Prozess gegen Lehrerin in Traunstein: Schülerin am Pullikragen gepackt – Wie Schulamt und Lehrerverband mit Vorwürfen umgehen
Bildtext einblenden
Foto: Symbolbild (dpa)

Falscher »Impfarzt« stand unter Finanzdruck

Um seine angespannte finanzielle Situation in den Griff zu bekommen, kam der 50-jährige Stefan H., derzeit als »falscher Impfarzt« wegen 1450 Fällen von Körperverletzung an Impflingen in Rosenheim und Karlsfeld vor dem Landgericht Traunstein, auf ungewöhnliche Ideen. Auf seinen Datenträgern fanden sich Bewerbungen als »Profilercoach«, »Teamleiter«, »Allrounder« und als »Trainee in der Heimleitung« bei verschiedenen Einrichtungen. Vor der Sechsten Strafkammer mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler wurde am Donnerstag, dem dritten Prozesstag, bekannt, dass er durchschnittlich nur 250 Euro pro Monat zum Leben hatte.


Unter Vorlage einer selbstgefertigten Approbationsurkunde mit Tippfehlern und unter Verwendung von zwei falschen Doktortiteln hatte sich der Theologe aus Ottobrunn Ende 2020/Anfang 2021 bei den Impfzentren Rosenheim und Karlsfeld als »Impfarzt« beworben. Während er laut Anklage der Staatsanwälte Markus Andrä und Thomas Langwieder in Karlsfeld nur einen Tag Mitte März 2021 aktiv im Einsatz war, nahm er in Rosenheim, auch über Mobile Impfteams in mehreren Heimen im Landkreis, zwischen 3. Februar und 23. März 2021 persönlich Impfungen vor bzw. überwachte er Impfungen durch Fachpersonal als »verantwortlicher Impfarzt«.

Über seine Verteidiger hatte der ansonsten schweigende Angeklagte sinngemäß erklären lassen, er habe aus Liebe zu Menschen gehandelt und um sich selbst zu verwirklichen. Folgt man den am Donnerstag gehörten Zeugen, spielten jedoch finanzielle Gründe ebenfalls eine Rolle. Ermittler der Kripo Rosenheim berichteten anhand von sichergestellten Datenträgern von einer breit gefächerten Jobsuche des 50-Jährigen in den letzten Jahren. Der selbster-nannte »Psychologe« und »Psychotherapeut« mit Praxen in Ottobrunn und Taufkirchen wollte demnach nicht nur in Karlsfeld und Rosenheim, sondern auch in München in zwei Impfzentren tätig werden. Dabei gab er zum Teil an, »immer zur Verfügung zu stehen, auch samstags und sonntags«.

»Das war ein toller Nebeneffekt«

Ehe das Thema Corona im Frühjahr 2020 aktuell wurde, hatte der Angeklagte Bewerbungen an die unterschiedlichsten Institutionen gerichtet – zum Beispiel als »Oberaufseher« bei der Archäologischen Staatssammlung, als »Allrounder« bei einer Stiftung in Ottobrunn, als »Trainee der Heimleitung« bei einer kirchlichen Einrichtung und als »Bereichsleiter« beim BRK-Kreisverband Starnberg. In letzterer Bewerbung schrieb er: »Die Achtung vor Menschen … steht für mich an oberster Stelle.«

Tatsächlich plagten ihn wohl Geldprobleme – mit Mietschulden beim Vermieter seiner Praxis in Ottobrunn, Darlehensverpflichtungen aus 360.000 Euro Restschuld für einen Anteil an einer Eigentumswohnung und wenig Mittel zum Lebensunterhalt. Die Frührente reichte nicht, die Praxis brachte wenig ein. Ein Finanzermittler der Kripo Rosenheim informierte, bei Prüfung der Konten von Stefan H. sei er auf Geschäftseinnahmen der Praxis von insgesamt 6900 Euro gestoßen, allerdings im Zeitraum von zwei Jahren. Der 50-Jährige habe völlig überzogene staatliche Corona-Hilfen von insgesamt über 13.000 Euro beantragt und teils erhalten. Tatsächlich habe der nachvollziehbare Umsatz der Praxis im Durchschnitt gerade mal 185 Euro monatlich betragen. Mit rund 250 Euro im Monat, nach Worten des Zeugen »mal etwas mehr, mal weniger«, habe der Angeklagte auskommen müssen. Manchmal habe ihn seine Familie finanziell unterstützt. Den früheren Ehemann (51) – die Lebenspartnerschaft wurde 2015 geschieden – befragte das Gericht zum Vorleben des 50-Jährigen. Der Zeuge widersprach einigen Behauptungen, die der Angeklagte über seine Verteidiger hatte vortragen lassen. Der aktuelle Lebenspartner (51) schilderte, ihm gegenüber habe Stefan H. von »fundiertem medizinischen Fachwissen« gesprochen, aber nicht vorgegeben, Arzt zu sein. Zeitweise habe der 50-Jährige früher bei Ikea im Verkauf und bei Edeka an der Kasse gearbeitet, sei auch mal arbeitslos gewesen. Praxen für Lebensberatung, Gesprächstherapie und Trauerbegleitung eröffnet habe der Angeklagte in Taufkirchen und Ottobrunn. Abrechnungen habe der 50-Jährige immer selbst gemacht. Eine Kassenzulassung sei nicht vorhanden gewesen, so der Zeuge. Auf Frage der Vorsitzenden Richterin sagte der 51-Jährige zu eventuellen Tatmotiven bei den Impfungen, der Angeklagte sei »ein Mensch mit starken Selbstzweifeln und geringem Selbstwertgefühl«: »Er dachte, er kann Menschen helfen, einen Beitrag leisten. Er hat erzählt, er hat viel positives Feedback erlebt. Das hat ihm gut getan.«

Richterin Aßbichler hakte bei der Verhandlung bezüglich »finanzieller Erwägungen« nach. Der Zeuge dazu: »Natürlich. Das war ein toller Nebeneffekt.« In einem Chat an den Angeklagten hatte der 51-Jährige geschrieben: »Auch wenn es nur 80 Euro sind – jeder Cent tut gut.« Der Freund umriss den 50-Jährigen als »wahnsinnig begeisterungsfähig«. Er könne gut reden. Obwohl er Autodidakt sei, habe er sich viel medizinisches Wissen angeeignet. »Werden Sie auf ihn warten?«, wollte die Richterin wissen. Das bejahte der 51-Jährige.

Der Prozess gegen den Mann am Landgericht wird fortgesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren:

306 Menschen gegen Corona geimpft: »Impfarzt« war nur Theologe

Falscher Impfarzt räumt zum Prozessauftakt Vorwürfe ein

Falscher Impfarzt ist HIV-positiv – 50-Jähriger steht in Traunstein vor Gericht

kd