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Ein Trio wie Dynamit, ein Oktett wie eine Sinfonie

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Das Oktett in der Traunsteiner Klosterkirche mit Andrej Bielow und Alina Pogostkina (Violine), Razvan Popovici (Viola), Adrian Brendel (Violoncello), Nabil Shekata (Kontrabass), Olivier Darbellay (Horn) und Higinio Arrue (Fagott). (Foto: Kaiser)

Robert Schumanns Zitat von den »himmlischen Längen« bei Franz Schubert gilt nicht nur für dessen »Große Sinfonie in C-Dur« und sein Oktett, sondern wohl auch für sein erstes Klaviertrio B-Dur D 898/op.99 aus dem Jahr 1827, dem Todesjahr Beethovens, ein Spätwerk, das weit in die frühe Romantik hineinwirkte.


Alina Pogostkina (Violine), Monika Leskovar (Violoncello) und Konstantin Lifschitz am Flügel gingen diese viersätzige Komposition beim Konzert des Chiemgauer Musikfrühlings in der Traunsteiner Klosterkirche in entspannter Konzentration an. Voller Überraschungen entwickelte sich der erste Satz, in farbigem Einfallsreichtum und raffinierten harmonischen Wendungen. Wie »die schönste Melodie der Welt« wirkte der Beginn des zweiten Satzes, den die Streicher sangen, mit dem ein Meisterstück rücksichtsvollen Zusammenspiels begann. Der dritte Satz kam als flirrende »Apotheose des Scherzos« mit einem verhaltenen, fragenden Trio-Teil. Der Schlusssatz, von innen heraus glühend, sprengte eigentlich den kammermusikalischen Rahmen, war aber von einer Intensität und Dichte, dass einem die Luft wegblieb. Große Begeisterung »mit Trampeln und Gebell« antwortete darauf im Traunsteiner Kunstraum Klosterkirche.

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Im vergangenen Jahr wurde »Mirdzums – Schimmer«, das Trio für Violine, Klarinette und Klavier der lettischen Komponistin Santa Ratniece (geboren 1977) in Riga uraufgeführt, heuer geschah beim Musikfrühling die deutsche Erstaufführung mit Alina Pogostkina, Reto Bieri und Diana Ketler. Der Beginn wirkte sehr gesucht und gewollt, sollte mit »Mehrklängen« auf der Klarinette, Pochen auf gedämpften Klaviersaiten, Vierteltönen und Glissandis auf der Geige Stimmungen vermitteln, in die der Berichterstatter nicht eintauchen konnte; ein melodiöses Intermezzo hingegen konnte ihn ansprechen »wie Licht, das aus dem Wasser kommt«.

Nach der, mit freundlichen Gesprächen erfüllten, Pause »ereignete« sich der Höhepunkt des Abends, Schuberts berühmtes und beliebtes Oktett F-Dur D 803/op.166. Schubert schuf es in bestürzend kurzer Zeit im Februar 1824 zeitgleich mit dem a-Moll-»Rosamunde«-Quartett, unmittelbar gefolgt vom d-Moll-Quartett »Der Tod und das Mädchen«. Am 31. März 1824 notierte Schubert: »Ich componirte ... ein Octet u. will mir auf diese Art den Weg zur großen Sinfonie bahnen.«

In diesem Sinn agierten auch Andrej Bielow und Alina Pogostkina (Violine), Razvan Popovici (Viola), Adrian Brendel (Violoncello), Nabil Shekata (Kontrabass), Olivier Darbellay (Horn) und Higinio Arrue (Fagott), die in ihrer farbenreichen Besetzung mit solistischen Parts, aber auch in kompaktem Orchesterklang allen Erwartungen genügten. Sie erwiesen sich als verschworene Musik-Banda, die sich auf unwiderstehliche Weise befruchtet. Wenn man als Zuhörer auf ihre Körpersprache achtet, versteht man die musikalischen Entwicklungen gleich um vieles besser. Die Streicher lächelten sich beim Spielen sogar zu, was den Bläsern natürlich nicht so leicht fällt. Damit sei ein weiteres »Highlight« des Chiemgauer Musikfrühlings andeutend beschrieben. Leider bleibt auch beim 10-jährigen Jubiläum auf der organisatorischen Ebene immer noch so manches zu wünschen übrig. Doch das Konzert, vom BR aufgezeichnet, wird am 3. Juli um 18.05 Uhr in BR-Klassik gesendet. Engelbert Kaiser