Gericht, Gerichtsurteil
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Falscher »Impfarzt« sagte vor Gericht aus - Finanzielles Verlangen angeblich nicht im Vordergrund

Erstmals ergriff jetzt der falsche »Impfarzt« Stefan H., der sich derzeit wegen 1450 Fällen von gefährlicher beziehungsweise vorsätzlicher Körperverletzung zwischen Januar und März 2021 an Impflingen in Stadt und Landkreis Rosenheim sowie in Karlsfeld verantworten muss, vor Gericht das Wort. Der 50-jährige Theologe ohne jegliche ärztliche Ausbildung beteuerte: »Ich bereue und bedauere, was passiert ist. Ich möchte um Verzeihung bitten und bekräftigen, dass ich niemand schaden wollte.« Bei ihm allein finanzielle Vorteile als Motiv zu sehen, sei nicht zutreffend.


Drei Verhandlungstage lang hatte der Angeklagte vor der Sechsten Strafkammer des Landgerichts Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler geschwiegen, lediglich seine Verteidiger reden lassen. Er wolle zu zwei ihm sehr wichtigen Dingen Stellung beziehen, meinte er am Donnerstag. Er habe in einem Jahr Untersuchungshaft, die ihn sehr belastet habe, nachgedacht und sich Fachleuten wie Ärzten und Seelsorgern gestellt. Seine Erkrankungen hätten sich in der Zeit verschlechtert. Weiter meinte er: »Ich habe viele Menschen enttäuscht – ohne jemals etwas Böses im Sinn gehabt zu haben.« Über sein Leben in den letzten 30 Jahren sei ein verzerrtes Bild entstanden. Er sei bereit, alle Beschäftigungsstellen zu benennen und Verträge vorzulegen. Bezüglich Arbeit sei er sich »für nichts zu schade gewesen«. Der 50-Jährige fuhr fort: »Ich kann behaupten, neben allem finanziellen Verlangen war mein Vorsatz, mit Menschen aller Altersgruppen kreativ zu arbeiten.« Er habe immer Glück gehabt, an Partner zu geraten, die der Gutmütigkeit ebenfalls einen hohen Stellenwert im Leben eingeräumt hätten. Durch seine Lügen, seine Dummheit habe seine aktuelle Partnerschaft einen großen Riss bekommen. Ihn freue, dass der Lebenspartner auf ihn warten wolle. Bezüglich seines Vaters wolle er einen Zeugen korrigieren: »Ich habe meinen Vater liebevoll gepflegt. Ihn angeblich vernachlässigt zu haben, hat mich tief getroffen.«

Der Arzt und Notarzt Dr. Nikolaus Klecker mit Praxis seit über 20 Jahren in Rosenheim, Erfahrung auf Intensivstationen und Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbands Rosenheim, informierte, er sei bei der Impfkampagne für das Landratsamt beratend tätig gewesen. Er stehe im laufenden Austausch mit etwa 220 Ärzten. Selbst habe er in seiner Praxis circa 1700 Impfungen vorgenommen. Der Sachverständige schilderte den Ablauf von Corona-Impfungen und denkbare Komplikationen und stellte fest: »Glücklicherweise sind Impfreaktionen sehr gering. In meiner Praxis habe ich keine schweren Impfkomplikationen gesehen. Mir ist nur ein einziger Fall, allerdings weit weg, bekannt.« Auf Frage des Gerichts zu den Geschädigten aus der Anklageschrift attestierte Dr. Nikolaus Klecker: »Glücklicherweise ist bei Impfungen durch den Angeklagten im Nachhinein nichts passiert.« Weitere Fragen der Kammer galten im Fall schwerer Impfreaktionen den in solchen Fällen gebotenen, ärztlichen Maßnahmen. Der Mediziner erläuterte die Details. Entsprechend medizinisches Material hatte er zur Ansicht dabei.

Die Persönlichkeit von Stefan H. nahm der Diplompsychologe Dr. Jürgen Thomas von einem forensischen Zentrum in Straubing unter die Lupe. Sein Fazit: Der 50-Jährige weist keine schwerwiegende psychiatrische Erkrankung auf. Seine Persönlichkeitszüge bewegen sich im Normbereich des menschlichen Verhaltens. Bei ihm träfen altruistische, egoistische, histrionische und narzisstische Züge zusammen. Der Gutachter umriss den Angeklagten als geltungsbedürftig, hochmanipulativ, überzeugungskräftig und wenig einsichtig. In seinem Leben habe er »nie erreicht, was er wollte«. Der Psychologe weiter: »Sein Selbstwertgefühl ist nicht zu sättigen.« Dr. Thomas hielt es für authentisch, dass der 50-Jährige »ein Stück weit helfen wollte«. Dazu sei aber die narzisstische Komponente mit entsprechenden Schnittstellen zu sehen. Den Hilfe-Gedanken ihres Mandanten stellten ein weiteres Mal die Verteidiger heraus. Staatsanwalt Markus Andrä entgegnete, dieser Aspekt könne einzig bei den Strafzumessungsgründen einfließen.

Aus der Biografie des 2019 frühverrenteten Angeklagten, ärztlichen Unterlagen und Zeugenaussagen bezog die psychiatrische Sachverständige Dr. Susanne Lausch aus Straubing ihre fachlichen Erkenntnisse. Auch sie verneinte »ein Störungsbild von klinischem Ausmaß«: »Keines der Merkmale für erheblich verminderte oder aufgehobene Schuldfähigkeit liegt vor.«

Der Prozess wird am kommenden Donnerstag fort-gesetzt. Dabei sehen die Beteiligten ergänzend einen Aufklärungsfilm des Impfzentrums Rosenheim an. Auf dieses Video hatten sich die Verteidiger in ihrer Eingangserklärung berufen. Sie hatten angeführt, durch den Film seien Impfwillige ausreichend informiert worden. Der Angeklagte habe gedacht, nur mehr Nachfragen beantworten zu müssen

kd

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