bevor sie 1963 in der Münchener Maximilianstraße ihre legendäre Galerie Friedrich & Dahlem eröffneten. Der Visionär Heiner Friedrich arbeitete mit vielen Künstlern seit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahnen zusammen, darunter die Künstler des DASMAXIMUM, aber z. B. auch Joseph Beuys, Gerhard Richter und Cy Twombly.

Lausens erste Werke waren häufig abstrakt und stark von dem Stil der SPUR-Gruppe, der er sich anfangs anschloss, geprägt. In der Galerie Friedrich & Dahlem stieß er 1964 in einer Ausstellung auf die britische Pop-Art und den Künstler Francis Bacon. Rasch fand Lausen dann zu seinem ganz charakteristischen Stil, indem er die deformierten und entstellten Körperteile, die man aus Bacons Bildern kennt, mit den schrillen Farben und dem grafischen Stil der Pop-Art kombinierte.

Lausen war als deutscher Künstler interessiert an der Aufarbeitung der Nazizeit in einer Gesellschaft, in der auf der einen Seite die rebellierende Jugend aufbegehrte, während sich auf der anderen Seite der verklemmte Spießbürger in sein Privatleben verkroch.

Den amerikanischen Pop Art-Künstlern ging es hingegen um das Infragestellen des exzessiven Konsums und des Nacheiferns von Ikonen aus Film, Politik und Werbung. Andy Warhol ist im DASMAXIMUM mit einigen wenigen seiner bekannten seriell gefertigten Siebdrucke zu sehen, darunter »Camouflage« (1986). Das grüne, eine ganze Wand ausfüllende Camouflage-Muster des Bildes verändert seine Erscheinung stetig mit dem wechselnden Tageslicht. Die Mehrzahl der Werke hier sind weniger bekannte, aber nicht weniger bedeutende aus den letzten Lebensjahren des Künstlers, in denen Warhols gesellschaftskritische Seite noch deutlicher als in seinem Frühwerk zu erkennen ist.

Während bei vielen Pop Art- Künstlern die Kritik oft eher versteckt in den Bildern auftaucht, wird bei Lausen der bittere Ernst knallhart präsentiert. In seinen Bildern analysiert Lausen, was sich hinter den geschlossenen Türen eines bürgerlichen Wohnzimmers abspielen kann: Szenarien der Gewalt und des Drogenkonsums und somit auch Szenen, die außerhalb der Realität stattfinden.

Im Baselitz-Raum geht der Besucher direkt auf das Porträt von Oda Dahlem zu. Ursprünglich war es sogar ein Doppelporträt des Ehepaars Franz und Oda Dahlem. Das Bild hat also einen direkten Bezug zur Sammlung und ist typisch für Baselitz, in dessen Gesamtwerk Porträts von Freunden und Familienmitgliedern einen besonders großen Raum einnehmen. Baselitz arbeitete über sieben Jahre immer wieder an diesem Bild, bis er es irgendwann auf den Kopf stellte und schließlich 1977 beendete: Baselitz' wohl bekanntestes Charakteristikum – sein »Auf den Kopf stellen« der Motive – war geboren. Baselitz ist mit vier Gemälden aus allen wichtigen Perioden seines Schaffens sowie einer Holzskulptur im DASMAXIMUM vertreten. Die ausdrucksstarke, grob gehauene Skulptur »Frau Ultramarin« ist ein Porträt seiner Frau Elke. Sie fügt sich so gut in den Ausstellungsraum mit den hölzernen Dachstühlen und dem hellen Parkettboden ein, als sei sie genau für diesen Ort geschaffen worden.

Maria Zerres – die einzige Frau unter den ausgestellten Künstlern – ist mit insgesamt elf großformatigen Arbeiten aus den Jahren 2010 und 2012 in zwei lichtdurchflutete Räume eingezogen. Ihr Umgang mit der Farbe ist bemerkenswert. Mit schwungvollem Pinselstrich schafft sie figürliche Bilder von überwältigender Farbwucht.

Die »Nordhalle« ist John Chamberlain gewidmet. Seine Skulpturen aus Autoblech sind von rhythmischer Dynamik und erwecken trotz der Schwere und Härte des Materials den Anschein von Leichtigkeit. Humorvoll ebenso wie poetisch sind die Titel, die Chamberlain seinen Skulpturen gibt. Auf dem glänzenden Edelstahl von »Grandma's Hat« (1981) oder auch »Lorelei's Passion« (1982) setzt das Tageslicht schöne Akzente. Ergänzt werden die neun Skulpturen von einer Serie von 30 »Wide-Lux«-Fotografien, die mit geschwungenen Linien aus Licht und Farbe die Lebendigkeit der Metallarbeiten komplementieren.

Der Kunstsammler Heiner Friedrich förderte immer schon leidenschaftlich Künstler der Land Art und der Minimal Art. Vor allem war ihm dies als Mitbegründer der 1974 in New York ins Leben gerufenen Dia Art Foundation möglich. Doch schon in seiner Galerie in München ließ er 1968 Walter de Maria seinen heute legendären »Earth Room« präsentieren und stieß damit auf Unverständnis in der Galeriewelt und beim Publikum. Inzwischen ist Walter de Maria einer der Hauptvertreter der Land Art und der Minimal Art.

Im DASMAXIMUM ist Walter de Maria mit drei Paaren der aus insgesamt 25 Paaren bestehenden »Equal Area Series« (1976/77) vertreten: fast identische, hochglanzpolierte, in eine Reihe gelegte Edelstahlkreise und -quadrate. Jedes Quadrat wird von Paar zu Paar um einen Inch größer. Die Flächen des Quadrats und des Kreises, die jeweils eine Zweiheit bilden, sind gleich groß. Die Reihe der Paare kann bis in das Unendliche weitergedacht werden. Die Präsentation der »Equal Area Series« im DASMAXIMUM ist sehr gelungen. Auf dem Edelstahl der Skulpturen spiegelt sich der Umraum, der das Werk umgibt. Die Balken des hölzernen Dachstuhls zeichnen dunkle Linien auf die liegenden Stahlskulpturen und rhythmisieren die Spiegelung der weißen Wände. Dieser Raum lädt ein zur Meditation.

Skulpturen mit elementaren Formen und serieller Wirkung sind typisch für die Minimal Art. Der äußere Bezugsrahmen, von dem die Wirkung der Werke zum großen Teil abhängt, wird dadurch wichtiger denn je. Die Präsentation der raumgreifenden Leuchtstoffröhreninstallation »European Couples« (1966-77) des amerikanischen Künstlers Dan Flavin beweist, wie wunderbar die sinnliche Erfahrung sein kann, wenn man seine Installationen einmal nicht in das Untergeschoss eines Museums sperrt. Die »European Couples« – die DASMAXIMUM als erstes Ausstellungshaus komplett zeigt – sind in einem ehemaligen Schulhaus untergebracht. Durch die Fenster ist der angrenzende Wald zu sehen. Tageslicht fällt in den Raum – genau so viel, dass der Installation nichts von ihrer eigenen strahlenden Wirkung genommen wird. Der Besucher wandert durch ein Farbenmeer aus Licht. Eine magische Interaktion zwischen Kunst und Mensch findet statt. Die Welt kann, wie bei den Land Art- Künstlern, als zu gestaltendes Material gesehen werden – der Ausstellungsraum wird unendlich. Auch hier ist ein Ort der Kontemplation entstanden, selbst wenn der Künstler sich immer wieder dagegen wehrte, seinen Werken einen metaphysischen Gehalt zuzusprechen. »Es ist, was es ist und nichts anderes… Alles wird klar, offen und einfach vermittelt«, so Flavin über seine Kunst. Eine Aussage, die auch auf DASMAXIMUM übertragen werden kann.

Der Einfluss der Minimal Art-Bewegung und die damit verbundene Reduktion der Formen und des Materialeinsatzes zeigt sich auch in Imi Knoebels raumgreifendem Werk »Habe und Ehre« (1985). Traditionelle Kunstgattungen und Werkformen sind überwunden, das manuelle Malen wird – hier durch die Verwendung industriell produzierter Hartfaserplatten – außer Kraft gesetzt.

DASMAXIMUM schafft Räume für die Kunst; die Künstler werden geehrt, nicht der Sammler. »Meine Hauptaufgabe im Leben ist es, Diener der Kunstwerke zu sein«, so Heiner Friedrich 2008 in einem Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Nichts lenkt im DASMAXIMUM davon ab. Erklärungstafeln und Audioguides sprechen gegen die Philosophie des Stifters. »Kunstwerke sind für mich lebendige Wesen, sie sprechen für sich selbst«, so Friedrich. Dennoch gibt es ab sofort aufgrund der großen Nachfrage eine Broschüre mit Informationen zu Künstlern und Werken.

DASMAXIMUM ist, weil es seinen Besuchern eben keine Interpretationsvorschläge für die Kunst bietet, sondern auf eigene Erfahrung mit der Kunst setzt, ein Ort, in dem das Sehen geschult wird. So ist es auch für Schulklassen eine Bereicherung. Da die Künstler entweder mit repräsentativen Werkgruppen oder retrospektivisch ausgestellt werden, ist ein guter Überblick gewährleistet. Wie könnte der Kunstunterricht also spannender und lehrreicher als mit einem Besuch im DASMAXIMUM gestaltet werden?

Alle Besucher sollten jedoch »gut gegessen« in das Museum kommen. Denn so groß der Kunstgenuss im DASMAXIMUM auch ist, die Suche nach kulinarischem Genuss ist vergeblich. Ein Café gibt es nicht. Warum auch? Es gibt ja auch keinen Erfrischungsstand, wenn man ein Land Art-Projekt in der Wüste besucht, wird sich Heiner Friedrich zu dem Thema denken.

Und plötzlich erscheint es schlüssig, ein Museum mit derartig hochkarätigen Arbeiten abgelegen vom sonstigen Kunstbetrieb zu setzen. Verweist dies doch auf eine wunderbare Parallele zu der Kunst, die Friedrich sein Leben lang verfolgte und förderte, der Land Art, bei der sich der Kunstinteressierte auch bewusst entschließen muss, ihr zu begegnen. Hätte er das Anwesen nicht ohnehin geerbt, er hätte es zu diesem Zweck – wie die Grundstücke des DIA:Beacon nördlich von New York und von Donald Judds Chinati Foundation in Texas – glatt erwerben müssen.

Kontakt: Dr. Birgit Löffler (Museumsleitung), Fridtjof-Nansen-Str. 16, 83301 Traunreut; Tel 08669/1203 713. Öffnungszeiten: Winterzeit bis 30. 3. 2013: Sa und So 11-16 Uhr; Sommerzeit ab 31. 3. 2013: Sa und So 12-18 Uhr, sowie Fr für Gruppen nach Anmeldung.