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Erleichterung und neues Entsetzen in Herne

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Imbiss
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Im Thessaloniki-Grill ließ sich Marcel H. widerstandslos festnehmen. Foto: Marcel Kusch Foto: dpa

Fassungslosigkeit und Entsetzen in Herne über den Tod eines weiteren Menschen. Auch einen ehemaligen Schulkameraden hat der 19-jährige mutmaßliche Kindermörder umgebracht.


Herne (dpa) - Erleichterung. Kaum ein Wort fällt schneller und öfter an diesem Freitag in Herne. Der mutmaßliche Kindermörder Marcel H. ist gefasst. Am Donnerstagabend stellte sich der 19-Jährige in einem griechischen Imbiss im Stadtteil Baukau, gut fünf Kilometer vom Fundort der Leiche des neunjährigen Jaden entfernt.

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Und neues Entsetzen. Ein weiterer Mensch ist gestorben. Der Tatverdächtige hatte selbst einen Hinweis auf eine brennende Wohnung gegeben, nur rund 300 Meter vom Imbiss. Wenig später fand die Feuerwehr die Leiche eines Mannes im ersten Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses.

Inzwischen ist klar, dass es sich bei dem Toten um einen 22-Jährigen handelt. Der ehemalige Mitschüler des 19-Jährigen ist ein weiteres Opfer. Offenbar starb er, weil er den mutmaßlichen Mörder zuerst bei sich aufnahm - und dann zur Polizei gehen wollte, als er von der Suche nach Marcel H. erfuhr.

Am Freitag flattern hellblaue Seidenvorhänge aus der Fensteröffnung der Brandwohnung. Eine Deckenlampe ist zu sehen, eine blau gestrichene Wand. Das Fenster daneben: Ein rußgeschwärztes schwarzes Loch, ein herausgerissener Rollladen hängt wie ein langer Teppich heraus.

Bereits in der Nacht haben Kriminaltechniker Spuren in der Wohnung gesichert. Am Vormittag kommen sie wieder. In weißen Schutzanzügen mit Mundschutz und großen Instrumentenkoffern gehen sie ins Haus. Die Straße vor dem Haus ist immer noch weiträumig abgesperrt. Nur Bewohner dürfen in die Zone. Flatterband markiert den Bereich.

Um die Ecke in der Bismarckstraße führt Georgios Chaitidis seinen «Thessaloniki-Grill». Den betrat Marcel H. am Donnerstagabend und sagte «Bitte ruf die Polizei», berichtet der 56-Jährige. «Um 20.10 Uhr kam er rein mit schwarzen Klamotten, Regenschirm und einem Sack Zwiebeln in der Hand.» Zwiebeln? Warum, weiß auch Chaitidis nicht. Die Polizei nahm alles mit. Auch ein Handy, das der Tatverdächtige noch in einen Mülleimer warf, als sie auf die Polizei warteten.

Erst hatte der 56 Jahre alte Imbiss-Inhaber den Gesuchten gar nicht erkannt: «Er hatte keine Brille auf.» Er sei Marcel, habe der junge Mann in ruhigem Ton gesagt. «Welcher Marcel bist du denn?», habe der Grieche daraufhin gefragt. «Guck auf dein Tablet, mein Bild steht da.»

Dann kamen die Polizisten. Widerstandslos ließ der Verdächtige sich festnehmen. «Er hat nix gemacht», sagt Chaitidis. Erst später habe er erfahren, dass es um die Ecke gebrannt hatte. Angst habe er keine gehabt. Erst als die Polizei kam, habe er überhaupt kapiert, was gerade passiere. «Geschockt war ich nicht, aber ein bisschen unruhig.»

Schon in der Nacht sagen Nachbarn und Passanten, wie erleichtert sie über die Festnahme waren. «Seit Montag bin ich nicht mehr spazieren gewesen», sagt eine 29-Jährige mit Kinderwagen. Alles habe sie seitdem mit dem Auto gemacht. Erleichterung auch bei der Stadt über die Festnahme. «Auf der anderen Seite haben wir den Verlust einen weiteren Menschenlebens zu beklagen. Das macht uns sehr betroffen», sagt Stadtsprecher Christoph Hüsken.

Herne ist geschockt, aber auch die Ermittler. Bochums Polizei-Präsidentin Kerstin Wittmeier sprach von einer großen Belastung für alle Beamten. «Wir werden nach der Festnahme noch lange brauchen, um das zu verarbeiten», sagte Wittmeier bei der Pressekonferenz in Dortmund. Die Ermittler sprechen auch über die Motive von Marcel H.: Offenbar tötete er aus Frust - weil er Absagen auf Bewerbungen, unter anderem von der Bundeswehr, bekommen hatte. Weil er wegen eines Umzugs fürchtete, bald kein Internet mehr zu haben. Zuerst versuchte er, sich selbst das Leben zu nehmen - als das misslang, beschloss er, einen Mord zu begehen. Sie habe noch nie einen Fall gehabt, der sie so belastet habe, sagt Wittmeier. «Auch wenn der Täter gefasst ist, die Betroffenheit ist geblieben.»