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Erneut Pferde-Lasagne entdeckt - Arznei im Fleisch

Berlin/London (dpa) - Der europäische Pferdefleisch-Skandal hat eine neue Dimension erreicht: In Deutschland sind immer mehr Bundesländer und Unternehmen von dem Lebensmittelbetrug betroffen.

Pferdefleisch-Skandal
Eine Fleischprobe in einem Probegefäß wird im Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe in Münster untersucht. Foto: Friso Gentsch Foto: dpa

Nach der Metro-Tochter Real entdeckte auch die Supermarktkette Edeka Pferdefleisch in Fertiggerichten, die eigentlich nur Rind enthalten sollten. Tausende Lasagne-Packungen verschwanden aus den Kühlregalen. In London gab es unterdessen erste Hinweise auf Rückstände von Medikamenten in Pferdefleisch. Und nach Erkenntnissen französischer Ermittler hat ein Lebensmittelhändler wissentlich tonnenweise als Rind gekennzeichnetes Pferdefleisch vertrieben.

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Die EU-Staaten wollen an diesem Freitag in Brüssel über die Einführung europaweiter Gentests von Rindfleischprodukten entscheiden. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) erklärte dazu: «Nur mit flächendeckenden Tests und einem europaweit einheitlichen Vorgehen werden wir das tatsächliche Ausmaß dieses Falls erfassen können.» Sie forderte die Justizbehörden in Deutschland zu Ermittlungen auf: «Wir haben es offenbar mit einem bislang einmaligen Fall von Verbrauchertäuschung zu tun.» Tests der britischen Lebensmittelaufsicht ergaben, dass Fleisch von acht mit dem Medikament Phenylbutazon gespritzten Pferden wohl in die Nahrungskette geraten ist. Die geschlachteten Tiere wurden nach Frankreich exportiert. Dort fielen Tests zunächst negativ aus, sagte der britische Ernährungsstaatssekretär David Heath am Donnerstag. Das Mittel wird bei Pferden auch als Dopingmittel verwendet, bei Menschen kurzzeitig gegen Rheuma. Das Gesundheitsrisiko für Menschen ist nach Einschätzung der britischen Behörden aber gering.

Dem französischen Lebensmittelhändler Spanghero warf Verbraucherschutzminister Benoît Hamon am Donnerstag in Paris «wirtschaftlichen Betrugs» vor. Spanghero habe wissentlich als Rind gekennzeichnetes Pferdefleisch vertrieben. Der von dem Unternehmen belieferte Hersteller Comigel in Metz, der Fleischprodukte wie Lasagne hergestellt hat, ist laut Hamon getäuscht worden. Insgesamt sind den Angaben zufolge 750 Tonnen Fleisch betroffen, davon seien 550 an Comigel geliefert worden. In dem Tiefkühl-Produkt «Gut & Günstig Lasagne Bolognese» seien bei Analysen in einzelnen Stichproben geringe Mengen Pferdefleisch gefunden worden, sagte ein Edeka-Sprecher in Hamburg. Der Artikel sei am Dienstag vorsorglich aus dem Verkauf genommen worden, nachdem der Lieferant eine mögliche Beimischung von Pferdefleisch nicht ausschließen konnte. Die beigemischte Menge liege bei einem bis fünf Prozent.

Real hat die Tiefkühl-Lasagne zurückgerufen, nachdem bei Stichproben Anteile von Pferdefleisch entdeckt worden waren. «Jeder Kunde, der den Artikel in den Markt zurückbringt, bekommt den Kaufpreis zurückerstattet», sagte ein Unternehmenssprecher in Düsseldorf. Die Lasagne der Eigenmarke «Tip» sei bundesweit in allen 316 Real-Märkten verkauft worden. Das Unternehmen sehe sich «als Opfer einer vorsätzlichen Täuschung».

Kaiser's Tengelmann rechnet für diesen Freitag mit Ergebnissen der Analysen für die aus dem Verkauf genommene A&P-Tiefkühllasagne. Auch der Großhändler Markant teilte der Nachrichtenagentur dpa mit, er habe vergangene Woche «vorsorglich entsprechende Produkte aus dem Vertrieb sowie aus dem Verkauf bei den belieferten Kunden genommen». Die Gesellschaft betreibt keine eigenen Einzelhandelsgeschäfte.

In Baden-Württemberg wurde nach Angaben des dortigen Verbraucherministeriums eine verdächtige Tiefkühl-Lasagne der Firma Eismann aus dem Handel genommen. Ob in der Lasagne tatsächlich falsch deklariertes Pferdefleisch enthalten ist, werde derzeit untersucht. Das von dem Unternehmen vertriebene Produkt kam laut Ministerium über NRW in den Südwesten.

Über 22 000 Packungen Tiefkühl-Lasagne mit möglicherweise falsch deklariertem Pferdefleisch wurde in Brandenburg vorsorglich sichergestellt. Auch in Bayern fanden Kontrolleure in einem Kühlhaus verdächtige Produkte. In beiden Fällen gibt es eine Spur nach NRW: Von dort sei das verdächtige Produkt über einen Großhändler nach Brandenburg und Bayern gelangt. In Niedersachsen wurde ein Kühlhaus geschlossen. Der Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure sieht den Verbraucherschutz in Deutschland aber grundsätzlich gewährleistet: «Die Überwachung ist so stark wie noch nie», sagte Vorstand Manfred Woller der dpa. Die Verbraucherorganisation foodwatch forderte hingegen schärfere Kontrollsysteme.

Bundesverband Lebensmittelkontrolleure