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Experten der Alten Musik zelebrieren unter Jordi Savall die Marienvesper

Eine einzige Verbeugung vor Monteverdi

Als seine »Marienvesper« 1610 in Venedig gedruckt wurde, befand sich Claudio Monteverdi gerade an einem Wendepunkt. Beispielhaft mischte er hier, an der Schwelle zwischen Renaissance und Frühbarock, alte und neue Stile. Ein Fest für Fans der Alten Musik war die beseelte Festspiel-Aufführung durch das Vokalensemble »La Capella Reial de Catalunya« und das Orchester »Le Concert des Nations« in der Kollegienkirche unter Leitung von Jordi Savall.

Die Tenöre Cyril Auvity und lluís Vilamajó brillierten unter Leitung von Jordi Savall im Bund mit »La Capella Reial de Catalunya« und »Le Concert des Nations« als zwei Seraphim. (Foto: Salzburger Festspiele/Silvia Lelli)

Seit 20 Jahren am Hof zu Mantua im Dienst, war Monteverdi 1610 dort zunehmend unzufrieden. Drei Jahre zuvor hatte er seine Frau bestattet. Vergebens suchte er für sich und seinen Sohn im Vatikan – dem Papst hatte er die Marienvesper gewidmet – eine neue Anstellung. Schließlich wurde er 1613 auf Lebenszeit Kapellmeister am Markusdom in Venedig, als Nachfolger von Giovanni Gabrieli, der den Stil der »Venizianischen Mehrchörigkeit« perfektioniert hatte.

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Der spanische Gambist und Dirigent Jordi Savall hat selbst die beiden herausragenden Ensembles gegründet und weiß wie kaum ein anderer die Alte Musik, die er intensiv erforschte, zu lesen. Die Leidenschaft, mit der er seit mehr als 50 Jahren der Welt musikalische Wunderwerke erschließt, durchpulste auch diese Aufführung. Bereichert wurde sie zusätzlich durch hochspezialisierte und sich natürlich und schwerelos in Monteverdis Universum bewegenden Gesangs- und Vokalsolisten. Etliche Sänger hatten ihre Laufbahn als Instrumentalisten begonnen, wie die einmalige Monica Picccinini mit der Geige oder der sagenhafte Countertenor David Sagastume mit Cello und Viola da gamba. So bringen sie ein gutes Gefühl für die Führung der Stimme wie ein Instrument mit.

Die meisten Sätze der Marienvesper, darunter viele Psalmen, gründen sich auf dem Kern des liturgischen Abendgebets der Klöster, einem Choral als »Cantus firmus«, um den sich die anderen Stimmen in einem polyphonen Geflecht kunstvoll ranken. Immer wieder gruppierten sich Sänger und Solisten – im Grunde waren sie alle ausgezeichnete Solisten – zu neuen Formationen, wie sechs- bis zehnstimmige Ensembles, zwei einander gegenüber platzierte Chöre (Doppelchor) oder sogar zusätzlich eine dritte, erhöht positionierte Gruppe. Häufig konzertierten auch immer neue Stimmenpaare miteinander, wobei die virtuose, an Verzierungen reiche Melodiegestaltung und die ausdrucksvolle Vortragsweise schon deutlich barocke Elemente sind.

Das spielfreudige Ensemble mit historischen Streich- und Blasinstrumenten, auch Blockflöte und Posaune, begleitete einfühlsam und bewies in vielen anspruchsvollen Instrumentalpassagen in diversen Konstellationen hohes Können. In einem gemeinsamen Schwingen war das Konzert eine einzige Verbeugung vor Monteverdi – zu seinem 450. Geburtstag – und seiner Musik. Symbolisch hob Savall nach vielen Bravos für die Interpreten die Partitur in die Höhe. Veronika Mergenthal