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Ein Lehen, das keines ist

Berchtesgaden - Das Berchtesgadener Brüggenlehen war niemals ein Lehen wie sein großer Bruder am Faselsberg in Schönau am Königssee. Die jetzige Fassade ist kaum mehr als ein Jahrhundert alt.

Ein Haus, das auf kuriose Weise zu seinem Namen kam: das Brüggenlehen in der Brüggengasse.

Das Brüggenlehen in der Berchtesgadener Brüggengasse 1 liegt über dem Luitpoldpark, etwas versteckt und in Sichtweite der Königlichen Villa. Im Vergleich mit dieser ist es allerdings ein gutes Stück älter. Die belegbare Vergangenheit reicht rund 200 Jahre zurück. Das Brüggenlehen war ein Bürgerhaus, das durch den ersten verbrieften Besitzer seinen Namen erhielt, in Anlehnung an das echte und viel ältere Brüggenlehen am Faselsberg, dessen Besitzer auch Andre Wein war.

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Für das heutige, denkmalgeschützte Äußere des Hauses sorgten wohl zwischenzeitlich Besitzer aus Wien. 1889 ist als geschnitzte Zahl über der insgesamt reich verzierten Vordertür wohl als Zeitpunkt der gründlichen Umgestaltung angegeben. Im Haus ist es heute meist still, da die meisten Besitzer der Wohnungen nicht ständig in Berchtesgaden leben und nur wenige Hausbewohner täglich ein- und ausgehen. Das ändert aber nichts daran, dass es ein optisches, wenn auch etwas an den Ortsrand gerücktes bauliches Kleinod ist.

In der alten Berchtesgadener Häuserliste trug das jetzige Brüggenlehen die Nummer 71. Es hieß damals Fischergütl oder Kranabethlehen. Seinen jetzigen Namen hat das Haus in der Brüggengasse 1 auf doch etwas kuriose Weise bekommen, denn im Jahre 1810 kaufte Andre Wein vom Brüggenlehen am Faselsberg das Anwesen. Vielleicht war der neue Besitzer nicht sonderlich fantasiebegabt, oder er setzte bewusst ein Gegenstück zu seinem Königsseer Lehen fast mitten im Markt.

Seit jener Zeit jedenfalls heißt das Haus auch Brüggenlehen. Im Jahre 1844 übernahm es sein Sohn, der es fast vier Jahrzehnte später, im Jahre 1883, an die Familie Friedmann aus Wien veräußerte.

Gleich im Kaufjahr ließen die Friedmanns Haus und Ökonomie umbauen, erfreuten sich aber nicht sonderlich lange des Anwesens, denn ab 1896 wird ein Oberst Hofmarschall Graf Albrecht von Seinsheim als Eigentümer genannt. Auch der neue Besitzer hatte Pläne und begann im Folgejahr mit Bauarbeiten. Zunächst wurde das Gebäude um ein Stockwerk erweitert. Graf von Seinsheim behielt das Brüggenlehen bis 1920, dann bot er es zum Verkauf.

Der neue Herr vom Brüggenlehen war Amtsgerichtsrat Wilhelm Werr. Er ließ sich zunächst Zeit, größere Veränderungen vornehmen zu lassen. Vermutlich wurde das Anwesen dann im Jahre 1929, noch unter der Regie von Werr, gründlich renoviert. Eine im hofseitig am Haus angebrachten Spülstein eingelassene Jahreszahl deutet darauf hin. Nach Werrs Tod erbten seine Kinder das Anwesen. Sie verkauften es wohl, als sie der mitteleuropäischen Witterung offensichtlich überdrüssig wurden und sich in Richtung Kanarische Inseln verabschiedeten.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten wurde das Lehen in der Brüggengasse erneut gründlich umgebaut. Alllerdings ausschließlich nur von innen. Die äußere Hülle durfte nicht verändert werden, da das Gebäude inzwischen längst in die Denkmalliste aufgenommen wurde. Im Inneren aber wurde zuerst radikal entkernt und anschließend modernisiert wieder aufgebaut.

Vom Treppenhaus abgesehen, erinnert deshalb kaum noch etwas an die doch schon imposante und nicht eben kurze Vergangenheit. Heute sind Eigentumswohnungen im Brüggenlehen eingebaut, ist das Haus aufgeteilt unter verschiedene Besitzer. Wenige Einheiten werden ständig bewohnt, der große Rest dient den Wohnungsbesitzern nur als Domizil in Ferientagen. DM