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»Es gibt viele Erdbeben in Bayern«

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Seismologe Dr. Joachim Wassermann beobachtet seit Jahren die Erdbewegungen in Bayern. (Fotos: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Erdbeben spielen auch im Berchtesgadener Land eine Rolle. Das sagte Dr. Joachim Wassermann vom Geophysikalischen Observatorium an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität bei einem Vortrag im »Haus der Berge«.


Erst vor zwei Jahren war ein spürbares Erdbeben in der Ramsau lokalisiert worden. Und auch rund um den Hochstaufen in Bad Reichenhall ereignen sich immer wieder Erdbewegungen, die der Experte beim Erdbebendienst Bayern im Bayerischen Landesamt für Umwelt aufzeichnet.

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Dr. Joachim Wassermann hat als Seismologe einen durchaus spannenden Beruf, zumal einen, der recht selten ist. »Es gibt viele Erdbeben in Bayern«, sagt er. Nicht jedes davon ist wahrnehmbar. Jährlich treten in Bayern Hunderte auf. Einige dieser Erdstöße sind stark genug, um von der Bevölkerung verspürt zu werden. Dass diese Erdbewegungen existieren, darüber informieren den Erdbebenforscher etliche Seismografen, also Geräte, die Bodenerschütterungen von Erdbeben und anderen seismischen Wellen registrieren können. Diese bestehen im Prinzip aus einer an einer Federaufhängung gelagerten Masse. Das stärkste jemals in Bayern gemessene Beben hatte eine Magnitude von 5,1. Im Vergleich mit verheerenden Erdbewegungen, die Magnituden von 8 oder 9 aufweisen, ist das wenig, wenngleich schon deutlich spürbar – inklusive Schäden.

Wie Erdbeben zustandekommen, beschreibt der Experte anhand einiger einfach zu verstehender, bebilderter Folien. So entstehen diese vor allem durch dynamische Prozesse im Erdinneren. Eine Folge dieser Prozesse ist die Plattentektonik, also die Bewegung der Lithosphärenplatten, die von der oberflächlichen Erdkruste bis in den Mantel reichen. Vor allem an den Plattengrenzen, an denen sich verschiedene Platten auseinander, aufeinander zu oder aneinander vorbei bewegen, bauen sich Spannungen innerhalb des Gesteins auf, wenn sich die Platten in ihrer Bewegung verhaken und verkanten. Wird die sogenannte Scherfestigkeit der Gesteine dann überschritten, entladen sich diese Spannungen durch ruckartige Bewegungen der Erdkruste und es kommt zum tektonischen Beben.

Der Erdbebenforscher hat ins »Haus der Berge« ein Messgerät mitgebracht, anhand dessen er ein simuliertes Erdbeben demonstriert. Die anwesenden Zuhörer sollen mit ihren Füßen kräftig auf den Boden stampfen. Über einen Monitor zeigte er Ausschläge, die der Seismograf aufzeichnet. Nicht nur im Berchtesgadener Talkessel, sondern auch im Reichenhaller Raum und über weite Teile Bayerns verbreitet hat Wassermann Seismografen installieren lassen, um die Erdbewegungen jederzeit im Blick zu haben. Eine etwa befindet sich auf der Kneifelspitze. Eine weitere soll in naher Zukunft im Bergwerk installiert werden. Weil es unter Tage deutlich »ruhiger« sei.

Auf einer Gefährdungskarte, die einen Überblick über Österreich, Deutschland und die Schweiz gewährt, zeigt Wassermann jene Regionen, die am stärksten erdbebengefährdet sind. Das Wiener Becken sei ein solches, 1980 war eine Erdbewegung mit einer Magnitude von 5 gemessen worden. »Eine Autobahnbrücke hat es damals um 3 Zentimeter verschoben.« Die Brücke musste mehrere Wochen gesperrt werden.

Auch wenn in Bayern jedes Jahr Hunderte Beben registriert würden, seien doch nur eine Handvoll spürbar. Wie etwa jenes vor zwei Jahren in der Ramsau, das eine Magnitude von 2,5 aufwies. »Afrika drückt auf Europa«, sagt Joachim Wassermann in anschaulichen Worten. Nordeuropa werde von der afrikanischen Platte langsam »verschluckt«. Vor allem das Gebiet rund um den Hochstaufen mit dem darunter liegenden Haselgebirge sei ein erdbebengefährdetes – im Vergleich zu anderen bayerischen Regionen. Am Hochstaufen könne man anschaulich erkennen, dass der Berg in Bewegung sei. Große Risse und Spalten künden davon. Wassermann nennt das »Bergzerreißung«.

Dass Erdbeben oft menschengemacht sind, zeigte Wassermann anhand des Beispiels rund um München. So existiert in Unterhaching viel Geothermie. »Der Grund für die registrierten Beben ist das Wasser«, sagt er. Sollten sich die Beben künftig weiterhin verstärken, stehe die Geothermieförderung auf dem Spiel.

Untätig bleibt man in der Erdbebenforschung indes nicht. Mit der »AlpArray«-Initiative möchte Wassermann und zahlreiche Kollegen den gesamten Alpenraum mit hochsensiblen Seismografen ausstatten. Das Projekt ist nicht nur teuer, sondern soll auch langfristig genaueste Daten zur Erdbewegung liefern. »Auf diese Weise betreiben wir Schadensminimierung«, sagt Wassermann. Kilian Pfeiffer