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Ein Kreuz – strahlend bei Sonnenschein wie bei tristem Regenwetter

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Unser Bild zeigt das Glaskreuz von Liesbeth Wohrizek im Friedhof in Fridolfing. (Foto: Morgenroth)

Die Obinger Künstlerin Liesbeth Wohrizek genießt über die regionalen Grenzen hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad, besonders für ihre großartigen farbigen Malereien auf Leinwand und Papier. Bekannt ist sie auch für ihre fantasievoll und technisch perfekt gearbeiteten Graphiken und Zeichnungen.


Weniger bekannt und beachtet werden jedoch ihre vielfach ausgeführten Arbeiten in Glas, die sie neben ihrer Malerei ausführt wie z.B. die große Glaswand in der katholischen Kirche in Neutraubling, das Glasfenster in der Katholischen Kirche in Riedering, das Steinmosaik in der Hedwigskirche in Rosenheim, das kleine Glasfenster in der Apsis der Kirche in Affalterbach (Holledau) oder das Glasfenster in der evangelischen Kirche in Obing.

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Liesbeth Wohrizek, die von 1957 bis 1964 in München an der Akademie der Bildenden Künste studierte, erhielt während ihres Studiums parallel zur Malklasse auch eine umfassende Ausbildung in der Glasklasse bei den Professoren Charles Crodel, Julius Schmidt und Richard Roth. Während ihres Studiums erhielt sie für ein Jahr ein Stipendium an die Royal Academy of Arts in London, das sie von 1962-1963 belegte; seit 1964 ist sie freischaffende Künstlerin. Liesbeth Wohrizek wurde erst im vergangenen Jahr mit dem Roten-Reiter-Preis ausgezeichnet.

Eine ganz besondere Herausforderung war für sie die Auftragsarbeit im Jahr 2013, die Errichtung eines Glaskreuzes für die neue Urnengrabanlage in Fridolfing. Diese Glasarbeit wurde von der Obinger Malerin exzellent und professionell ausgeführt. Ein 3,20 Meter hohes Glaskreuz in Floatglasmalerei ist nunmehr das dominierende Gestaltungselement an der von dem Architekten Fritsche geplanten Urnengräberwand unterhalb der markanten Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Fridolfing.

Der Grundstoff Glas lädt zu vielen Bearbeitungsmethoden ein. Mit den klassischen Darstellungsmethoden wie der Malerei oder der Zeichnung lassen sich den Glasplatten Bilder, Farben und Muster aller nur denkbaren Ausformungen einprägen.

Liesbeth Wohrizeks Kunstwerk für den Urnenfriedhof besteht aus 9 bemalten und gebrannten, eineinhalb Zentimeter starken Glasplatten, die in drei sichtbare Teile hintereinander gesetzt und zusammengeschmolzen sind. Zusammen mit der geometrischen Bildhaftigkeit des Kreuzes stehen die sorgfältig balancierten Formen und Farben in gutem Bezug zu Entwurf und Symbolik der Grabanlage. Als Künstlerin reizte Wohrizek die Aufgabe, dem Kreuz Farbe, künstlerische Gestaltung und Dauerhaftigkeit zu geben. Es bedurfte fast ein dreiviertel Jahr der Vorbereitung, der Versuche mit vielen ästhetisch-künstlerischen und technischen Überlegungen, vom Entwurf über die zeichnerische und malerische Ausführung bis hin zur endgültigen Fertigstellung und Montage.

Zu Beginn der Arbeit fertigte Wohrizek als Vorlage zur Ausführung in Glas drei 3,20 Meter hohe Holzkreuze an, um an diesen Modellen Proportionen und Farbgestaltung auszuloten. Um die gewünschte Farbwirkung zu erzielen, verwendete die Malerin transparente Glasschmelzfarben, die sie auf unterschiedliche Weise auf die neun Glaslagen auftrug. Eine Lösung, die glasig und transparent ist, die bei Tageslicht aus sich selbst leuchtet und die stimmig ist bei strahlender Sonne wie bei tristem Regenwetter.

Auf den neun Floatglasplatten konnte Liesbeth Wohrizek mit Schmelzfarben ähnlich spontan malen, pinseln und spachteln wie auf ihren Leinwänden. Ihre vormals auf den Holzkreuzen entworfenen Formen und Farben ließen sich ohne besondere Komplikationen mit allen Finessen auf den Glasgrund übertragen. Jedoch setzte diese Vorgehensweise ein umfassendes Wissen darüber voraus, wie sich die Farben beim Brennen verändern. Liesbeth Wohrizek hat in ihrem Glaskreuz am Fridolfinger Friedhof mit einer komplexen Mischtechnik arbeiten können, die sie auch auf Papier und Leinwand anwendet.

Das Ergebnis ist von hoher malerischer Qualität und macht sich die Wirkungsmöglichkeiten des durchscheinenden Lichts zunutze. In der Werkstatt der bayerischen Hofglasmalerei Gustav van Treek in München arbeitete Liesbeth Wohrizek wochenlang an ihrem Glaskreuz für Fridolfing. Dort trug sie die Glasschmelzfarben in großflächiger Handmalerei auf. Die ruhigen Farben verlaufen leicht von braun, rot über gelb nach grün und violett. Die Farben sind dabei sehr gezielt und symbolhaft für die Anlage in Fridolfing gewählt. So steht die Farbe rot symbolhaft für Blut, Leid und Auferstehung aber auch für Liebe, die Farbe Grün für Hoffnung und Unsterblichkeit, die Farbe Gelb für Licht und Ewigkeit sowie auch die Farbe Violett für Hoffnung und im engen Bezug zu der kommenden Osterzeit.

Durch die dreilagige Schmelztechnik, bei der die einzelnen Lagen ganz unterschiedlich bearbeitet wurden, hat die Künstlerin die Weichheit und Durchsichtigkeit des Kreuzes auf sehr schöne Weise bildhaft gemacht. Das Glas und die Glasschmelzfarben, die durch mehrere einzelne Brände bei etwa 620 Grad Celsius eingebrannt wurden, sowie der Fertigbrand der neun Teile, die bei 850 Grad Celsius verschmolzen wurden, verleihen der Arbeit nahezu unbegrenzte Lichtechtheit und Haltbarkeit.

Das Glaskreuz von Liesbeth Wohrizek ist vor einer festen Wand postiert, mittig in der halbrund konzipierten Urnenwand. Die unterschiedlichen Lichtsituationen des Tages lassen das »Glasbild« immer wieder anders erscheinen. Das ohne Durchleuchtung und in einem Stahlrahmen montierte Kreuz bietet trotzdem eine größtmögliche Transparenz und damit eine Leuchtkraft »aus sich selbst heraus«. Durch Kenntnis und Experiment ist Kunst von hoher Qualität entstanden.

Das mehrscheibige Glaskreuz ist Ausdruck von Liesbeth Wohrizeks künstlerischer Sensibilität, ihrem ganz besonderem Farb- und Materialgespür sowie ihrer fantasievollen Ideenwelt. Eine in jeder Beziehung kraftvolle und überzeugende Kunst im öffentlichen Raum. Gabriele Morgenroth