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Eine Busfahrt, die ist ...

Berchtesgaden – Busfahrer kommen nur dann in die Schlagzeilen, wenn sich ein Busunfall ereignet hat. Das sagt Tine Ott. Sie ist Busfahrerin im Berchtesgadener Land, bei der Regionalverkehr Oberbayern, Mitglied der Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), und weiß, was dazugehört, sich in einem von Männern dominierten Betrieb zu behaupten. Die Arbeit als Busfahrerin? Oft stressig. Denn die Belastungen seien groß. Der Dank gering.

Tine Ott ist eine von zwei Busfahrerinnen bei der RVO. Der Arbeitsalltag? Oft stressig. Anerkennung? Seltenheitswert. Foto: privat

»Busfahrer ist ein Traumjob. Ein bisschen spazieren fahren in wunderschöner Gegend. Und dafür gibt es auch noch Geld.« Das sagt nicht Tine Ott. Das sagten die mitfahrenden Gäste, ein älteres Ehepaar, an diesem Tag. »Sie können es ja nicht besser wissen«, meint Ott. Derweil geht der Arbeitstag oft schon sehr früh los: »Ich bin um 4.30 Uhr aufgestanden, habe bei der ersten Fahrt müde und mürrische Leute zur Arbeit gefahren, über eine Stunde lärmende Schüler ertragen, zwei Mal eine Verspätung von sechs Minuten gehabt, ließ mich ein Mal von einem Fahrgast beschimpfen, habe 268 Euro eingenommen und zwei Mal einen zusätzlichen Bus angefordert, weil mein Bus vollgestopft war, habe 23 Auskünfte gegeben und bin eine halbe Stunde trotz voller Blase weitergefahren.«

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Nur fünf müde Wanderer

Jetzt kann Ott aufatmen, das erste Mal an diesem Tag, wie sie sagt. Klar, sie fährt durch eine schöne Landschaft, das ist schon richtig und gerade sind es auch nur fünf müde Wanderer, die bei ihr im Bus sitzen. Aber das ist nun mal nicht die Regel.

Und der Lohn? Naja, 11,24 Euro in der Stunde Einstiegslohn, nach einem Jahr 13,16 Euro. Brutto. »Für einen Alleinverdiener eigentlich zu wenig, um eine Familie durchzubringen und von staatlicher Unterstützung unabhängig zu bleiben«, meint Tine Ott. Das sei in der Öffentlichkeit aber nicht bekannt, wie so vieles andere auch, was die Arbeitsbedingungen des Busfahrers betrifft. Krankenschwestern, Lokführer, Fluglotsen haben es wiederholt in die Schlagzeilen oder in die Tagesschau geschafft.

Der Fahrer als Funktionseinheit des Busses

Busfahrer werden dagegen mit ihren Belastungen, Nöten und Problemen in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. »Oft genug hat man das Gefühl, von den Fahrgästen als Funktionseinheit des Busses angesehen zu werden und nicht als Mensch aus Fleisch und Blut«, so Ott, leicht betrübt. »Eigenartig, dass sich die meisten Fahrgäste nur Gedanken über einen Sitzplatz, ihren Anschluss und vielleicht noch über die Sicherheit des Busses machen. Wer aber fragt sich schon: Wie geht es dem Fahrer? Und das, obwohl sie ihm ihr Leben und das ihrer Kinder anvertrauen.«

Busfahrer seien vielen körperlichen Belastungen ausgesetzt, meint die, die dies jeden Tag erlebt: Vibrationen, Lärm, wechselnde Temperaturen, Muskelbelastungen durch das lange Sitzen, Abgase, Schichtarbeit. Hinzu kommen laut Ott auch psychische Faktoren: Monotonie, Daueraufmerksamkeit, Zeitdruck oft über Stunden, hohe Verantwortung, Unfallrisiko, ständiger Kundenkontakt und der Umstand, dass man Einzelkämpfer ist. »Man ist allem ausgeliefert: den Blicken, Gerüchen, Bazillen, dem Lärm und oft auch den Launen und Beschimpfungen der Fahrgäste«, weiß die RVO-Fahrerin, die noch eine weitere Kollegin im Betrieb hat.

Darüber hinaus sind Busfahrer immerzu Ansprechpartner bei Fragen der Gäste, »eigentlich müssten das Touristeninformationen leisten«. Überall werden Kosten reduziert, auch im öffentlichen Nahverkehr. Die Folge ist, dass nach »optimierten Dienstplänen« gefahren wird. »Nicht selten ist man dadurch den ganzen Tag unter Zeitdruck«, sagt Tine Ott. Ein hohes Verkehrsaufkommen, Staus oder manchmal auch nur eine rote Ampel zu viel – und schon ist man nicht mehr in der Zeit, sodass der nächste Anschluss nicht mehr gehalten werden kann.

Einen guten Job machen

Die meisten wollen einen guten Job machen, sagt Ott. Pünktlichkeit, Freundlichkeit und ein angenehmes, ruckfreies Fahren gehören dazu. Allerdings ist das nicht immer alles möglich. Denn der Zeitdruck ist groß.

Die Busfahrerin sagt, dass man in ihrem Berufsfeld durch den unregelmäßigen Schichtdienst nur eingeschränkt am familiären, sozialen und kulturellen Leben teilhaben könne. »Wer am nächsten Tag um 4.15 Uhr aufstehen muss, setzt sich abends nicht mit seinen Freunden in einen Biergarten.«

Ott: »Wenn ein Busfahrer in Vollzeit 167 Stunden im Monat arbeitet, dann muss er mindestens 40 zusätzliche Stunden im Monat für unbezahlte Zeiten und Pausenabzug investieren. Verursacht hauptsächlich durch geteilte Dienste, wo der Fahrer dann oftmals seine Freizeit am Bahnhof oder im Betrieb verbringt, weil eine Heimfahrt einfach nicht rentabel ist.«

Viel Verantwortung, wenig Anerkennung

Das Fehlen gesellschaftlicher und finanzieller Anerkennung stehe in krassem Gegensatz zur Verantwortung der Busfahrer, meint Tine Ott. Die Ausbildung sei teuer, die Arbeitszeiten unattraktiv und die Anforderungen hoch. Darum fehle es auch an Nachwuchs. Die Folge: Personalmangel, ein steigender Altersdurchschnitt und mehr Ausfälle wegen Krankheit.

Was sich Tine Ott für das Busfahren wünscht? »Dass bei Linienausschreibungen Sozialstandards festgelegt werden.« Nur so könne der Konkurrenzkampf auf dem Rücken der Arbeitnehmer verhindert werden. Es dürfe nicht so weit kommen, dass Busunternehmen mit Löhnen in den Markt drücken, die noch nicht einmal die für den Mindestlohn anvisierten 8,50 Euro Stundenlohn erreichten.

Den kleinen Dank bekam Tine Ott, als das Ehepaar schließlich aus dem Bus ausstieg. »Und schon war ich wieder etwas versöhnt«, berichtet Ott. Der Mann schickte noch ein Lob hinterher: »Gut sind Sie gefahren – für eine Frau.« Kilian Pfeiffer