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Die Zukunftsaussichten der »Generation C«

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Generation Corona
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Was wird aus der Generation, die jetzt unter Schulschließungen und fehlenden Freizeitangeboten leidet? Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik machen sich Sorgen. Foto: Arne Dedert/dpa Foto: dpa

Seit fast einem Jahr ist nun Corona-Ausnahmezustand. Jugendliche und Kinder leiden besonders darunter, weil sie in allen Bereichen, von der Bildung bis zur Freizeit, eingeschränkt und in ihrer Entwicklung ausgebremst werden. Welche Folgen könnte das langfristig haben?


Berlin (dpa) - Vielleicht muss man mit einer Streichliste anfangen: keine Tanzschule, kein Fußballtraining, keine Party zum 18., kein Praktikum, keine Klassenfahrt, kein Auslandssemester, keine Konzerte, keine Clubs, kein Fasching in der Kita, kein Laternenumzug, keine Freunde treffen - alleine im Sandkasten und alleine zu Hause mit den Schulaufgaben.

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Die Liste ließe sich fortschreiben. Wer sich erinnert, wie prägend die Erfahrungen waren, die Kinder und Jugendliche jetzt nicht machen können, weiß, wie es ihnen in der Corona-Pandemie geht.

Nun sind Grundschulen und Kitas wieder ein Stück offen, aber der Betrieb steht auf wackeligen Füßen, die Älteren sind weiter zu Hause und von Normalität ist das Land noch weit entfernt. Was macht das langfristig mit den jungen Menschen - rund jeder Fünfte in Deutschland ist unter 20 Jahre alt - und wie groß werden die Folgen für diese Generation sein? Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik machen sich Sorgen, aber nicht nur.

Berufsvorbereitung leidet massiv

Mit Prognosen ist es wie immer schwierig: Bei der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände heißt es auf Nachfrage, es sei nur schwer vorherzusagen, wie sich die Situation an den Schulen langfristig auf die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern auswirken würden. »Richtig ist aber, dass aktuell besonders die berufliche Orientierung leidet.« Der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, bestätigt das: kaum Betriebspraktika, keine Berufsberatung an Schulen, keine Ausbildungsmessen.

Bernd Fitzenberger, Direktor des Nürnberger Instituts für Arbeitmarkt- und Berufsforschung befürchtet, viele Jugendliche könnten auf der Strecke bleiben und ihre Karrierechancen nachhaltig geschädigt werden - mit gesellschaftlichen Folgen wie häufiger Arbeitslosigkeit als Langzeiteffekt. Ein verlorenes Schuljahr bedeutet nach Rechnung des OECD-Bildungsdirektors und Pisa-Verantwortlichen Andreas Schleicher ungefähr sieben bis zehn Prozent verlorenes Lebenseinkommen.

Die Hochschulen sind ebenfalls vorsichtig mit Prognosen: Es gebe noch keine Daten und Erkenntnisse dazu, »aber es ist zu vermuten, dass die Lernergebnisse der angehenden Abiturientinnen und Abiturienten von der Pandemie-Situation negativ beeinflusst werden«, sagt Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Das sei weder zu verharmlosen noch zu dramatisieren. Die Hochschulen hätten aber Erfahrung damit, durch Brückenkurse gewisse Defizite auszugleichen.

Ein Jahr Corona ein Viertel des Lebens

Und dann ist da noch die Psychologie und das Zeitempfinden von Kindern und Jugendlichen. Wer sich erinnert, wie lange sich als Kind ein paar Wochen Sommerferien anfühlten, kann sich vorstellen, was nun ein Jahr Corona-Ausnahmezustand für junge Menschen bedeutet. »Das spielt eine sehr große Rolle«, sagt Alexandra Langmeyer, Wissenschaftlerin am Deutschen Jugendinstitut in München. Für einen Vierjährigen bedeute ein Jahr Corona ein Viertel seines Lebens.

Studien zufolge ist der seelische Druck bei jungen Menschen gestiegen. Experten für Kinder- und Jugendpsychiatrie sehen eine Zunahme bei Ängsten, Essstörungen oder auch Depressionen. Eine Umfrage der Universitäten Hildesheim und Frankfurt zeigte zuletzt, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene Zukunftsängste haben. »Sicherlich wird diese Zeit nicht für alle Kinder gleichermaßen langfristig negative Auswirkungen haben«, sagt Langmeyer. Es komme sehr auf die Familie an, wie gut diese mit der Corona-Situation zurechtkomme.

Benachteiligte Kinder fallen noch weiter zurück

Wie andere Experten sieht die Kinder- und Jugendforscherin die Gefahr negativer Langzeitfolgen verstärkt für Kinder aus ärmeren Familien. Man beobachte mit Sorge, dass viele während der Schulschließungen nicht »erreicht« werden konnten, heißt es bei den Arbeitgebern, die sich für gezielte Förderangebote auch in den Ferien aussprechen.

Kai Maaz, Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, verweist auf internationale Studien, die nach Schulschließungen besonders große Lernrückstände bei ohnehin schon leistungsschwachen Schülern und bei Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien gezeigt hätten. Er vermutet, dass auf der anderen Seite manche Schüler sogar von der Eins-zu-eins-Betreuung zu Hause profitieren und rechnet damit, dass die Krise die Leistungsunterschiede in den Klassen verstärkt.

Der Bildungsforscher schlägt Maßnahmen vor, um gegenzusteuern und Rückstände aufzuholen, etwa die Einbeziehung außerschulischer Bildungsträger oder »zeitlich überschaubare« Lern- und Unterrichtsmöglichkeiten in den Ferien. »Wenn wir jetzt nicht investieren und alles daransetzen, die entstanden Lernrückstände wieder aufzufangen, werden die Folgekosten in der Zukunft erheblich größer ausfallen.«

»Generation Corona« als Qualitätssiegel?

Doch wie bei den meisten Krisen gibt es vielleicht auch hier positive Seiten: »Ich glaube, dass »Generation Corona« eher ein Qualitätssiegel als ein negativer Stempel ist«, sagt Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, der selbst kurz vor dem Abi steht. Alle boxten sich seit nunmehr einem Jahr durch diese herausfordernde Zeit. »Meine Mitschüler haben so viele Dinge in Windeseile lernen müssen, für die andere normalerweise länger brauchen. Sie haben einen Turbo-Reifeprozess durchlaufen.«

An den Hochschulen wird nicht ausgeschlossen, dass die jetzigen Absolventen besondere Stärken mitbringen: Für die meisten Abiturienten, werde die aktuelle Situation bei aller Belastung im Rückblick auch eine wichtige Erfahrung sein, die bei der weiteren Bewältigung gerade des Selbststudiums zweifellos helfen könne, sagt HRK-Präsident Alt.

Bildungsforscher Kai Maaz zeigt sich grundsätzlich optimistisch: »Ich glaube, dass die entstandenen Rückstände und Probleme wieder aufgeholt werden können - auch wenn es eine große Herausforderung ist. Alles andere wäre eine Kapitulation mit nicht tragbaren Folgen für die einzelnen Menschen und für das System.« Familienministerin Franziska Giffey (SPD) sieht ebenfalls keinen Grund für Pessimismus: »Ich finde nicht, dass wir von einer »verlorenen Generation« sprechen sollten.« Wer das tue, habe schon aufgegeben. »Aus schwierigen Zeiten kann man auch gestärkt hervorgehen.«

© dpa-infocom, dpa:210224-99-570023/2

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