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Doch noch nicht vergessen

Das Leben und Werk von Mascha Kaléko stand im Mittelpunkt der letzen großen Veranstaltung zum 25-jährigen Bestehen der Gemeindebücherei Marquartstein. Ein bis zum letzten Stuhl besetztes Rathausfoyer zeugte vom ungebrochenen Interesse an dieser bedeutenden deutsch-jüdischen Dichterin.

Il Coro Nuovo begleitete die Lesung in der Marquartsteiner Gemeindebücherei musikalisch.

Nicht nur der bewegte und gewiss nicht leichte Lebenslauf prägte ihre Gedichte – die Berliner Zeit der 20er und 30er Jahre als Teil der künstlerischen Bohème um Kästner, Tucholsky und Ringelnatz. Die Zeit der Machtergreifung im Nazi-Regime, wo sie 1935 Publikationsverbot bekam. Die Zeit im Exil in New York, wohin sie mit ihrer Familie vor der Nazi-Verfolgung fliehen musste. Und schließlich die Nachkriegszeit, die erste Begegnung mit dem Berlin der 50er Jahre sowie die letzten Jahre in Israel. Sie verstand es, auch die kleinen Dinge des Alltags ruckzuck und poetisch eindrucksvoll auf den Punkt zu bringen. Genau diese Eindrücke in Chormusik umzusetzen, gelang dem bekannten, 1957 in Lörrach geborenen Komponisten Uli Führe in eindrucksvoller Weise. Dabei schuf er ein Werk, das so vielgestaltig ist, wie die Kaléko-Lyrik: formal streng, dann wieder folkloristisch, rhythmisch bewegte Formen, moderner Choral aus alter Zeit.

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Mit dem »Lied zur Nacht« – gesungen über den Köpfen der Zuhörer – stimmte das Vokalensemble Il Coro Nuovo unter der Leitung von Alessandra De Crescenzo das Publikum auf die ausdrucksstarke Lyrik ein. Unter Einbeziehung der Räumlichkeit bewegte sich der Chor im Raum und schenkte den Zuhörern lebhafte, aufgelockerte »Szenen«. Alessandra De Crescenzo hatte ihren Chor in vielen, ausführlichen Proben auf die Thematik nahezu eingeschworen, sodass er, schwarzrot gekleidet, stets präsent war und jedes Werk seinem Charakter entsprechend und überzeugend darbieten konnte.

Abwechselnd zum Chor rezitierte Friedericke Röthlein die feinsinnigen Gedichte und verstand es hervorragend, die Leichtigkeit, die Schärfe, die Eleganz und den ironischen Spott der Lyrik an das Publikum zu bringen – und gewährte so den Einblick in eine humorvolle, aber auch getriebene und heimatlose Dichterseele. Konzentriert lauschte das Publikum. Es erlebte einen intensiven Abend, der gewiss noch lange nachklingt. Unter den Anwesenden wurden 27 Lyrikbände »In meinen Träumen läutet es Sturm« verlost. Die Bücher stammten von der Aktion »Lesefreunde«, bei der zum Welttag des Buches deutschlandweit eine Million Bücher an Erwachsene verschenkt wurden. Auch Ingrid Gut, die Leiterin der Gemeindebücherei, hatte 30 Exemplare ihres Lieblingsbuches zum Weiterverschenken erhalten.