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Eckig, rund und kunterbunt

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Traummomente in »Paulas Reisen«: Gregor Schulz, Paula mit Puppenspielerin Katharina Halus und Axel Meinhardt. (Foto: Landestheater/Witzgall)

Die kleine Paula ist eine echte Individualistin. Sie will sein wer, was und wie sie ist. Andersartigkeit findet sie zwar spannend und entdeckenswert, sicherlich sogar für einen Moment bereichernd. Sich aber anzupassen oder gar manipuliert zu werden, das kommt für die kleine selbstbewusste Protagonistin aus dem Kinderbuch von Paul Maar überhaupt nicht infrage. Nicht mal im Traum!


In den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters ist Paul Maars Kinderbuch derzeit als kunterbuntes Kindertheater-Abenteuer in Österreichischer Erstaufführung zu sehen. Das englisch-polnische Regieteam Rachel Karafistan und Kuba Pierzchalski hauchte den geschmackvollen Illustrationen (von Eva Muggenthaler) aus dem 2016 veröffentlichten Kinderbuch Leben ein. Vier Schauspieler aus dem Ensemble des Landestheaters schaffen mit allen Mitteln des Theaters Traumbilder und -welten. Ihnen gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit ihr Publikum, gleich welchen Alters, zu mitträumenden Traumwandlern zu machen.

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Für die großartige Bühnenausstattung, die einer Explosion des guten Geschmackes gleichkommt, zeichnet Sonja Böhm verantwortlich. Geträumt wird mit offenen Augen, in allen Farben, Tönen, Formen, von unerhört seltsam fremden Welten und Wesen, die einem, im besten Wortsinn, die Augen übergehen lassen. Welten mit wunderlichen Sitten und Gebräuchen, in denen alles anders ist, die aber in sich stimmig und homogen »funktionieren«. »Eindringlinge« müssen, damit das Traumweltengleichgewicht nicht ins Wanken gerät, von einer Art Sittenpolizei gleichgemacht werden: Wer nicht reinpasst, wird passend gemacht.

Die kleine blonde Paula ist zwar »nur« eine handgeführte Puppe, aber das vergisst das Publikum sehr schnell. Sie selbst ist in poetisches Schweigen gehüllt – ihre »Sprache« ersetzt die ausdruckstarke Inszenierung und »Führung« von Puppenspielerin Katharina Halus. Paula ist »anders« und auf diese Andersartigkeit legt sie großen Wert. Sie will nicht, einem Chamäleon gleich, der Umgebung angepasst werden.

Ihre Traumreise beginnt gleich nach dem Einschlafen: Ihr Leben wird zum Traum. Oder ist der Traum ihr Leben? Erste Traumstation ist jedenfalls eine kugelige Erfahrung, das bunte »Land der Kreise«: Seifenblasen fallen vom (Bühnen-) »Himmel« auf die staunenden Kinder, der Kugelkaiser (Axel Meinhardt) verteilt Luftballons und feiert alles Runde: Verehrt werden Bälle, Melonen, Kreise oder Kugeln. Was nicht rund ist, wird rund gemacht, ob es will oder nicht – dafür sorgt die kugel-nasige Kugelpolizei, die bei Regelverstoß sofort anrollt und sich auch Paula vorknöpft: »Was will dieses Mädchen hier? Sie ist gar nicht so wie wir!« und schon wird sie erfasst und ihrer Umgebung angepasst.

Doch Paula will genauso wenig rund wie eckig sein. Ihrer Flucht vorm Runden folgt die Flucht vorm Eckigen: Aus dem »Land der tausend Ecken«, wo König Eckenbart mit Tante Eckentraut von Winkelhart sein eckiges Regime führt. Dort eckt Janina Raspe sich mit »Hacken« und »Wischen« im Hip-Hop artigen Zickzack-Rapp als König Eckenbart (mit eckigem Bart) durchs Reich der Ecken und Kanten. Verehrt wird alles Eckige – Teller, Bälle und Melonen sind verboten. Paula tanzt, völlig unbeeindruckt, auf dem eckigen, netzartigen Gespinst einen verträumten Seiltanz.

Nicht besser ergeht es ihr im »Land der roten Töne«, das von der schönen Königin Rosalind (Gregor Schulz) so ganz in Rot regiert wird. Mit ihrer Liebe zu allen Rottönen überdeckt sie ihr Reich mit ihrem endlos langen roten Kleid, rollt dem Rot den roten Teppich aus, aus dem Erdbeeren und Tomaten sprießen. Paula ist so gar nicht rot und lockt die Farbenpolizei an. Nach einer weiteren Flucht landet sie im Land Kopfunter. Mag hier ruhig alles Kopf stehen, denkt sich das Mädchen und landet erleichtert im weichen Bettenland, wo alles begann. Keine spitzen Ecken, keine nervigen Kugelwesen, keine rote Farbbelästigung und auch eine Umkehrung der Schwerkraft oder Kopf stehende Gegenstände.

Als Mamas Stimme nach ihr ruft, sie aus den Träumen reißt, weiß sie ganz genau wie sie ist, wo sie ist und wer sie ist: Paula. Und nichts und niemand anderes will sie sein. So tanzten am Ende alle mit den Schauspielern ausgelassen miteinander in den Kammerspielen: Manche eckig, andere rund, manche in Rot, andere in Grün, die einen mit Mama, die anderen mit der Freundin aber eben jeder nach seiner Fasson. Und alle hatten sie doch eines gemeinsam: Ein traumhaft schönes, vielschichtig buntes, generationsübergreifend erhellendes Theatervergnügen. Besser reisen geht nicht.

Das Stück ist geeignet für Kinder ab 5 Jahren. Das Stück ist noch bis zum 3. Mai zu sehen. Karten gibt’s im Vorverkauf unter Tel. 0043/662/871512222 oder unter service@salzburger-landestheater.at. Kirsten Benekam