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Extrembergsteigerin Ines Papert: »Es kommen immer wieder neue Chancen«

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Extrembergsteigerin Ines Papert spricht in Bayerisch Gmain – Beeindruckende Bilder und Fotos
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Exponierter Zeltplatz im Himalaya. Ines Papert sucht bei ihren Expeditionen ganz bewusst die Einsamkeit. (Foto: Ines Papert)

Bayerisch Gmain – Ines Papert hat bei ihren Vorträgen stets gewinnbringende Botschaften für ihre Gäste im Gepäck: gesammelte Erkenntnisse aus einem Vierteljahrhundert »Unterwegssein« an exponierten Orten dieser Welt – zumeist an vertikalem Fels. Für die 45-Jährige im besten Fall noch mit hartem, also kletterbarem Eis bedeckt. Im Rahmen ihres »Heimspiels« im Bayerisch Gmainer Pfarrsaal – die Grünen des Ortes hatten bei freiem Eintritt dazu eingeladen – sprach die vierfache Eiskletter-Weltmeisterin den zahlreichen Besuchern Mut zu:


»Lebt eure Träume. Gebt nicht auf. Versucht, Niederlagen wegzustecken und mit ihnen zu leben. Letztlich werdet ihr aus ihnen lernen. Es kommen immer wieder neue Chancen.« Exakt diese Lehren zog Ines Papert aus ihren unzähligen Expeditionen und Touren in den Extremen dieser einzigartigen Erde schließlich auch für sich selbst. »Und ich lebe ganz gut damit«, schmunzelte sie.

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»Ich könnte noch viel mehr über mein eigenes Scheitern berichten, glaubt mir«, meinte die Bergsteigerin. Gleichwohl versicherte sie, nicht für einen Euro sinnlos ihr Leben zu riskieren. »Natürlich gerate ich auch mal in richtig gefährliche Situationen, das bringt dieser Beruf mit sich.« In ein unnötiges Risiko gehe sie jedoch nicht: »Lieber kehre ich um, wenn es sein muss mehrmals.«

Geklappt hat 2016 die Erstbegehung der Südostwand des Kyzyl Asker, 5842 Meter hoch, in China gelegen – nach zwei gescheiterten Versuchen 2010 und 2011. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Luka Lindic begann sie am 30. September, 5 Uhr morgens, mit dem Aufstieg. 1200 Meter senkrechter Fels lag vor den beiden Extrem-Bergsteigern. Sie kletterten zunächst simultan im Dunkeln, denn erreicht erst die Sonne die Wand, steigt die Lawinengefahr erheblich. Sie biwakierten in der Wand. Am nächsten Tag, 12.10 Uhr, standen Papert und Lindic bei Traumwetter und minus zehn Grad am Gipfel. »Ein enormes Glücksgefühl.« In solchen Höhen aber stets von kurzer Dauer, ist der Rückweg doch meist nicht viel einfacher. »Wir mussten uns sputen, so schnell wie möglich von diesem Berg runterzukommen.« Das Wetter änderte sich.

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Ines Papert erzählte in Bayerisch Gmain von ihren Bergabenteuern. (Foto: Bittner)

Im Winter über alle Watzmann-Gipfel

Den zahlreichen Besuchern zeigte Ines Papert ganz in der Nähe ihres Zuhauses Ausschnitte aus ihrem Vortrag »Alpinism on the Edge of Dreams« und kommentierte diese live. Beeindruckende Aufnahmen und bewegte Bilder aus Patagonien, Nepal, Tibet, China, Kanada, aber auch aus dem Berchtesgadener Land. »Letztlich schätzen wir es sehr, in einer großartigen Gegend daheim zu sein und gesund in sie zurückzukommen.« Mit »wir« meint Ines Papert sich und Luka Lindic, mit dem sie seit einigen Jahren privat wie beruflich unterwegs ist. Der 31-jährige Slowene ist ebenfalls ein Weltklasse-Kletterer und weilt derzeit in Patagonien – natürlich zum Bergsteigen.

Wenn die beiden nach Hause kommen, freuen sie sich auf die heimischen, griffigen Kalkfelsen. In 19 Stunden gelang ihnen im Januar 2018 die Winter-Premieren-Überschreitung aller sieben Watzmann-Gipfel mit insgesamt 3600 Höhenmetern. Das war unter anderem Teil des Vorbereitungsprogramms für Paperts erste Expedition zu einem Achttausender, dem Shishapangma (8013 Meter) im chinesisch besetzten Tibet. Eine außergewöhnlich lange Eis- und Felskletter-Karriere im Rücken, wollte sich die in Sachsen geborene Ines Papert nun im absoluten Höhenbergsteigen probieren und somit die größtmöglichen Grenzen dieser Erde jenseits jeglichen Komfortlebens erfahren. Dabei geriet das eigene Leben in extreme Gefahr, riesiges Glück bewahrte es …

»Normalweg« keine Option

Der »Normalweg« kam für die beiden auf ihrer ständigen Suche nach Neuland nicht infrage. Der ewige Reiz für Ines Papert ist »eine neue Linie«. Die gut 3000 Meter hohe Südwand sollte es sein. Erfahrung im Himalaya hatte sie durch ihre Erstbesteigung des 6719 Meter hohen Likhu Chuli. Am 13. November 2013 erreichte sie den Gipfel als erster Mensch über die Nordost-Wand, bis heute wurde er kein zweites Mal bestiegen.

Um sich am Achttausender in Tibet zu akklimatisieren, entschieden sich Papert und Lindic für eine neue Route am benachbarten Nyanang Ri (7071 Meter). In der Nacht auf den 1. Mai schlug das Wetter trotz bester Voraussagen eines befreundeten Meteorologen aus Innsbruck um, es begann zu schneien. Eine Lawine »hörten« die beiden gerade noch rechtzeitig, um sich ohne Schuhe in eine nahe Schneehöhle zu retten. Ihr Zelt wurde verschüttet, ohne Ausrüstung wären sie in dieser Höhe auf bereits 6300 Metern verloren gewesen. Luka schaufelte alles in zweistündiger, unvorstellbarer Anstrengung aus und rettete sie. Der niedrigste der 14 Achttausender war danach kein Thema mehr.

Seitdem unternahmen sie auch keinen weiteren Versuch an einem Achttausender. Natürlich grübelte Ines Papert danach viel über das, was während dieser Expedition passiert war. In einem Interview sagte sie im Sommer 2018: »Ich klettere aufgrund der Linie, wegen der Schwierigkeit und der Herausforderung, und nicht, um an meinem Image zu arbeiten. Ich wusste natürlich, dass hohe alpine Wände an den Achttausendern extrem gefährlich sind. Das wollte ich jedoch selbst erfahren.«

Schon diese Woche steht für Ines Papert die nächste Tour auf dem Programm: Ziel ist die rund 80 Inseln umfassende Region der Lofoten in Norwegen. Zuvor setzt sie vielleicht noch den Wellness-Gutschein ein, den sie als Dank von den Veranstaltern in ihrem Heimatort Bayerisch Gmain erhielt.

Fotos und Berichte teilt Ines Papert auf Ihrer Internetseite (https://ines-papert.de) und auf ihren Social Media Kanälen, die auch auf ihrer Webseite verlinkt sind.

Hans-Joachim Bittner/red