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Ein gutes Team

Schönau am Königssee - Andi jagt dem Ball hinterher. Nina kümmert sich liebevoll um die im Rollstuhl sitzende Silvia. Und Raphael lächelt mit dem vierjährigen Dominik um die Wette. Bei der integrativen Ferienzeit, die Sven Hosse von der Behindertenintegration Berchtesgaden im Schneewinkl veranstaltet, finden geistig und körperlich behinderte Kinder Abwechslung vom Alltag. Und haben viel Spaß dabei. Vor allem dank der engagierten Betreuer jeden Alters.

Sven Hosse ist zufrieden. Die integrative Ferienzeit hat sich bewährt. Seit 2004 wird sie Jahr für Jahr angeboten. Anfangs dauerte diese nur eine Woche in den Sommerferien. »Heuer sind es schon drei Wochen«, sagt er. Er weiß um die Wichtigkeit der betreuten Tage Bescheid. Die Idee, die dahinter steht: »Keine Einzelbetreuung zu Hause, sondern eine gemeinsame Freizeitgestaltung mit gehandicapten Kindern und Jugendlichen verschiedenen Alters«.

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Ein Liedchen am Morgen

Außerdem ist es die erste Ferienzeit im südlichen Landkreis. In den Räumen der Gemeinde Schönau am Königssee wird gemeinsam gekocht, gespielt und gelesen. Der Morgen beginnt mit einem Lied. Alle Kinder der Ferienzeit werden namentlich vorgestellt. Ein erstes freudestrahlendes Lächeln huscht über die Gesichter. So kann der Tag beginnen. »Wir gehen zusammen einkaufen, mittags wird geruht - und natürlich unternehmen wir viel«, erzählt Sven Hosse, der eine Gruppe von fleißigen Mitstreitern um sich schart.

Die Betreuer und Betreuerinnen - vom Praktikanten, über Schüler bis hin zur Rentnerin - sind bei der »Lebenshilfe Berchtesgadener Land« über den Familienentlastenden Dienst (FED) angemeldet und versichert und arbeiten zum Teil ehrenamtlich oder gegen Aufwandsentschädigung. Getragen wird diese zu Teilen von der Pflegekasse. Großteils muss dafür die Behindertenintegration Berchtesgaden aufkommen, die sich selbst nur aus Spendenmitteln finanziert.

Erholung vom Alltag

Die integrative Ferienzeit bringt vor allem Entlastung und Erholung vom Alltag. Für die Angehörigen, die sich Tag für Tag mit besonderer Hingabe um ihre Kinder kümmern. »Ich kann heute zum Beispiel mit meiner Frau auf die Kühroint-Alm rauf«, sagt Sven Hosse, der Vater von Silvia, die im Rollstuhl sitzt. Als Kind war ihr eine Ader im Kopf geplatzt, deshalb ist sie gehandicapt.

Sven Hosse freut sich, dass die Ferienzeit so gut angenommen wird. Aber auch Silvia freut sich. Denn die fühlt sich im Schneewinkl bestens versorgt. Gemeinsam wird viel unternommen. »Wir gehen zum Königssee, an die Ache oder in das Schornbad«, sagt Rotraut, eine der Betreuerinnen. Mangels Fahrzeugen sind weitere Ausflüge, wie etwa in den Salzburger Zoo oder in den Ruhpoldinger Märchenpark, derzeit nicht möglich. »Früher hatten wir noch die Möglichkeit, heute fehlen uns die Autos«, so Hosse. »Wir müssen uns da etwas einfallen lassen«.

Dass es den Kindern gut geht, wird schnell offensichtlich. Dominik, vier Jahre alt und an diesem Dienstag das erste Mal bei der integrativen Ferienzeit dabei, lächelt Betreuer Raphael immerzu an. »Ein Sonnenschein«, sagt der 24-jährige Raphael, der eine Erzieherausbildung in Mühldorf hinter sich hat und nun sein Berufspraktikum im integrativen Kindergarten in der Gartenau absolvieren wird.

Schwere Schicksalsschläge

Andi, 16 Jahre alt, hat einen schweren Gendefekt und deshalb autistische Züge. Sein Bewegungsdrang ist enorm. Einem roten Gymnastikball flitzt er quer über den angrenzenden Bolzplatz hinterher.

Antonia, die selbst nicht behindert ist, ist mit ihrem kleinen Bruder Korbinian zu Besuch. Anstatt sich weiterzuentwickeln, entwickelt sich sein Gehirn zurück.

Isabell ist 19 Jahre alt, sie sitzt im Rollstuhl. Maria und Nina kümmern sich um das Mädchen, das viele Schicksalsschläge mitmachen musste, viele Operationen hinter sich hat.

Gegen Tabus

Sven Hosse weiß, dass die meisten Eltern in ein tiefes Loch stürzen, nachdem sie erfahren haben, dass sich das eigene Kind mit einer Behinderung durch das Leben schlagen muss. Umso erstaunlicher ist die Offenheit, mit der alle Beteiligten an das Thema herangehen. Noch viel zu häufig wird die Thematik in der Öffentlichkeit tabuisiert.

Nina, zum Beispiel, ist Schülerin. In ihrer Freizeit kümmert sie sich häufig um Silvia. »Sie passt dann auf mich auf«, sagt Silvia, ein herzliches Mädchen, das auf Außenstehende offen zugeht. Als eine von wenigen in der Gruppe kann sie sich normal äußern. »Wir sind froh, wenn sich Menschen von unserem Angebot überzeugen lassen«, sagt ihr Vater Sven Hosse. Ein offenes Angebot zu schaffen, war sein Ziel. Und das wurde auch erreicht.

Einige Erfolge

Auch Betroffene, die nicht Mitglied bei der Behindertenintegration Berchtesgaden sind, sind gern gesehen. Erfolge gab es in letzter Zeit einige - für den Verein und dessen Mitglieder. So hat Hosses verstärkter Einsatz dazu geführt, dass in der Watzmann Therme ein behindertengerechter, mobiler Wasserlift angeschafft wird und auch im neuen Nationalparkzentrum, dem Haus der Berge, wurden Behindertenvertreter in die gesamte Planung eng mit einbezogen.

In der Mitte der Gesellschaft anzukommen und darüber hinaus ohne Vorbehalte akzeptiert zu werden, das ist das Ziel, das Hosse und sein Team verfolgen. Der Weg ist gut, auf dem man sich befindet. kp