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Der Adolf-Grimme-Preisträger Hans-Dieter Grabe möchte eine Dokumentation über einen Bischofswieser Landwirt drehen

Ein Leben für den Film

Bischofswiesen – Seine Leidenschaft fürs Filmedrehen hat Hans-Dieter Grabe, der mehrfach ausgezeichnete Adolf-Grimme-Preisträger, auch im Alter von 80 Jahren noch nicht verloren. Seit 1961 besucht der gebürtige Dresdner Berchtesgaden und wohnt dort im Hof von Anton Kurz, dem Stocker-Bauern aus der Stanggaß, über den er einen Film drehen will. Bekannt geworden ist Grabe, der 40 Jahre lang als Dokumentarfilmer für das ZDF gearbeitet hatte, durch seine Langzeitstudien und Filme wie »Hiroshima, Nagasaki – Atombombenopfer sagen aus«.

40 Jahre lang hat Hans-Dieter Grabe für das ZDF Dokumentationen gedreht. Nun möchte er einen Film über den Bischofswieser Landwirt Anton Kurz machen. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden ist für Hans-Dieter Grabe wie ein zweites Zuhause. Das mag daran liegen, dass er seit 1961 regelmäßig zu Gast ist, mindestens ein paar Tage. Zunächst mit seinen Eltern, später mit Frau und Kindern. Seine Mutter und seine Tante lebten mehrere Jahre im Seniorenheim »Felicitas«. Gemeinsam hatten alle Urlaube, dass er sie bei Anton Kurz verbrachte, im schön gelegenen Hof in der Stanggaß. »Mir gefällt, dass hier die Zeit stehen geblieben ist«, sagt Grabe, dem man das Alter nicht ansieht. Wohl überlegt sind seine Worte. Seine Ausdrucksweise ist geschliffen – Grabe ist als Dokumentarfilmer über die Grenzen bekannt. Als Autor und Regisseur hat er in seiner Laufbahn über 60 gesellschaftspolitische und zeitgeschichtliche Filme gedreht, für die er zahlreich ausgezeichnet wurde.

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Schwerpunkt Auslandsdokumentationen

Geboren ist Grabe 1937 in Dresden. In den 50er-Jahren studierte er an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg, wo er bereits sein Interesse für Dokumentarfilme entdeckte. Drei Jahre lang arbeitete er als freier Mitarbeiter für den Bayerischen Rundfunk in München, drehte Beiträge für die »Abendschau« und die »Tagesthemen« in Hamburg, ehe er eine Planstelle beim ZDF antrat – als Redakteur mit besonderen Aufgaben im Bereich der Auslandsdokumentationen. »Für mich war das Privileg und Chance zugleich«, erinnert sich Grabe, »dafür bin ich dem ZDF heute noch dankbar.«

Als er den Posten antrat, war ihm klar, dass er Dokumentarfilme drehen wollte, damals weitgehend unbekannt im deutschen Fernsehen. Filme über Personen und Ereignisse, teils über lange Zeit beobachtet. Sein erster Film: »Wohlfahrt in Waffen – Ein Bericht über das neutrale Schweden«. Es folgten »Kuwait – Ein Scheichtum stürzt ins 20. Jahrhundert« und »Hoffnung – Fünfmal am Tag. Beobachtungen auf einem deutschen Bahnhof«. Für Dokumentarfilme »gab es damals noch bessere Sendezeiten«, sagt Hans-Dieter Grabe, der in seinem Leben die ganze Welt bereist hat. Ob Hiroshima oder Nagasaki, Vietnam oder Afrika. Grabe drehte überall dort, wo es etwas zu berichten gab.

Einzelschicksale beleuchtet

Schon bald begann er, Personen aus seinen früheren Arbeiten wieder aufzusuchen, etwa den kriegsverletzten Vietnamesen Do Sanh oder den polnischen Juden und KZ-Häftling Mendel Szajnfeld, ein Zeitzeuge, der später ein Buch schrieb und über den Grabe 27 Jahre danach erneut einen Film drehte. Aus den Wiederbegegnungen entstanden meist neue Filme, »das ZDF gab mir die Gelegenheit dazu«, sagt Grabe. Momentaufnahmen wurden nun zu Dokumentarfilmen über Entwicklungen und Veränderungen im Leben von Grabes Protagonisten. Die Zuschauer bekamen so die Gelegenheit, die Personen genauer kennenzulernen, mit »ihrem Leben und mit ihren Lebenserfahrungen vertraut zu werden«, was wiederum dazu führte, dass sie intensiver und länger über das Gesehene und Gehörte nachdenken konnten, aber auch über sich selbst. »Das ist mir besonders wichtig«, sagt Grabe.

Mit seinen Arbeiten hat Grabe jahrzehntelang das Gesicht des Fernsehdokumentarfilms mitgeprägt, über die deutschen Trümmerfrauen gedreht, über einen türkischen Vater, der seine Tochter umbrachte, weil sie sich nicht mit ihrem deutschen Freund verheiraten lassen wollte. »Ich besuchte ihn im Gefängnis, sprach mit ihm über seine Situation, wollte wissen, was in solch einem Menschen vorgeht«, sagt Grabe. »Er war nicht gerade einer, der die Leute im Gericht für sich einnehmen konnte.« Grabe dokumentierte das Schicksal von Folteropfern, besuchte eine Berliner Klinik, in der er Ärzte und Patienten über einen längeren Zeitraum beobachtete. In »Frau Siebert und ihre Schüler« ging es um körperlich und geistig eingeschränkte Jugendliche, die die Möglichkeit bekamen, an einem besonderen Schulunterricht teilzunehmen. »Ich habe selbst einen 18-jährigen Enkel, der das Down-Syndrom hat«, sagt Grabe.

Schicksalhafte Begegnungen hatte Grabe viele, auch die mit Anton Kurz, dem Landwirt, bei dem er seit Jahrzehnten Urlaub macht, dessen Leben er verfolgt, die Auf und Abs, die zunehmende körperliche Beeinträchtigung nach jahrzehntelanger Arbeit. Grabe hat das alles filmisch dokumentiert, auch wenn er schon lange im Ruhestand ist. Seine Arbeiten sind gefragt. »Ich möchte über Anton Kurz einen Film machen«, sagt Grabe, demnächst schon. Der fünffache Großvater hat seine Kamera immer dabei, heutzutage ist er zwar nicht mehr mit Tonmann und Kamera-Assistent unterwegs, das Handwerkszeug zum Filmedrehen hat er aber über die Jahrzehnte verinnerlicht – als Autor und Regisseur.

Zahlreiche Auszeichnungen

Viele seiner Filme gibt es auf DVD, für etliche seiner Dokumentationen hat Hans-Dieter Grabe Auszeichnungen erhalten. Mehrfach den Adolf-Grimme-Preis, den Robert-Geisendörfer-Preis, den Friedensfilmpreis der »Berginale«, den »Goldenen Löwen«, ebenso das Bundesverdienstkreuz für das Gesamtwerk und den Preis der Deutschen Filmkritik. Grabe macht kein großes Aufheben um seine Auszeichnungen. Natürlich zeigt er sich stolz, »mir ging es aber immer nur darum, gute Filme zu machen«.

In Berchtesgaden könne er entspannen, irgendwie ist der südöstliche Zipfel Deutschlands zu seiner zweiten Heimat geworden, wenn auch nur für ein paar Tage im Jahr. Das Spazieren in der Natur, das Nachdenken, die Ruhe in der Abgeschiedenheit – Grabe blickt auf ein arbeitsreiches Leben zurück. Und selbst wenn das TV-Geschäft seiner Ansicht nach »gerade zerbröselt«, ist er dem Fernsehen weiterhin verpflichtet. Filmemachen, ist Grabes Lebenselixier. Kilian Pfeiffer