weather-image

Familiendrama in Berlin: Die Frage nach dem «Warum»

Berlin (dpa) - Nach dem schockierenden Familiendrama im feinen Berliner Stadtteil Gatow, bei dem ein Mann seine Frau und zwei Söhne tötete, fragen sich Anwohner: Hätten sie etwas merken können?

Familiendrama in Berlin
In diesem Mehrfamilienhaus in Berlin entdeckte die Polizei die vier Leichen. Foto: Sebastian Kunigkeit Foto: dpa

Als Feuerwehrleute die Tür der Wohnung im Berliner Stadtteil Gatow aufbrechen, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens. Zwei Kinder und die beiden Eltern liegen am Dienstagabend tot im Dachgeschoss des zweistöckigen Apartments - die Leichen sind angesichts der Sommerhitze bereits stark verwest. Schnell wird klar: Der 69 Jahre alte Vater hat offensichtlich Frau und Kinder getötet und sich dann selbst mit einer Plastiktüte über dem Kopf das Leben genommen.

Anzeige

Die Ermittler finden einen Abschiedsbrief. Der Wirtschaftsberater schreibt von Geldproblemen. Den Tathergang listet er chronologisch auf. Dass der Mann seine 28-jährige Ehefrau sowie die drei und sechs Jahre alten Söhne wegen seiner Schulden umbrachte, ist für die Nachbarn am nächsten Morgen unfassbar.

«Dass jemand einfach so auch über das Leben anderer entscheidet, dafür fehlt mir jedes Verständnis», sagt ein Mann mit starrem Blick. Doch seine fast einjährige Tochter verschonte der Vater - warum, ist bislang ein Rätsel.

«Gutbürgerlich» beschreiben die Menschen die Gegend am westlichen Stadtrand Berlins. Viele Grundstücke liegen direkt an der Havel, verfügen über eigene Bootsanlegestellen - so auch das noble Mehrfamilienhaus, in dem sich das Familiendrama abspielte.

Etwa sieben Jahre sollen der Mann und seine mehr als 40 Jahre jüngere Frau dort schon gewohnt haben. Nach Angaben von Bekannten hatte die Mutter der drei Kinder früher für ihn als Sekretärin gearbeitet.

Die Frage, warum es zu der Tragödie kam, lässt die Anwohner nicht los. «Erst letzte Woche hat die Familie im Garten die Einschulung des Ältesten gefeiert», sagt ein Rentner aus dem Hinterhaus am malerischen Flussufer. «Da sprangen die Jungs noch auf ihrem Trampolin herum.»

Die Nachbarn haben von Schulden oder Problemen der Familie nichts gewusst. «Einmal hat die Frau die schlechte Auftragslage ihres Mannes erwähnt, das war aber auch alles», sagt eine 41-jährige Nachbarin von gegenüber. «Wir haben uns oft im Garten über unsere Kinder unterhalten. Über Sorgen hat sie eigentlich nie gesprochen.»

Am Dienstag hatten Nachbarn Alarm geschlagen, weil die Familie nicht mehr wie sonst draußen zu sehen war. Ein Löschzug der Feuerwehr und ein Krankenwagen rücken aus. Die Polizei ist schon vor Ort, als die Rettungskräfte Minuten später eintreffen. Sie haben keine Chance mehr, die Familie zu retten.

Mehrere Nachbarn wollen die junge Mutter noch am Samstag gesehen haben. «Wir kamen am Mittag aus dem Urlaub zurück, als sie gerade wegfahren wollte», ergänzt die 41-Jährige. «Wir haben uns noch kurz begrüßt - da schien noch alles normal zu sein.»

Am Sonntag brennt die Sonne über Berlin, Meteorologen messen Spitzentemperaturen. Die meisten Anwohner sitzen an diesem Tag am kühlen Havel-Ufer - nur die Familie fehlt. «Das kam mir komisch vor, weil die Familie bei solch einem Wetter sonst immer am Wasser ist», sagt ein 38-Jähriger. «Weiter darüber nachgedacht habe ich nicht.»

In der Nacht zu Montag legt der Vater seine kleine Tochter in der Babyklappe ab. Unmittelbar davor oder danach soll der 69-Jährige nach ersten Angaben von Ermittlern seine Frau und die zwei Söhne erstickt haben. Zuvor könnte er sie betäubt haben, vermuten die Ermittler. Rettungskräfte finden ihre leblosen Körper im Kinderzimmer.

Noch am Montagnachmittag sehen Nachbarn den Wirtschaftsberater - da sind die Kinder und die Mutter wohl bereits seit Stunden tot. «Ich habe ihn noch gegen 14.00 Uhr gegrüßt, als ich zur Arbeit gefahren bin», sagt die 41-Jährige aus dem gegenüberliegenden Haus. Sie ist wohl eine der Letzten, die ihn gesehen hat. «Er wirkte angespannt, aber das war er meistens.» Laut Polizei nahm sich der Mann dann später das Leben. Eine Obduktion soll den genauen Zeitpunkt klären.

Die meisten Anwohner erfahren die Horror-Nachricht erst am Mittwochmorgen. Wegen der sintflutartigen Regengüsse am Vorabend haben sie nicht viel von dem Noteinsatz vor ihrer Haustür mitbekommen. Einige ältere Frauen vom Nebenhaus stehen fassungslos an der Straße. Eine Rentnerin weint. «Warum haben sie nichts von ihren Sorgen erzählt, wir hätten ihnen doch geholfen.»