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»Falsche Baupolitik der vergangenen Jahrzehnte muss enden«

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Berchtesgaden: Bund Naturschutz kritisiert Bauprojekte im Talkessel
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Rita Poser kritisiert das von der TU München geplante Unterrichtskonzept im Wald auf dem Roßfeld. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Die Berchtesgadener Ortsgruppe des Bund Naturschutz in Bayern (BN) hat auf einem monatlichen Treffen über die Villa Schön, das Ganghoferfeld, die Neuauflage des Wasserkraftwerks am Felsentor in der Ramsau und die Forschungsstation im Bereich der Roßfeldstraße im gemarkungsfreien Gebiet diskutiert.


Nach wie vor beschäftigt die Villa Schön große Teile der Bevölkerung. Der Aussage von Marktbürgermeister Franz Rasp, dass der Bescheid rechtswidrig gewesen sei, stimmten alle BN-Mitglieder zu. Dass es sich um Außenbereich handle, hätte die Vorsitzende Richterin Andrea Breit mit den beisitzenden Richtern deutlich herausgearbeitet. Die Klage sei hinsichtlich des Naturschutzes berechtigt gewesen. Nun bleibe die Urteilsbegründung abzuwarten. Aufgrund der hohen Spendenbeteiligung aus der Region betrachtete der Bund Naturschutz die erfolgreiche Klage als einen Sieg von Berchtesgadenern für Berchtesgaden.

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Ein weiteres Thema war das neu eingeleitete Verfahren für das Wasserkraftwerk am Felsentor in der Ramsau. »Neben dem Betriebsgebäude mit Parkplatz soll jetzt auch ein stationärer Säulendrehkran mit Greiferkorb auf dem Steg der geplanten Wehranlage errichtet werden sowie eine Nothaltebucht rund 50 Meter unterhalb der Wehranlage«, zitierte Kreisvorsitzende Rita Poser aus dem Amtsblatt.

Mehr Landschaftsverschandelung am Eingang des Bergsteigerdorfes Ramsau gehe nicht. Gebaut werden müsse auch eine temporäre Baustraße im Uferbereich. Dabei stehe in der Koalitionsvereinbarung der Staatsregierung, dass keine neuen Kleinkraftwerke mehr gebaut werden sollen, auch im Hinblick auf die Wasserrahmenrichtlinie. Demnach dürfte sich der Zustand eines Gewässers nicht mehr verschlechtern. Der BN wird im Verfahren Stellung beziehen und hofft, dass das Landratsamt dem Projekt von vornherein eine Absage erteilt. Andernfalls würde die Ortsgruppe eine erneute Klage beim Verwaltungsgericht einreichen.

»Forschungsansatz erschließt sich nicht«

Die TU München möchte auf dem Roßfeld mitten im Wald neuartige Unterrichtskonzepte in der Natur entwickeln. Gleichzeitig sollen die Auswirkungen veränderter Umweltbedingungen auf Ökosysteme erforscht werden. Der BN beklagt, dass mit dem Bauwerk und der neuen Infrastruktur samt der Fahnenanlage bereits erheblich in das Ökosystem Wald eingegriffen worden sei.

Poser hofft, dass diese Form der Landschaftsverschandelung nicht Teil der neuen Unterrichtskonzepte wird. »So richtig erschließt sich der Forschungsansatz nicht«, findet BN-Kreisvorsitzende Rita Poser, »denn dass sich Hangabgrabungen, Waldrodung sowie der massenhafte Eintrag von Fremdstoffen negativ auf ein Ökosystem auswirken, muss nicht mehr erforscht werden. Vielmehr erinnert es an das Kunstmärchen von ›Des Kaisers neue Kleider‹«, so Poser weiter.

Völlig offen bleibt für den BN die Entwicklung am Ganghoferfeld. Allgemein hätte es nur wenig Verständnis dafür gegeben, diese jahrhundertealte landwirtschaftliche Kulturfläche großflächig zu bebauen. Die Nähe zum Kreisverkehr und eine stark befahrene Straße würden das umfangreiche Landschaftsbild zusätzlich durch Lärm belasten. »Unter raumplanerischen Gesichtspunkten ist ein Bebauungsplan auf grüner Wiese am Ganghoferfeld nicht genehmigungsfähig«, versicherte BN-Ortsvorsitzender Paul Grafwallner.

Kritik am Ratsbegehren

»Interessant, dass die CSU-Fraktion ein Ratsbegehren für die Bebauung im Ganghoferfeld auf den Weg bringen möchte. Bei der Ausarbeitung sollte die Verwaltung hilfreich gewesen sein, wie auf der letzten Gemeinderatssitzung zu hören war«, so Grafwallner. Grundsätzlich stehe er einem Ratsbegehren positiv gegenüber, jedoch müsse die Formulierung des Antrags erst abgewartet werden.

In diesem Zusammenhang verwies Grafwallner auf gravierende Ungereimtheiten beim Bürgerentscheid Altes Rathaus, dem ebenfalls ein Ratsbegehren vorangestellt worden war. Weiter kritisierte er, dass wiederholt in der Öffentlichkeit behauptet wurde, es bestünde sehr hohe Nachfrage nach Grundstücken für die heimische Bevölkerung.

Grafwallner erinnerte daran, dass es bei der Vergabe von fünf Grundstücken in einer wesentlich besseren Wohnlage am Kressenfeld nur eine überschaubare Nachfrage für das Einheimischenmodell gegeben habe. Es seien 28 Bewerber übrig geblieben, wovon fünf am Kressenfeld zum Zug gekommen sind. »Für die verbleibende, doch relativ geringe Anzahl das Ganghoferfeld zu opfern, ist nicht hinnehmbar.«

Dafür müsse kein Bebauungsplan in sehr feuchter Lage aufgestellt werden. Zudem seien für die Region bezahlbare Mietwohnungen wichtiger, wie dies beispielsweise am Burgergraben geschehen soll. »Die grundsätzlich falsche Boden- und Baupolitik der vergangenen Jahrzehnte muss ein Ende haben, weitere Fehler dürfen nicht mehr hingenommen werden und ich bin mir sicher, dass die Bürger in einem Bürgerentscheid mehrheitlich gegen die Verbauung des Ganghoferfeldes stimmen werden«, resümierte Grafwallner. fb