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Ein vollendet gelebter Originalklang

Natürlich hat Dario Castello nicht die ersten Streichquartette geschrieben, wie Zvi Meniker beim vorletzten Festivo-Konzert behauptete. Neben der Motette »Exsultate Deo« sind von dem Monteverdi-Zeitgenossen aus Venedig zwei Sammlungen von »Sonate concertate in stil moderno« von 1621 und 1629 überliefert. Zwar sind darunter auch solche zu vier Stimmen, allerdings sehen sie stets zusätzlich eine Continuo-Begleitung vor. Diese »Sonate a quattro«, die auch »Quartetti« genannt wurden, sind allenfalls Vorläufer des späteren Streichquartetts.

Die Erfinder des eigentlichen Streichquartetts sind Luigi Boccherini und Joseph Haydn. Noch dazu war Castello zu seiner Zeit keineswegs der erste und einzige, der solche »Sonaten-Quartette« komponierte. Dieser Versuch, die Musikgeschichte umzuschreiben, war ärgerlich und verzichtbar. Denn eigentlich zählte dieses Festivo-Konzert im Preysingsaal von Schloss Hohenaschau zu den schönsten und gelungensten nicht nur der letzten Jahre. Ein Höhepunkt folgte auf den nächsten, dieser Abend war ein Hörgenuss der Extra-Klasse.

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Das zeigte sich nicht nur in den zwei »Sonaten-Quartetten« von Castello. So war es generell eine Freude, wie stilsicher Muriel Cantoreggi und Joel Bardolet (Violinen) sowie Festivo-Leiter Johannes Erkes (Viola) und Sebastian Klinger (Cello) phrasierten und artikulierten. Deswegen wurde Bachs Cembalokonzert BWV 1052 mit Meniker, das zusätzlich gespielt wurde, zu einem befreiten Hörerlebnis. Im perfekten Zusammenspiel zwischen Meniker und den Streichern wurde die Geburt dieser Musik aus dem Geist des Tanzes verlebendigt.

Schon bei den Herrenchiemsee-Festspielen war dieses Werk zu hören, allerdings als rekonstruiertes Violinkonzert. Bei Festivo profitierte die Musik auch von der radikal reduzierten Besetzung des Orchesters auf Quartett-Größe. Umso straffer nämlich und beschwingter konnten die Tempi genommen werden, noch dazu erlaubte die Reduktion ein punktgenaues Sezieren der Strukturen.

Nicht minder stilsicher und überaus feinsinnig präsentierte sich der Flötist Matvey Demin, der beim ARD-Musikwettbewerb 2010 in München erfolgreich teilgenommen hatte. Der junge Festivo-Debütant, den man gerne wieder in Aschau erleben würde, stieß in der Triosonate aus dem »Musikalischen Opfer« BWV 1079 sowie in der Bach-Kantate »Ich habe genug« dazu. In der Bach-Kantate brillierte indessen die Sopranistin Ruth Ziesak, weil sie es schaffte, die lebensfrohe und keinesfalls lebensmüde Botschaft in Ausdruck und Farbe herauszustellen.

Die Schluss-Aria »Ich freue mich auf meinen Tod« wurde fürwahr ein Fest auf das Leben – zuversichtlich und gelöst. Den größten Beifall heimste aber Sebastian Klinger ein, und dies zu Recht. Wie nämlich der Solo-Cellist des BR-Symphonieorchesters die dritte Cellosuite von Bach gestaltete (nicht die fünfte wie angekündigt), das war bleibend. Nichts schwärte romantisierend, auch hier wurde der Tanz geschärft.

Einmal mehr offenbarte sich, wie sehr sich in Klingers Spiel technische Brillanz, klangliche Flexibilität und kenntnisreiche Werktreue vereinen. Mehr solcher Festivo-Konzerte mit historischer Aufführungspraxis wären wünschenswert. Marco Frei