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»Experiment« bei Alpenländischer Weihnacht begeistert

Der Mut von Hans Auer und Dirigent Martin Fuchsberger, bei der »Alpenländischen Weihnacht« eine echte Begegnung zwischen Orchester und Volksmusikgruppen zu wagen, hat sich gelohnt: Stehende Ovationen gab es für die Bad Reichenhaller Philharmonie und die Elstätzinger und Hammerauer Musikanten bei der Premiere dieses »Experiments« im Alten Königlichen Kurhaus.

Gratulierten einander zur gelungenen Premiere (v. l.): Hans Auer, Martin Fuchsberger, Kathrin und Maria Auer, Wasti Irlinger, Susi Eisl. (Foto: Mergenthal)

Dabei hatte das Konzert unspektakulär begonnen mit einer etwas braven, durchwegs verhaltenen Interpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts »Linzer Sinfonie« KV 425. Trotz perfekter Darbietung fehlte Feuer und Leichtigkeit. Im ersten Satz »Adagio - Allegro spirituoso« überzeugte zwar der weiche Ansatz der fließenden Passagen, nicht jedoch die stete Abmilderung der zackigen Motive. Fein und zart war das Andante, in meditativer Einheit von Streichern und Bläsern, zu schwerfällig jedoch das Menuett. Zug gewann das Stück erst am Ende des »Presto«. Vielleicht strebte Fuchsberger bewusst eine weihnachtlich-besinnliche Deutung an – oder er war durch die Anspannung vor besagter »Premiere« zu wenig frei.

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Vor den leeren Pulten des Orchesters stellten sich die Volksmusikanten mit gefühlvollen staden Weisen wie dem »Menuett aus Niederösterreich« vor. Bei den Hammerauern sprangen Hans Auers jüngere Tochter Kathrin, die klanglich anfangs fast zu sehr im Hintergrund blieb, und später Susi Eisl aus Straß am Hackbrett für Vroni Auer ein. Diese war kürzlich Mama geworden. So waren die Übergänge bei diesem von Auer sympathisch angesagten Programmteil etwas improvisiert, was aber auch Lockerheit in den Abend brachte.

Durch und durch ging der Dreigesang von Katharina und Rupert Pföß aus Elsbethen mit Michi Scheil aus Piding, die mit Tobias Reiser Demut, Vertrauen und Barmherzigkeit besangen und einen kehligen, ruhigen Jodler anstimmten. Nicht fehlen durfte das humorvolle Tobi-Reiser-Lied »Wann's heier a Kletzenbrot geit«, vom Viergesang des Ehepaars Auer mit Wasti Irlinger und Rupert Pföß kernig dargeboten. Mit Schmelz an Geige und Bassgeige und Klarinetten-Juchzern und -Schleifern stimmten die »Elstänzinger« einen zauberhaften Walzer und den »Rotschwanzl-Boarischen« an, bei dem man tatsächlich Vogelzwitschern zu hören glaubte. An Zither oder Gitarre unterstützte Lisbeth Genghammer aus Chieming das Ehepaar Pföß und Michi Scheil, während Hansl Auer in beiden Ensembles meist die Harfe zupfte.

Die Spannung auf den zweiten Programmteil war groß. In nächtelanger Arbeit hatte Fuchsberger gemeinsame Arrangements komponiert. Indem die Blechbläser auf der Empore platziert wurden, ergaben sich schöne Raumakustik-Effekte, die an die frühbarocke Praxis und an das Turmblasen erinnerten. Reizvoll war der lockere Wechsel zwischen reiner Volksmusik, festlichen Bläsersätzen und farbenreichen gemeinsamen Arrangements, die an großes Welttheater erinnerten – im Geiste der szenischen Oratorien beim Salzburger Adventsingen zur Zeit Tobias Reisers und der Musik von Wilhelm Keller und auch Carl Orff. Und doch trug dieses Gesamtkunstwerk eine ganz eigene Handschrift.

Glocken und ein Zwiegespräch zwischen Tiroler Harfe und Konzertharfe stimmten zum Lied »Maria durch ein Dornwald ging« ein, das die Streicher und dann ein zu Herzen gehender Frauendreigesang übernahmen. Die Zwischenspiele gestalteten im Wechsel verschiedene Instrumentengruppen. Mystische Tiefe hatte die instrumentale Interpretation des Kärntner Liedes »Amal da Wind sein« mit feinen Geigen- und Glockenspieltönen, verinnerlichten warmen Bläsern und Auers Diatonischer Ziach. Auch fröhliche Stücke waren darunter, wie »Es hat sich halt eröffnet« mit Maria Auer, die sonst mit Irlinger die Gitarre zupfte, an der Okarina. Zu den letzten beiden Stücken, einem liebreizenden »Still, still, still« und dem gemeinsam gesungenen »Es wird scho glei dumpa«, stellten sich die Blechbläser rechts und links unterhalb der Bühne auf.

Mit volksmusikalischen Neujahrswünschen, dem Andachtsjodler und dem als Zugabe wiederholten Okarina-Stück klang der Abend aus. Man könnte sich gut eine Ausdehnung dieses »Experiments« auf den gesamten Abend vorstellen, mit einem klassischen ersten Teil und einem eher alpenländischen zweiten Teil. Veronika Mergenthal