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Ein Abend voller Geist

Marktschellenberg - Zum Genießerabend der tatsächlich besonderen Art hatte der Rotary Club Bad Reichenhall-Berchtesgaden ins Weindepot Schnurrer in Marktschellenberg eingeladen. Geistiges stand im Mittelpunkt. Zunächst sorgte Hausherr Dr. Hans Conrad Fischer mit einer Lesung aus seinem Satireband »Füchserei« für vergnügliche Gedankengymnastik bei den Zuhörern, anschließend lüftete Winzer Alois Höllerer aus Engabrunn kleine Geheimnisse des Weinbaues und noch mehr des Genusses des edlen Rebensaftes. Seine für die Rotarier wohl überzeugendsten Argumente brachte er mit äußerst schmeckenswerten Proben aus der Produktion seines Weingutes auf den Tisch.

Nahrung für den Geist. Dr. Hans Conrad Fischer las beim Marktschellenberger Rotarierabend aus seinem Satire-Band »Füchserei«. Foto: Schicht

Schon nach wenigen Sätzen hatte Rotarier-Präsident Dr. Michael Horn die Gäste in vergnüglicher Stimmung. Bei der Vorstellung des als Satiredichter geladenen Hausherrn Dr. Hans Conrad Fischer stellte er die Mutmaßung in den Raum, dass dessen Dissertation noch »eine richtige war«. Wohl auch, weil viele der später gern von aufstrebenden Politikern angezapften Quellen noch gar nicht sprudelten und man zu Zeiten Fischers sich die Argumente noch selbst erarbeiten musste.

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Auch Dr. Horns Vize Werner Böhnlein, der amtierende Hausherr im Marktschellenberger Weindepot sowie der benachbarten Tankstelle fand einleitend viel Lobendes über Dr. Hans Conrad Fischer, der sich dann vor allem darüber freute, dass er an diesem Abend als »gereifter« Autor erstmals gewissermaßen ein Heimspiel bestreite, erstmals in vertrauter Umgebung eines seiner Werke in einer Lesung vorstellen dürfe, nachdem er Früheres mindestens in Salzburg, zumeist aber in Vortragsräumen weltweit dem Publikum offerieren konnte.

In den Räumen, die, wie Dr. Fischer vergnüglich berichten konnte, in der Vergangenheit vielerlei Funktionen erfüllen mussten, beispielsweise als Filmstudio viel illustre Prominenz sahen, wie das Quartett der Wiener Philharmoniker, das hier als Play-back für einen der phänomenalen und viel beachteten Musikfilme Fischers agierte, brachte er nun seine »Füchsereien« zu Gehör. »Sieben heitere Jahrzehnte mit dem homo sapiens alias stupidus« ist der Untertitel des Bändchens, in dem sich (gereimte) Satiren vereinen, die der junge Hans Conrad Fischer für »Gulasch und Bier« schrieb und dann für Jahrzehnte vergaß, bis er im Alter den Faden wieder aufnahm und die Sammlung zu Druckstärke ergänzte.

Ohne die Musik des Reimes seien Satiren doch nur lange Aphorismen, stellte der Autor seiner Lesung voran. Und schon bei den ersten Sätzen »outete« er sich als einer, dem die Sprache ein wichtiges Vehikel ist, um Sprache zu bündeln und mitunter angespitzt treffsicher ins Ziel zu bringen.

Der Mensch und seine Schwächen, auch wenn er sie in freundlicher Verblendung für Stärken halten mag, sind die Hauptdarsteller in Fischers Satiren. Auch oder gerade, weil der Titelheld aus dem Tierreich stammt und für List und Schläue, aber genauso für Hinterhältigkeit steht. Eitelkeit, Gier, Hochmut, Arroganz, Dummheit - auch der eifrige Nachleser wird wenige Mensch-Seiten finden, die der Satiriker gänzlich ungeschoren ließe.

Die Wirtschaft und das Bankwesen haben keinen guten Stand in Fischers Satirealmanach. Was bizarr ist, saßen doch diesmal und sitzen wohl bei jeder Gelegenheit immer Leute im Publikum, die sich gerade an solchem Abend und gerade hier vom schweren Tagwerk erholen möchten. Die nadelspitze Feder des Satirikers findet ihr Ziel souverän. Aber nicht nur der »Börsenfuchs«, sondern auch der selbstherrliche Gockel, der Politiker, »Künstler und Nichtkünstler« und der »Entartet Fuchs« bekamen ihr poetisches Fett weg.

Hätte Dr. Fischer nicht den einen oder anderen Hinweis gegeben, der Zuhörer wäre mit Zweifeln nach Hause entlassen worden, darüber, ob dieser oder jener Text aus der frühen oder eher der reifen Periode des Literaten stamme. So könnte (vielleicht ungereimt) eine Erkenntnis des Abends sein: Die Welt an sich und besonders der Mensch und sein Tun in ihr verändern sich zwar ständig, aber eigentlich doch überhaupt nicht.

Für gereimte satirische Werke, hatte Dr. Fischer erzählt, gab es seinerzeit ein größeres Gulasch und ein größeres Bier, als für Ungereimtes, was man mehrfach deuten kann. Hausherr Fischer hatte sich jedenfalls unbedingt ein »größeres Glas Wein« verdient, das von Winzer Alois Höllerer kredenzt wurde. Geschmacklich (obwohl gar nicht nötig) durch allerlei Schönes und Wissenswertes rund um den Wein angereichert.

Dass Höllerers Familienbetrieb im österreichischen Engabrunn jährlich 150 000 Liter edles Getränk produziert, ist sicher eine imponierende Zahl , doch weit überzeugender war wohl der Selbstversuch der zum Vergnügen bereiten Rotarier.

Große Überraschung löste die erste Kostprobe aus. Im Frühherbst kredenzte der Winzer einen Tropfen des Jahrgangs 2012. Anfang September geernteter früher Veltliner und ebensolcher Rivaner, fein abgestimmt zu einem leichten, fruchtigen Wein, schmeichelte dem Gaumen. Es war nicht die letzte Überraschung.

Nicht der österreichische oder deutsche Genießer steht derzeit bei Höllerer oben auf der Absatzliste. Die Japaner sind auf den Geschmack gekommen. Doch auch Wein, so Alois Höllerer, mache Modeerscheinungen durch, auf die sich der Winzer (manchmal) einstellen muss. War es einst der Sauvignon Blanc, der in der Trinkergunst weit oben stand und hernach der Pinot Grigio, sei es jetzt der Veltliner, der sich einen Platz im oberen Feld der Verkaufszahlen erobere. Immerhin produziert Höllerer große Mengen davon. Aber auch dort gibt es Unterschiede. Ein Veltliner vom alten Rebstock bringt andere Qualität. Weniger Masse, dafür mehr Klasse.

Vieles gab es an diesem Abend noch zu erfahren und zu erfragen, wovon reger Gebrauch gemacht wurde. Der Rotary Club Bad Reichenhall-Berchtesgaden kann sich diesen Abend jedenfalls sicher als einen genuss- und erlebnisreichen in seine Chronik eintragen. DM