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Ein Weltenherrscher, der über Leichen ging

Wie war er, der größte, schönste, tollste Held der Antike? Widerborstig? Eitel? Machtlüstern? Charismatisch? Brutal? Blauäugig? Sentimental? Schwul, bi oder hetero? Die Wahrheit ist: alles zusammen. Alexander, der kleine, der sich »der Große« nannte, des Mazedonier-Königs Philipp II. Spross aus der Verbindung mit Olympia, geboren zu Pella 356 v. Chr., an einem mysteriösen Fieber gestorben im Jahr 323, seltsamer Weise nicht in einer seiner gefahrvollen Schlachten auf seinem gut 2  500 Kilometer langen Heereszug »bis ans Ende der Welt«, das indische Reich – jetzt scheint er als legendärer Superheld der Antike in Rosenheim auf: in der von der Archäologischen Staatssammlung im Gebäude und auf dem Gelände des »Lokschuppens« eingerichteten multimedialen Erlebnis-Schau. Sie wurde für blutige Anfänger wie für eingeweiht-gewiefte Fortgeschrittene mit immensem Aufwand wissenschaftlich untermauert brillant konzipiert.

Gemalte Rekonstruktion des Alexander-Mosaiks, 3. Jahrhundert v. Chr., Detail. (Fotos: Hans Gärtner)

Erstmals, so der Ltd. Sammlungsdirektor Professor Rupert Gebhard, würde in Rosenheim der Weg beschritten, sich ganz auf Alexanders Biographie zu konzentrieren. »Ein Leben – eine Ausstellung« würde das Vorgehen am besten schildern. Der Besucher folgt Alexander durch sein Leben, von der Kindheit bis zum Totenbett. Er begegnet mit ihm den unterschiedlichen Kulturen, verfolgt die Kriegszüge und lernt die Facetten seines Charakters kennen.

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Diese »Facetten« lässt Gebhard mit den Kuratoren Ellen Rehm (Orientalistin) und Harald Schulze (Hellenist) aus der Sicht von Verwandten und Freunden, Kritikern wie Huldigern auf Lesetafeln an Silhouetten-Figuren aufscheinen, oft witzig, durchwegs zusätzlich informativ wie viele weitere Texte, die im auf Dauer schwer erträglichen Dunkel der zweigeschossigen »Lokschuppen«-Innenräume leuchten. Da übersieht der Besucher gern, weil durch Landkarten, Landschafts-Riesenposter, Ausschnitte aus Oliver Stones Issos-Keilerei-Breitwand-Film, Kuschelecken und -zig uralten Kostbarkeiten in Vitrinen gefangen genommen, dass hier einmalige, auch noch nie öffentlich gezeigte Zimelien auf Bewunderer warten – das »Tropaion«, einzig original erhaltenes verkohltes Holz-Siegesmal mit Panzer und Helm ist nur eine von vielen.

Der Besucher kann sich an 450 erlesenen, von mehr als 40 Leihgabe-Stellen aus aller Welt zusammengeholten Exponaten in das von Krieg und Militarismus, Eroberungssucht und Völkerunterwerfung, Siedlungsverwüstung und Massenhochzeiten, aber auch Luxus-Lifestyle und unvorstellbaren Exzessen vollen, allerdings nur kurzen Leben des Feldherrn aller antiken Feldherrn hineinversetzen, schauend, lesend, hörend (Audio-Guides mit stimmungs-rührenden Klangsignaturen des in Umbrien lebenden altbayerischen Musikethnologen Hans Ludwig Hirsch). Zeitgenössische, wie durch ein Wunder erhaltene Keilschrift-Tontafeln zählen zu den absoluten Preziosen der überreich bestückten Schau. Eine davon, datiert vom 1. Oktober 331 v. Chr., übermittelt Alexanders Schlacht von Gaugamela, eine andere über den Einzug des Weltenherrschers in Babylon, eine dritte vom 10. Juni 323 v. Chr. beeindruckt durch den schlichten Text »Am 29. Tag starb der König. Wolken am Himmel!«

Zu Gegnern des rücksichtslosen Alexander d. Gr. – der berühmteste zu Lebzeiten war Demostenes – zählt sich am Ende des Konzentration kostenden Rundgangs vielleicht auch mancher Besucher. Wenngleich überwältigt von der enormen strategischen Leistung des gottgleichen Eroberers, der, aus Rache oder Geltungssucht, das Perserreich zerstörte, sich in Ägypten zum Pharao krönen ließ, Prunk und Pracht in der Mega-City Babylon entfaltete, den Palast von Persepolis niederbrannte und den phönizischen Inselstaat Tyros auslöschte, indem er alle Männer tötete und Kinder und Frauen als Sklaven verschacherte, war dieser Potentat doch alles andere als ein Sympathieträger.

So leicht wie mit den erfolgreichen historischen Ausstellungen »Bajuwaren«, »Kelten« und »Römer« tut sich »Lokschuppen«-Manager Peter Lutz mit »Alexander der Große« wohl nicht. 177 000 Tickets muss er verkaufen, um die Investition von 2,3 Millionen Euro einzuspielen. Mit attraktiven Angeboten für Gruppen, Schulklassen, Familien, mit Taschenlampen-Führungen und Workshops sowie einem gut gemachten, im Museumsshop zu erwerbenden Katalog sollte ihm das wohl gelingen. Hans Gärtner