»Entsetzen« über Nazi-Vergleich - Keller tritt nicht zurück

DFB-Präsident
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Fritz Keller möchte nach seiner verbalen Entgleisung nicht als DFB-Chef zurücktreten. Foto: Arne Dedert/dpa Foto: dpa
Disput
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DFB-Vize Rainer Koch (l) will nach einer verbalen Entgleisung durch Fritz Keller ein Gespräch mit dem Verbandschef führen. Foto: Federico Gambarini/dpa Foto: dpa

Die Entrüstung über DFB-Präsident Keller nach dessen Nazi-Vergleich ist riesig. Der Spitzenfunktionär aus Freiburg versucht dennoch, seinen Posten zu retten. Wieder einmal sorgt der Verband für eine Affäre. Die DFL geht auf Abstand.


Frankfurt/Main (dpa) - DFB-Präsident Fritz Keller hat sich mit einer verbalen Entgleisung selbst ins Abseits gestellt, klammert sich aber trotz des öffentlichen Entsetzens über seinen Nazi-Vergleich an seinen Posten.

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»Einen Rücktritt schließe ich aus«, sagte der 64 Jahre alte Freiburger der Deutschen Presse-Agentur. Keller hofft offensichtlich, sich zumindest bis zu einem vorgezogenen DFB-Bundestag im Amt retten zu können.

Keller hatte seinen Vizepräsidenten Rainer Koch bei einer Präsidiumssitzung am 23. April nach übereinstimmenden Berichten von »bild.de« und »Der Spiegel« mit Nazi-Richter Roland Freisler verglichen. Der DFB äußerte sich nicht zu Einzelheiten, bestätigte allerdings die Entschuldigung Kellers. Entgegen den Aussagen des Verbandschefs hat Koch die Entschuldigung bisher jedoch nicht angenommen.

Die Vertreter der Deutschen Fußball Liga im DFB-Präsidium, unter anderen ist das DFL-Chef Christian Seifert, distanzierten sich »deutlich und in aller Form« von der Wortwahl Kellers gegenüber Koch. »Eine solche Äußerung ist absolut inakzeptabel«, twitterte die Dachorganisation der 36 Proficlubs.

Im besten DFB-Duktus ließ Keller mitteilen: »In Zeiten gesellschaftlicher Zerrissenheit sollten wir uns als Fußballer nach meinem Foul die Hände reichen und ein gemeinsames Zeichen der Versöhnung geben. Ich freue mich, dass Rainer Koch zu gemeinsamen Gesprächen bereit ist.«

Wegen des seit Monaten schwelenden Führungsstreits waren schon vor diesem Vorfall für den Spätsommer dieses Jahres Neuwahlen im Gespräch, die eigentlich erst 2022 anstehen. Amateurvertreter im Sieben-Millionen-Mitglieder-Verband mucken gegen das Chaos an der Spitze immer mehr auf und distanzierten sich jetzt deutlich von Keller.

Der Präsident des Berliner Fußball-Verbands (BFV), Bernd Schultz, erhofft sich auf dem anstehenden Regionaltreffen der Landesverbände eine Klärung des Sachverhalts. Nach seinen Angaben nehmen daran auch Keller und DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius teil. Ein »weiter so« dürfe es nicht geben. Ob ein außerordentlicher Bundestag die richtige Lösung ist, bezweifele er allerdings.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) äußerte sich zunächst nicht über den Präsidenten seines größten Fachverbandes. Es ist ein unheilvolles Schweigen für Keller, der nach unruhigen Jahren beim größten Fachsportverband der Welt 2019 als Reformer antrat, sich in internen Machtkämpfen verstrickte. Nach seinem öffentlich gewordenen Fehltritt steht er nun alleine da.

»Mit Entsetzen und völligem Unverständnis« reagierte das Präsidium des Süddeutschen Fußball-Verbandes auf die Wortwahl Kellers. »Dies ist eine Äußerung, die völlig inakzeptabel ist (...)«, heißt es in einem Schreiben, das auch von DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann unterzeichnet ist. Gerade weil Koch Richter am Oberlandesgericht München ist, sei es völlig abwegig, ihn »auch nur ansatzweise in die Nähe des höchsten Repräsentanten der unsäglichen und menschen-verachtenden Willkürjustiz des Dritten Reiches zu rücken«.

Der 1945 gestorbene Freisler war als Teilnehmer an der Wannseekonferenz einer der Verantwortlichen für die Organisation des Holocaust und später Präsident des berüchtigten Volksgerichtshofes, wo er etwa 2600 Todesurteile verhängte, darunter auch gegen die Widerstandsgruppe »Weiße Rose«.

Das Präsidium des Bayerischen Fußball-Verbandes traf sich in einer kurzfristig einberufenen Videokonferenz ohne ihren Verbandschef Koch. Das Gremium sei entsetzt über »die von Fritz Keller ausgelöste neuerliche Eskalation innerhalb des DFB und seiner Regional- sowie Landesverbände«, hieß es. »Fritz Keller disqualifiziert sich, er vertieft so weiter die Gräben und betreibt Polarisierung.«

Zuvor hatte der BFV mitgeteilt, dass der 62 Jahre alte Koch die Entschuldigung Kellers bislang nicht angenommen habe, weil dieser den gesamten Vorgang mit zeitlichem Abstand zunächst in einem persönlichen Gespräch mit dem DFB-Präsidenten aufarbeiten wolle.

Keller hatte zunächst erklärt, dass er sich schriftlich bei Koch entschuldigt und dieser »die Größe« gehabt habe, »die Entschuldigung anzunehmen«. Diese Einschätzung, revidierte er nun, sei falsch, sagte der DFB-Präsident.

In der vom DFB zunächst bestätigten Erklärung sagte Keller zudem: »Manchmal fallen in Kontroversen Worte, die nicht fallen sollen und nicht fallen dürfen (...). Insbesondere auch im Hinblick auf die Opfer des Nationalsozialismus war der Vergleich gänzlich unangebracht. Ich bedauere dies sehr und werde meine Worte künftig weiser wählen.«

Auch bei der Vorsitzenden des Sport-Ausschusses im Deutschen Bundestag, Dagmar Freitag, stieß das Verhalten Kellers auf völliges Unverständnis. »Unabhängig davon, dass ich den Kontext nicht kenne, in dem die wohl unbestrittene Äußerung von DFB-Präsident Keller gefallen ist: Vergleiche mit einem der furchtbarsten Richter der Nazi-Zeit sind nicht entschuldbar«, sagte die SPD-Politikerin.

»Ich bin schon fassungslos. Wie kann der DFB-Präsident in diesem gesellschaftlich so wichtigen Amt solch einen Nazivergleich einführen?«, kritisierte der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger bei »Bild«. Die Rechtfertigungsbemühungen Kellers seien unangebracht: »Es geht um glaubwürdige Einsicht für eine völlig verfehlte Aussage. Und bei Keller ist keine Einsicht zu erkennen.«

Der Gastronom und Winzer Keller, der jahrelang an der Spitze des Bundesligisten SC Freiburg stand, wurde im September 2019 beim DFB zum Nachfolger von Reinhard Grindel gewählt. Dieser war zurückgetreten, nachdem bekannt geworden war, dass er eine Luxusuhr von einem ukrainischen Oligarchen angenommen hatte.

Die jetzige DFB-Spitze gilt schon länger als zerstritten. Seit Monaten tobt ein Machtkampf zwischen Keller und Curtius, der Kellers Verfehlung »Spiegel«-Angaben zufolge bei der Ethikkommission des Verbandes angezeigt hat. »Wir haben großes Vertrauen darauf, dass diese mit ihrer Entscheidung die Glaubwürdigkeit des DFB wiederherstellen wird«, teilten der Generalsekretär und DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge mit. Das Duo distanzierte sich in scharfen Worten von seinem Chef. Der DFB steht seit Jahren durch Führungsschwäche, anhängige Steuerermittlungen und den immer noch nicht vollständig aufgeklärten »Sommermärchen«-Skandal um die WM 2006 in der Kritik.

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