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Eine schlechte Nachricht löscht zehn gute

Berchtesgaden - Christian Grassl ist betroffen. Sowohl generell als Empfänger eines Spenderorgans als auch von der Nachricht, dass in Leipzig Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Spenderorganen entdeckt wurden, was allerdings derzeit noch genau geprüft werden soll. Der Berchtesgadener Christian Grassl, der in der Region den Verein »Sportler für Organspende« vertritt, befasst sich seit seinem 19. Lebensjahr mit dem Thema, hat inzwischen zwei Nierentransplantationen hinter sich und beschreibt das eigene Leben als ziemlich normales. Dank der Spenderorgane, die ihm dies ermöglichen.

Christian Grassl (r.) lebt selbst mit einem Spenderorgan. Die sich häufenden Skandale um Transplantationskliniken verschlechtern seiner Ansicht nach die ohnehin prekäre Situation um die Organspendewilligkeit, wie er »Anzeiger«-Redakteur Dieter Meister sagte. Anzeiger-Foto

Die erste Aussage von Christian Grassl beim »Edelweiß-Kaffee« verblüfft, denn er will die nunmehr vier Missbrauchsfälle bezüglich Spenderorganen nicht als Einheit sehen: »In Regensburg, im Münchener Rechts der Isar und Göttingen haben die Ärzte tatsächlich gepfuscht. Die Leipziger Fälle, die nach ersten Ermittlungen keinerlei Bereicherungsabsicht erkennen lassen, will Grassl gesondert sehen.

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Dort hätten die Ärzte den Schwerkranken helfen wollen, aufmerksam machen auf das Thema, da es immer noch in Deutschland zu wenig potenzielle Spender gäbe. »Meiner Ansicht nach ist das in Leipzig kein Organspendenskandal, sondern Organmangelskandal.« Und es werde wohl absehbar längst nicht der letzte Fall sein, der in die Öffentlichkeit gelange, wenn sich nicht Grundlegendes ändere, sagt Grassl, der die Politik als eines der großen Hindernisse sieht, zu einer guten Lösung zu kommen. Die orientiere sich nicht an Europa, fürchte zum Beispiel vielmehr, dass Pharmafirmen und andere Zweige von Parteispenden abrückten.

Denn, so sagt Grassl, Deutschland stehe im europäischen Vergleich der Organspendewilligen am Ende. Was seiner Meinung mehrere Gründe habe. Beispielsweise, dass Deutschland die Informationslösung bei der Werbung um Spender gewählt habe und nicht, wie beispielsweise in Österreich und den meisten europäischen Ländern die Widerspruchslösung, bei der jeder Bürger automatisch Spender ist, wenn er sich nicht in ein Negativregister eintragen lässt, also bei Ablehnung aktiv werden muss.

In Deutschland, so erinnert Christian Grassl, der zum Gespräch umfangreiches Material mitbrachte, um seine Argumente zu untermauern, seien in den letzten Jahrzehnten insgesamt 540 Millionen Spenderausweise verteilt worden. Jeder volljährige Erwachsene müsste demnach mehrere davon haben. Der Rücklauf allerdings sei verschwindend gering gewesen.

Bis heute stürben in der Bundesrepublik täglich drei Menschen, weil für sie kein Spenderorgan gefunden werden konnte, und noch einmal drei, die von der Warteliste genommen wurden, weil sie inzwischen nicht mehr als Spenderorganempfänger infrage kämen, weil sie eine Transplantation nicht mehr durchstehen könnten, beispielsweise.

»Deutschland ist in Sachen Organspende ein Importland.« Sagt Christian Grassl und weiß auch, dass statistisch hier pro eine Million Einwohner durchschnittlich 14 Organspender gezählt würden, in Spanien beispielsweise 33 oder 34 Leute. Und in Deutschland, weil nach wie vor Mangel an Spenderorganen herrsche, würden letztlich Organe transplantiert, die in anderen Ländern bereits drei- oder viermal abgelehnt worden seien.

Und die durch die Medien verbreiteten Meldungen über die Missbräuche mit Organspenden in den Kliniken erschrecke nicht nur ihn, Grassl, sondern auch viele andere Menschen, auch potenzielle Spender. »Eine schlechte Nachricht zerstört zehn gute«, sagt Christian Grassl.

Die Wirbel, die Pressemeldungen von Organspendeskandalen auslösten, würden gar nicht erst aufkommen, wenn die Regelungen verändert würden, wenn jeder oder doch sehr viele sagten, dass nach seinem einwandfrei und von zwei Ärzten festgestelltem Tod die Organe für das Weiterleben anderer Menschen zur Verfügung stünden.

Christian Grassl nennt Deutschland ein Land der Nörgler, die immer etwas fänden, um eine Sache nicht gut ausgehen zu lassen. Würde es in Deutschland ein Gesetz wie in den Nachbarländern, beispielsweise wie in Österreich, geben, gäbe es keine Skandale. DM