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Eine Stadt ohne ihre Brücke - »Da war einfach nichts mehr«

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Auf einmal war da nichts mehr - nach der Brückenkatastrophe herrscht in Genua Fassungslosigkeit und wachsende Wut. Foto: Luca Zennaro/ANSA Foto: dpa

Die Blicke wandern immer wieder zur Brücke hinauf. Zu dem, was noch von ihr übrig geblieben ist. Genua ist fassungslos. Und die zahlreichen Helfer kämpfen zwischen den Trümmern fieberhaft um jedes Leben.


Genua (dpa) - Innerhalb weniger Sekunden kann sich ein ganz normaler Tag in einen Alptraum verwandeln. »Ich war hier um die Ecke im Sportgeschäft einkaufen, ich habe Bälle für meine Kinder geholt«, sagt Gianni.

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Einen Tag nach dem Brückeneinsturz in Genua ist er am Mittwoch wieder zur Unglücksstelle gekommen. Viel mehr als die Trümmerberge sehen kann er von hier aus nicht. Die Polizei hat das Gebiet gut abgeriegelt.

Sein Blick fällt daher auf den grün-blauen Lastwagen, der in schwindelerregender Höhe nur wenige Meter vor dem Abgrund anhalten konnte und noch immer auf der Brücke steht. »Der hatte wohl das meiste Glück gestern«, sagt Gianni - und muss in diesen traurigen Tagen doch kurz lächeln.

Gianni erzählt, wie er den Laden verließ und zu seinem Auto ging. Dann habe er zur Brücke geschaut. Und nichts mehr gesehen. »Da war einfach nichts mehr. Das ist doch wirklich unglaublich, wie im Film.« Immer wieder fragt er die Journalisten nach der aktuellen Zahl der Todesopfer. Vor allem die toten Kinder und Jugendlichen scheinen ihn sehr zu bedrücken. Mehr als 40 Menschen sind beim Einsturz des Polcevera-Viadukts gestorben, der aus dem Alltag so vieler Genuesen nicht wegzudenken ist.

Er verbindet die Stadt mit dem Meer, dem Hafen - dem Logistikzentrum der Region. »Wir stehen hier wahrlich vor einer Katastrophe«, sagt Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli an der Unglücksstelle, wo die Helfer weiter nach Vermissten unter den massiven Betonblöcken suchen. Die Opferzahl könnte weiter steigen. Eigentlich rechnen alle damit.

Die Wahrscheinlichkeit, Überlebende zu finden, sinkt mit jeder Minute. In der Nacht seien noch Stimmen zu hören gewesen, berichten zwei Polizistinnen im italienischen Fernsehen. Mittlerweile seien sie verstummt.

Federica Bornelli war am Vormittag selbst für das italienische Rote Kreuz an der Unglücksstellle. Sie will Hoffnung machen, doch ihre Erschöpfung und ihr ungutes Gefühl für den weiteren Einsatz kann sie nicht verbergen. »Die Arbeit ist in mentaler und psychischer Hinsicht sehr anstrengend«, sagt die junge Frau. Auch wegen der Sicherheitsrisiken ist die Arbeit mühselig, langwierig. Ein einziges Auto zu bergen, habe am Morgen vier bis fünf Stunden gedauert, erzählt sie. »Unser Job ist es, so zu arbeiten, als wären da noch Überlebende in den Trümmern«, ergänzt Feuerwehrmann Emanuele Gissi.

Der Zusammenhalt in Italien ist in dieser schweren Stunde jedenfalls groß, die Zahl der Helfer lässt sich nur schätzen. Allein die italienische Hilfsorganisation Anpas hat seit Dienstagabend nach eigenen Angaben mehr als 1000 Helfer mit Essen versorgt. Am frühen Nachmittag kommt eine Familie mit literweise Wasser und Gebäck, um die Retter zu stärken.

Ein paar Hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt sammeln sich den ganzen Tag über Passanten, unter die sich auch Journalisten mischen. Immer lauter wird über die Ursachen diskutiert. Während in der Nacht die meisten Menschen noch staunend, fassungslos, schweigend und immer wieder kopfschüttelnd zwischen den Trümmern und den abgebrochenen Enden der Brücke umherschauten, haben die Italiener inzwischen ihre Sprache wiedergefunden.

»Es gab immer, immer Bauarbeiten. Immer. Nachts, tagsüber, sie haben immer ausgebessert«, sagt eine Frau namens Irina. Die Umstehenden nicken zustimmend. »Immer gab es Arbeiten, es gab immer Arbeiten. Leider ist es trotzdem passiert«, sagt der 22 Jahre alte Dario auf einem Parkplatz, von dem aus man den eingestürzten Viadukt sieht. Die Brücke ist aus der Stadt schwer wegzudenken, auch wenn es immer wieder Diskussionen darum gab.

»Bisher wurde so viel Geld in die Reparaturen gesteckt, wie ein kompletter Neubau gekostet hätte«, sagt Antonio Brencich, ein Experte der örtlichen Universität. Bereits vor zwei Jahren hat der Fachmann ein Interview gegeben und zum Neubau der Morandi-Brücke aufgerufen. »Wir sollten es wie bei einem Auto betrachten: Wenn man es regelmäßig reparieren muss, dann sollte man sich ein neues kaufen.«

Während sich das ganze Land um marode Brücken im Land sorgt, sind die Genuesen nun vor allem auf die nächsten Tage gespannt. Am Mittwoch ist in Italien Feiertag, auf den Straßen ist wenig los. Spätestens ab Donnerstag wird nicht nur die Brücke, es werden auch die anderen gesperrten Straßen fehlen. Fast alle Passanten betonen an der Unglücksstelle immer wieder, wie oft sie über den Polcevera-Viadukt gefahren sind. Die meisten rechnen mit einem großen Chaos.

Video italienische Polizei (Autobahnbrücke)

Video italienische Polizei (rufende Menschen aus der Ferne)