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Drei junge Bildhauer stellen die Wahrnehmung in Frage

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Großrauminstallation im Hintergrund aus verschiedenen Materialien, Wurfmaschine im Vordergrund und Fladen, die über den gesamten Boden der Klosterkirche verteilt sind, von Alexi Tsioris.

Eine Ausstellung, die den Besucher sicher nicht kalt lässt, sondern intellektuell wie auch emotional beschäftigen wird, ist die neue ARTS-Akzente-Ausstellung im Kunstraum Klosterkirche in Traunstein. Drei junge Künstler, Elke Härtel, Korbinian Jaud und Alexi Tsioris, stellen mit sehr unterschiedlichen künstlerischen Mitteln und verschiedenen inhaltlichen Akzenten unsere üblichen Vorstellungen von Wirklichkeit in Frage.


So bezeichnete Sigrid Ackermann, die Vorsitzende der Kulturfördervereinigung ARTS die Ausstellung bei der Vernissage als »Paukenschlag« in der hiesigen Kunstszene. Für die umfangreichen Vorbereitungsar-beiten mit den jungen Künstlern überreichte sie zum Dank einen Blumenstrauß an Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie, die entscheidend zum Gelingen der Ausstellung beigetragen hatte. Nach dem Grußwort von Oberbürgermeister Manfred Kösterke erläuterte Judith Bader die ungewöhnliche Ausstellung und ihren künstlerischen Ansatz.

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Jeder der drei Künstler, die alle bereits bedeutende Preise gewonnen haben, konnte einen eigenen Raum mit seinen Arbeiten gestalten. Auf den ersten Blick am »einfachsten« zu verstehen, weil am ehesten dem simplen Betrachten von Objekten entsprechend, sind die Arbeiten von Elke Härtel im zweiten Stock der Galerie: Die 1978 in Erding geborene Künstlerin zeigt unglaublich akribisch genau gearbeitete Plastiken aus Superhartgips und verschiedenem Gießharz. In kleinen Szenen arbeitet sie mit der Verknüpfung von Mensch und Tier und bringt die Verhaltens-weisen der beiden in einen engen Zusammenhang, wie wir ihn im Alltag nicht kennen. »Eloise«, ein Rotkäppchen, das den Wolf würgt, eine Madonna Immaculata, die nicht als Siegerin die Schlange der Erbsünde zertritt, wie es die christliche Ikonographie vorsieht, sondern diese aufgerichtet und mit fast menschlichen Gesichtszügen direkt neben sich gelten lässt – eine grundlegende Umwertung und Neudefinition vorgefundener Werte, Normen und Geschlechterklischees. Ein Selbstbildnis ist die zarte junge Frau der Plastik »Tanz mit mir«, die mit gesenktem Kopf und hängenden Armen dicht am Körper nicht zum Tanzen einzuladen scheint, besonders wenn man die plumpen, dicken Elefantenbeine unter ihrem langen Kleid entdeckt. Als Kontrast zu den ganz in weißem Gips gehaltenen Plastiken ist der Raum mit dunklen rohen Holzbrettern bestückt.

Einen völlig anderen Eindruck erhält der Besucher im ersten Stock der Traunsteiner Städtischen Galerie, die beinahe unbeleuchtet nur von den unterschiedlichsten Werken von Korbinian Jaud erhellt wird. Der 1983 in Traunstein geborene Künstler gestaltet den Raum mit den verschiedensten (auch Video-, Foto- und Audio-) Installationen, Leuchtobjekten, einer Diareihe und Hörstücken. Der Mensch und die Wahrnehmungen des Ichs ste-hen bei Korbinian Jaud im Zentrum.

Grundsätzlich angezweifelt wird, dass der Mensch ein intaktes, autonomes Wesen ist, dessen Handeln, Fühlen und Erkennen eine sinnvolle Einheit bilden. Von Umwelt und Mitmenschen dringen beinahe ungefiltert Reize und Eindrücke auf den Menschen ein, die oft als Gewalt, Bedrohung oder Restriktion schmerzlich empfunden werden. Sie dringen in das Innere des Bewusstseins ein und prägen so die Vorstellung der Wirklichkeit des Menschen – gut zu erkennen am Selbstporträt »Hiob« von Korbinian Jaud. Auf eine Gips-maske des Künstlers erscheint projiziert die Filmaufnahme einer Szene, in der dieses Gesicht mit Wasser bespritzt wird. Die Augenlider flattern und der unangenehme Aufprall des kalten Wassers lässt sich an den Reaktionen in der Mimik ablesen.

Hinterlegt ist das Selbstporträt mit einer unscharfen Diaprojektion einer Aufnahme des Traunsteiner Viadukts – das Motiv der biografischen Herkunft als flimmernder Background des komplexen Selbstporträts. Das »Ich« wird bei Korbinian Jaud zum leeren Konzept und ist eine Leerstelle im semantischen und sozialen Raum. Die Identität eines Menschen erscheint so als ein produziertes, variables, den verschiedensten Kräften ausgeliefertes Konstrukt. Zur künstlerischen Umsetzung verwendet Jaud oft Spiegel oder spiegelnde Materialien, Projektionen und Überblendungen oder die Kamera als weitere Variante eines Ich-Spiegels.

Dritter im Bunde ist Alexi Tsioris, dessen Arbeiten den Kunstraum Klosterkirche mit seinen anscheinend ausgeklügelten Geräten und Gestellen beherrscht. Der Künstler wurde 1982 in Athen geboren, wuchs am Chiemsee auf und verbrachte seine Schulzeit in Traunstein. 2011 erhielt er den Kunstpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München und gestaltete eine Ausstellung in der Münchener Residenz. Eine raumgreifende, komplizierte Installation vor der Apsis aufgebaut, schuf er speziell für den Kunstraum Klosterkirche und baute sie vor Ort auf. Die Großrauminstallation ist eine merkwürdige Mi-schung aus Bühne, Altaraufbau und »Hau den Lukas«. Die wei-teren Arbeiten »Asbestplombe«, »Tapetenpaddel« oder »Zungenhalter« sind in strenger Symmetrie auf diesen Mittelpunkt hin ausgerichtet. Dabei scheint aktives Agieren des Betrachters erwünscht – eine Treppe lädt zum Hinaufsteigen ein, die Apparate wollen bedient werden, aber gleichzeitig verbietet der Künstler das. Die anscheinende Funktionalität der von Tsioris entwickelten Geräte steht in krassem Gegensatz zu ihrer offensichtlichen Unbrauchbarkeit.

Besonders die Wurfmaschine für den »Hau den Lukas« ist eine komplette Fehlkonstruktion, was die der Farbe des Bodens ähnlichen Fladen überall auf dem Boden der Klosterkirche zeigen – der Besucher muss also achtgeben, wohin er tritt. Thematisiert wird in Tsioris‘ Werk Machbarkeitswahn und Technikgläubigkeit in einem mechanistischen Welt- und Menschenbild, das auch den Körper des Menschen zu einer Art Maschine werden lässt, der beliebig bedient werden kann, immer funktionieren soll und bei entsprechender Wartung auch gut hält. Viele Zeichnungen des Künstlers, entstanden in den letzten zehn Jahren und widersprechen dieser mechanistischen Auffassung des menschlichen Körpers.

»Drei Künstler, die unsere üblichen Vorstellungen von Wirklichkeit ins Wanken bringen können«, wie es Judith Bader in ihrer aufschlussreichen Einführungsrede formulierte.

Die Ausstellung »Elke Härtel, Korbinian Jaud, Alexi Tsioris – drei junge bildhauerische Positionen« in der Städtischen Galerie und im Kunstraum Klosterkirche ist bis zum Sonntag, 6. April, mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen von Gruppen, besonders Schulklassen, die die Ausstellung besonders ansprechen könnte, sind nach Absprache jederzeit möglich, Telefon 0861/164319. Christiane Giesen