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Ein Weihnachtsschütze will in die Politik

Berchtesgaden – Michael Koller von den Freien Wählern ist gelernter Schreiner und Fachlehrer für Werken. Das passt gut, denn ab Herbst will er im Bayerischen Landtag dicke Bretter bohren. In unserer Serie »Landtagskandidaten ganz privat« stellen wir heute den 36-jährigen Berchtesgadener vor, dessen Lebenslauf durchaus mehrere überraschende Wendungen bereithält.

Mit 36 Jahren will der Junggeselle Michael Koller jetzt für die Freien Wähler in den Landtag einziehen. Foto: Anzeiger/Hudelist

Koller wird in eine wohlbehütete Umgebung hineingeboren, seine Mutter arbeitet in der Gemeinde, sein Vater, ein gelernter Elektriker, ist in der Post-Maschinenstelle. Der Stammbaum der Kollers geht zurück bis in das 15. Jahrhundert. »Mein Urgroßvater war zum Beispiel zweiter Bürgermeister in der damaligen Gemeinde Salzberg«, erzählt der 36-Jährige.

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Seine Kindheit verbringt Michael Koller am Fußballplatz, im Wald und rund um sein Elternhaus am Untersalzberg. »Eine große Rolle hat mein Opa gespielt, der mit uns Kindern oft in den Wald gegangen ist und auch viele Geschichten erzählt hat. Wir sind alle sehr an ihm gehangen.« Der FWG-Kandidat erinnert sich aber auch, dass er sich als Kind bei den Nachbarbauern schon ein Taschengeld verdient hat. »Wir haben Steine zusammengesammelt aus den Wiesen und haben für einen vollen Eimer 20 Pfennig bekommen.«

Die Schulzeit in der Bacheifeld-Grundschule in Berchtesgaden und anschließend in der Realschule Königssee durchläuft Koller eher unaufgeregt. »Ich war nicht der allerbeste Schüler und war froh, wenn ich zu Mittag wieder nach Hause durfte.« Ein Wechsel nach der Realschule auf das Gymnasium kommt für den 16-jährigen Koller nicht infrage. Auch beeinflusst von seinem Opa will er Schreiner werden und beginnt eine entsprechende Lehre in der Firma Maltan. »Ich hatte einen wirklich guten Meister und habe in der Zeit sehr viel gelernt, nicht nur, was das Handwerk betrifft.« Im Rahmen der Lehre kommt Koller dann auch zum ersten Mal regelmäßig aus dem Talkessel hinaus, nach Freilassing in die Berufsschule. »Wir haben das natürlich ein wenig ausgenutzt und haben schon gesehen, da gibt es andere Sachen als bei uns.« Nach der Lehre und dem Gesellenbrief folgen zehn Monate Bundeswehr bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall, »Zivildienst zu machen war damals für mich kein Thema.«

Im Alter von 20 Jahren folgt dann die erste Wende im Lebenslauf. Statt wieder in die Schreinerei zurückzugehen, will Koller seinem Traumberuf näherkommen, der bis dahin mangels Abitur nicht erreichbar schien. Er will Lehrer werden. »Ich wollte noch einmal anpacken und was Neues machen, also habe ich eine Aufnahmeprüfung für die Ausbildung zum Fachlehrer gemacht und bestanden.

Der zweite berufliche Lebensabschnitt beginnt aber auch mit Wehmut, denn eigentlich will Koller nicht weg von Berchtesgaden, von den Vereinen, in denen er Mitglied ist. »Also am Anfang war ich nicht glücklich, aber dann ging es schon.« Im Gegensatz zur Grundschule tut er sich jetzt mit dem Pauken viel leichter, um das Studium finanzieren zu können, hat er eine Art Zeitungsjob. Er sorgt für die Verteilung von Gratiszeitungen im Talkessel, bekommt jeden Freitag Berge an Gratiszeitungen und Werbeprospekten und bereitet diese für die Verteiler vor.

Kulturschock am Hasenbergl

Nach vier Jahren Studium und dem Ersten Staatsexamen hält das Leben dann den ersten Kulturschock für Koller bereit, für seine Referendarzeit wird er an die Hauptschule Hasenbergl in München eingeteilt, ein bekannter, sozialer Brennpunkt. »Das war eine sehr schwierige Zeit, wir hatten Schüler aus 25 Nationen und Klassen mit 80 Prozent Ausländeranteil.« Wegen zahlreicher Kriegsschauplätze zum Beispiel am Balkan kommen viele Kriegskinder, die untereinander verfeindet waren. »Also in dieser Zeit hab ich gesehen, wie das Leben auch sein kann.«

Bis 2007 bleibt Koller in München, zuletzt an einer Realschule in Laim, obwohl er überraschenderweise auch gerne am Hasenbergl geblieben wäre. »Ich kann gut mit Kindern«, auch jetzt in der Realschule in Freilassing, wo er seit 2007 Werken, technisches Zeichnen und Kommunikationstechnik unterrichtet.

Weihnachtsschützen als Politsprungbrett

Kollers politische Karriere beginnt indirekt, als er Januar 2007 zum Vorstand der Weihnachtsschützen Berchtesgaden gewählt wird. Er muss sofort das 100-jährige Jubiläum inklusive Festabend organisieren. Dabei kann er sich offensichtlich profilieren und wird vor der Kommunalwahl 2008 gleich von mehreren Parteien als möglicher Kandidat umworben. Dass er sich dafür entschieden hat, auf der Liste der Freien Wähler zu kandidieren, hat die Partei eigentlich dem ehemaligen Bürgermeister Rudolf Schaupp von der FWG zu verdanken. »Der hat mich beim 100-Jahr-Jubiläum und allen Festen so unterstützt, dass ich mir gedacht habe, ich will eigentlich nicht gegen ihn kandidieren.«

Seit März 2008 ist Koller im Gemeinderat der Marktgemeinde Berchtesgaden und ist Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, die damals allerdings nach fast 50 Jahren ihren Bürgermeistersessel verloren haben.

Ob er am 15. September den Sprung in den Landtag schafft, ist ungewiss, seine Schüler wünschen es ihm zwar einerseits, haben aber gleichzeitig gefragt: »Was wird denn dann aus uns?« - »Also, wenn die Freien Wähler in Oberbayern wieder sieben bis acht Kandidaten schaffen, dann habe ich durchaus eine Chance«, gibt sich Koller optimistisch. Michael Hudelist