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»Ein Krimi frei Haus« – falsche Polizisten bringen Rentner um 300.000 Euro

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Die Angeklagten inszenierten einen fast perfekten Krimi.

Traunstein – Eine 79-jährige Frau aus Aschau wollte Trickbetrügern, die sie um 38.000 Euro erleichtert hatten, auch noch den Rest ihres Barvermögens aushändigen. Das scheiterte zunächst an einer Bank in Prien, dann an einer zufällig vorbeifahrenden Polizeistreife. Erst da wurde der Frau klar, dass sie »falschen Polizisten« aufgesessen war.


Die 79-Jährige schilderte ihre Erlebnisse vor der Sechsten Strafkammer am Landgericht Traunstein. Das Urteil gegen zwei 26 und 45 Jahre alte »Abholerinnen« wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs soll am 19. Februar verkündet werden.

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Die Bande ist gemäß Anklage der Staatsanwälte Dr. Martin Freudling und Axel Walz nach bekanntem Muster aufgebaut. »Keiler« in der Türkei rufen die potenziellen Opfer an, geben sich als Polizisten aus und warnen vor Einbrechern, die angeblich in der Umgebung ihr Unwesen treiben und es laut einer sichergestellten Liste auch auf die Angerufenen abgesehen haben. Die »Keiler« entlocken den Geschädigten Informationen über ihre Vermögensverhältnisse. Weitere Mitglieder fungieren als angebliche Kriminalbeamte, Richter oder Staatsanwälte. Sie raten den Opfern, ihre Wertsachen der »Polizei« zu übergeben.

Richter Dr. Jürgen Zenkel stellte die Prozessbeteiligten als »echte Richter«, »echte Staatsanwälte« und »echte Verteidiger« vor – im Gegensatz zu den falschen Kriminalbeamten von Ende Mai 2018. Die 79-Jährige informierte, ein »Kriminalkommissar« habe sie angerufen mit den Worten: »Hier spricht die Polizei.« Nach einem Einbruch in einer Parallelstraße seien zwei der Täter gefasst, bei ihnen ein Zettel mit ihrem Namen gefunden worden. Die 79-Jährige erinnerte sich: »Nach Fangfragen hab ich gesagt, was ich auf der Bank habe.«

Nach Offenbarung ihres Guthabens befahl der Anrufer, von der Bank in Aschau 38 000 Euro abzuheben. Sie befolgte die Anweisung, das Geld daheim zu verstecken. Der Unbekannte meinte in einem weiteren Telefonat: »Das Geld ist nicht sicher.« Die Frau solle es in einen Beutel geben, mit einer Taschenlampe winken und die Tasche nachts vom Balkon werfen. Das war der Zeugin Recht: »Ich wusste ja nicht, ob unten jemand mit einer Pistole steht.« Die Bande wollte nicht nur die 38 000 Euro, sondern alles Geld, das die Dame besaß. Bei ihrer Bank in Aschau konnte sie nur 2000 Euro abheben. Als die 79-Jährige überlegte, was sie jetzt tun sollte, entdeckte sie einen Streifenwagen mit uniformierten Beamten der Polizei Prien: »Ich bin hin und hab alles erzählt. Da hieß es, ich sei Betrügern aufgesessen.«

Auf Frage von Zenkel, warum sie das Geld vom Balkon geworfen habe – das später die 45-jährige Angeklagte abholte und an die Bande weiterleitete, erwiderte die 79-Jährige: »Das frag ich mich auch. In Aschau wurden schon Leute umgebracht. Der Mann am Telefon war ein guter Schauspieler.« Der »Kriminalkommissar« und andere Männer hätten sie ununterbrochen angerufen, wollten wissen, ob sie bei der Polizei in Prien gewesen sei: »Es waren um die 20 Anrufe. Es ging immer weiter. Ich fühlte mich unsicher. Als alleinstehende Frau fühlt man sich bedroht. Ich hab die Geschichte geglaubt.« Schlecht gegangen sei es ihr bei dem ganzen Geschehen eigentlich nicht: »Es war ein Krimi frei Haus. Ich bin einiges gewohnt. Wäre es nicht so spannend gewesen, hätte ich den Hörer aufgelegt.«

»Die rechte Dame auf der Anklagebank kenne ich. Die wollte mein Gold in Sicherheit bringen. Das Gold ist weg«, begann ein inzwischen 84-jähriger Geschädigter aus Villingen-Schwenningen seine Aussage. Er verlor Anfang Juni vergangenen Jahres 7,7 Kilogramm Goldbarren, -münzen und -schmuck im Gesamtwert von knapp 278 000 Euro. Spät abends rief ihn ein »Polizeibeamter« der Inspektion Villingen an, die rumänische Mafia wisse, dass er Gold habe. Man suche eine Dame, die ihn bestehlen wolle. Der Zeuge fuhr fort: »Ich sollte schnell mein Schließfach ausräumen. Das Gold würde abgeholt und nach Wiesbaden zum Bundeskriminalamt gebracht werden.« Nach Nennung des vereinbarten Kennworts »Helga« nahm die 45-jährige Angeklagte, »ohne Uniform« und »wortlos«, das gesamte Gold und den Schmuck seiner Frau mit. »Wie hat man Sie dazu gebracht?«, fragte der Vorsitzende Richter. Der 84-Jährige erwiderte: »Das kann ich nicht sagen. Von Schießereien war die Rede. Es hieß, gehen Sie ja nicht auf den Balkon. Am nächsten Tag ging es weiter. Es war perfekt.«

Per Fax trudelte bei dem alten Herrn danach ein »geheimes« Schreiben des »Bundeskriminalamts« ein. Für die »Soko Dimitrow« sicherte ein »Leitender Oberstaatsanwalt« zu, dem 84-Jährigen »alle Verluste einschließlich Unkosten zu ersetzen«. Bisher seien 7,7  Kilogramm Gold durch die »Einsatzbeamtin Pia Vogel« sichergestellt worden.

Die Frauen auf der Anklagebank sind beste Freundinnen. Die 26-jährige, verheiratete Syrerin hatte, wie sie behauptete, eine »Affäre« via Facebook mit einem Türken, den sie aber nie persönlich traf. Angeblich aus Angst vor ihrem Ehemann ließ sie sich von dem mutmaßlichen Bandenmitglied in die kriminelle Struktur einspannen. Sie sollte an ihr zunächst nicht bekannten Adressen in Bayern beziehungsweise Baden-Württemberg etwas abholen. Die 38 000 Euro sollten aus einem »Autoverkauf« stammen. Weil sie selbst damals keinen Führerschein besaß, sprach die jüngere Angeklagte ihre 45-jährige Freundin an und gab ihr eine SIM-Karte. Beide profitierten von der Beute mit jeweils mehreren Tausend Euro in bar.

Die 45-Jährige ließ über ihren Verteidiger ihre Tatbeteiligung einräumen. Allerdings wollte die Angeklagte von den kriminellen Hintergründen nichts geahnt haben. Die 45-Jährige beantwortete selbst keine Fragen. Die 26-Jährige zeigte sich aussagebereit, wollte jedoch ebenfalls nicht von den strafbaren Machenschaften der Bande gewusst haben. »Ich wollte nichts Illegales tun. Ich bin genau so manipuliert worden wie die Geschädigten.« kd