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Fall Drygalla: DOSB gegen «sportinternen Geheimdienst»

Berlin (dpa) - Der Chef de Mission des deutschen Olympia-Teams wollte einen vorläufigen Schlusspunkt unter die leidige Affäre Drygalla setzen. «Für uns ist die Angelegenheit Drygalla bis zum Ende der Olympischen Spiele abgeschlossen», sagte Michael Vesper der Nachrichtenagentur dpa.

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Verteidigungsminister Thomas de Maiziere äußert sich zum Fall Drygalla. Foto: Jochen Lübke Foto: dpa

Doch seine Hoffnung erwies sich als Wunschdenken. Die Diskussion über den Umgang mit Athleten und die Kommunikationsstrukturen im deutschen Sport verschärfte sich sogar. In ersten Reaktionen sprachen sich Politiker und Verbandsfunktionäre gegen «Agentenmethoden» und «einen sportinternen Geheimdienst» aus.

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Verteidigungsminister Thomas de Maizière sieht im Fall Drygalla bereits eine Grenze überschritten. «Steht es uns als Öffentlichkeit eigentlich wirklich zu, den Freundeskreis von Sportlerinnen und Sportlern zu screenen, zu gucken, was da los ist?», sagte der CDU-Politiker und warb als Gast im Deutschen Haus in London für eine differenzierte Sicht der Dinge. «Müssen wir von Sportlerinnen und Sportlern verlangen, dass sie offenbaren, mit wem sie befreundet sind, was die denken? Wo ist da die Grenze?», sagte er und fügte hinzu: «Ich stelle diese Fragen, um einmal deutlich zu machen, dass es auch Grenzen der Überprüfung auch für die Rolle von Sportlern gibt.»

Im Anti-Doping-Kampf gibt es den gläsernen Athleten längst. Dass die Sportler dabei permanent Angaben über ihren Aufenthaltsort machen müssen, wird nicht von allen begrüßt. Weitergehende Überprüfungen über die Doping-Problematik hinaus lehnen Vesper und Christa Thiel jedoch ab.

Die Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) möchte keine «Inspektionen des privaten Umfeldes» von Sportlern. «Wir brauchen keine Agenten-Methoden», sagte die Juristin und Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes der «Sport Bild». «Wir werden auch keine Akten anlegen.» Allen Anzeichen und Mitteilungen werde aber nachgegangen. Auch Vesper bezog eindeutig Stellung: «Wir wollen keinen sportinternen Geheimdienst und keine Gesinnungsprüfung.»

Trotzdem sehen viele Beteiligte größeren Handlungsbedarf, die Kommunikationswege im deutschen Sport zu verbessern. Angeblich geriet der Informationsfluss im Fall Drygalla ins Stocken. Der DOSB hatte erklärt, dass er keine Mitteilungen über die Beziehung der Athletin zu Michael Fischer, Direktkandidat der rechtsextremen NPD bei den Landtagswahlen 2011 in Mecklenburg-Vorpommern, erhalten habe.

Beim zuständigen Landessportbund war die Beziehung hingegen offiziell seit mehr als einem Jahr bekannt. Auch das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern wusste, dass Personen in Drygallas Bekanntenkreis sind, «die der offen agierenden rechtsextremistischen Szene zugehörig sind».

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, kritisierte im ZDF-Morgenmagazin die bestehenden Zustände: «Es scheint zwar so zu sein, dass der Deutsche Olympische Sportbund als Dachverband tatsächlich nichts gewusst hat, aber dann stellen sich natürlich ganz ernsthafte Fragen nach den Kommunikationsstrukturen im deutschen Spitzensportsystem.»

Sie kündigte an, das Thema bei der Nachbetrachtung der London-Spiele auf der Sitzung Ende September mit auf die Tagesordnung nehmen zu wollen. Bei der Kabinettssitzung der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern will Innen- und Sportminister Lorenz Caffier (CDU) bereits an diesem Dienstag einen Bericht abgeben. «Es ist auf jeden Fall klar, dass andere etwas gewusst haben müssen», sagte Freitag.

Generell ist es nicht Aufgabe der Olympiastützpunkte in Deutschland, private Informationen über Athleten an Verbände wie den DOSB weiterzugeben. Einen solchen Automatismus gebe es nicht, sagte die Leiterin des OSP Hamburg/Schleswig-Holstein, Ingrid Unkelbach, der dpa. Es könne auch nicht Funktion der Stützpunkte sein, beispielsweise einen Athleten zu melden, der betrunken Auto gefahren sei. Ohnehin spreche nicht jeder Sportler am OSP über Privates oder etwa berufliche Veränderungen.

Die vorzeitig aus London abgereiste Achter-Ruderin Drygalla hatte sich am Sonntag in einem dpa-Interview klar vom rechtsextremen Gedankengut distanziert. Ihre Angaben, wonach ihr Freund mittlerweile die NPD verlassen habe, wurden am Montag sowohl vom Landesverband der Partei als auch von Fischer bestätigt. «Ich bin aus der Partei ausgetreten und hatte auch so keinen großartigen Kontakt mehr zu Leuten, die damit zu tun hatten», sagte der 24-Jährige der dpa. Vespers Wunsch nach Ruhe fürs deutsche Olympia-Team wird sich aber so schnell nicht erfüllen. Mittlerweile hat sich Drygalla einen Anwalt genommen.