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Ein fortreißender Strom von Empfindungen

Man braucht keinerlei Kenntnis der musikalischen Sprache, um in die Miniaturwelt des Kunstliedes einzutauchen, besonders, wenn die Sopranistin Christine Schäfer die Werke auf ihre unnachahmliche, feingeistige und hochintelligent ausdeutende Weise vorträgt. Sie nimmt ihr Publikum mit, zeigt vieles, aber nicht alles, bewahrt sich etwas Geheimnisvolles und ist trotzdem frappierend intim. Mit Liedern von Johannes Brahms und Richard Strauss begeisterte sie in diesem Jahr das Traunsteiner Publikum im Rahmen der Sommerkonzerte.

Christine Schäfer und Eric Schneider bei der Zugabe. (Foto: Barbara Heigl)

Noch bevor sie am Sternenhimmel der Musik ganz groß zu leuchten begann, holte sie ihr Lehrer Aribert Reimann zu den Sommerkonzerten nach Traunstein, die damals noch im Saal des Landratsamtes stattfanden. Mittlerweile hat sich viel verändert, auch die Sommerkonzerte strahlen glanzvoller als damals, sind größer geworden; ein Festival, das sich unter der kenntnisreichen Hand der in diesem Jahr in hohem Alter verstorbenen ehemaligen Berliner Rundfunk-Redakteurin Dorothee Ehrensberger bravourös entwickelt hat und das sich mit anderen renommierten Festivals messen kann. Es erfüllt einen als Musikliebhaber durchaus mit Stolz, dass Christine Schäfer unserem kleinen Städtchen und ihren Fans die Treue hält und dass sie diesmal mit einem neuen Programm gekommen ist, einer Premiere gar!

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Mit mädchenhafter Natürlichkeit, der die Sinnlichkeit des noch verborgenen Frauseins bereits innewohnt, setzte sie die volksliedhaften Miniaturen von Johannes Brahms – »Vorschneller Schwur«, »Mädchenlied«, »Auf die Nacht in der Spinnstube« und »Am jüngsten Tag« – in Szene. Ihre Stimme ist noch voller geworden, die Spitzentöne sind rund und gehaltvoll und mit akrobatischer Finesse mühelos angesetzt. Die Farben ihrer Stimme gesättigt, makellos, jedoch ohne ihre Transparenz zu verlieren.

Was aber macht den besonderen Reiz ihrer Darstellung aus? Es sind die scheinbar nicht ganz so perfekten Töne, die kleinen Risse, das Indifferente, das Spröde, das ihrem Vortrag ein menschliches Antlitz gibt, die Zuhörer erschauern lässt und einen unverstellten Einblick in die Brüche der menschlichen Existenz gewährt. Aber auch das mädchenhaft Natürliche, mit leicht angerauter Atemlosigkeit hörbar gemachte, schuf für das Auditorium eine faszinierend spannende Authentizität.

Die Kür des Abends waren natürlich die Strauss-Lieder, die höchste Schwierigkeitsstufe des Liedgesangs. Die an Expressivität kaum zu überbietenden Stücke sind großartige Schätze des Kunstlied-Repertoires. Mit dem Kapriolen schlagenden »Ich wollt' ein Sträusslein binden«, dem schalkhaften »Schlechtes Wetter« und dem romantischen »Rosenband« eröffnete sie den zweiten Teil des Konzertprogramms, dem die tragischen »Drei Lieder der Ophelia« von William Shakespeare folgten. Mit zartem Hintasten von Ton zu Ton, filigranen Schwelltönen und mit der beeindruckenden großen Stille zwischen den Liedern berührte sie die Zuhörer bis in den tiefsten Seelengrund.

Das Goethe-Zitat »Musik hab ich kommen lassen, die Seele zu lindern und die Geister zu entbinden« passte hier nur zum Teil. Denn die Trauer war greifbar nah, und es war fast schon ein Wunder, dass das gesamte Auditorium nicht in Tränen ausbrach.

Auch ohne zu wissen, dass Christine Schäfer auf den Tag genau vor zehn Jahren, als sie gerade bei den Sommerkonzerten weilte, ihren Mann verloren hatte, war es fast unerträglich traurig, als sie »Sie trugen ihn auf der Bahre bloß« aus den »Liedern der Trauer« von Adolph Freiher von Schack und »Allerseelen« von Hermann von Gilm mit transzendentalem Blick in die Ewigkeit gerichtet sang.

Ihr langjähriger Liedbegleiter, der Pianist Eric Schneider begleitete sie auf dem weit geöffneten Flügel; er gestaltete Brahms schlüssig, als Subtext des Unterbewussten, der den Texten innewohnt, milchig eingefärbt, oft wabernd, undurchsichtig. Bei Strauss spielte er mit einer unaufgeregten, klar strukturierten Haltung, erdete, verankerte und pointierte das Geschehen mit deutlich sprechenden, ja spannenden Klangfarben.

Der fortreißende Strom der Empfindungen, den dieses außergewöhnlichen Konzert auslöste, fand seinen Höhepunkt in der Zugabe »Morgen wird die Sonne wieder scheinen«, dass Christine Schäfer mit verhaltener Stimme fast schon flüsterte. Barbara Heigl