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Die Ohren geöffnet für Neues

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Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass die große Mehrheit des Publikums in Konzerten vor allem unterhalten werden wolle. Hinter solchen Thesen verstecken sich gerne Musiker und Veranstalter, um bloß kein wirtschaftliches Risiko einzugehen oder kluge Konzepte herausarbeiten zu müssen. Natürlich ist es viel einfacher und weniger riskant, irgendeinen gefälligen bunten Salat zusammenzumischen.


Allerdings bleibt nichts Gehaltvolles hängen, und das eigene Profil wird damit auch nicht geschärft. Tatsächlich gibt es zahllose Beispiele dafür, wie man das Publikum für Herausforderndes begeistern kann – auch auf dem Land. Man muss die Hörer nur mitnehmen: Was immer und überall wirkt, ist die Qualität und ein dramaturgisch stringenter roter Faden, der sich durch den Abend zieht und vermittelt wird. So war es beim vorletzten Konzert des diesjährigen Festivo.

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Dafür versammelten sich um Festivo-Leiter Johannes Erkes (Viola) in der Festhalle Hohenschau Jörg Widmann (Klarinette), Herbert Schuch (Klavier), Sebastian Klinger (Cello) und Alina Pogostkina (Violine). Und da ist Alfred Schnittkes Streichtrio von 1985: In der schonungslosen, unerbittlichen Durchdringung von Erkes, Pogostkina und Klinger wurde hörbar, wie Themen verfremdet werden, bis nur noch Fragmente übrig bleiben – im Inneren ausgehöhlt, den Verfall ahnend.

Kurz nach dem Streichtrio ereilte Schnittke ein Schlaganfall, 1998 erlag er einem letzten. Nichts wurde hier geschönt oder larmoyant übersteigert, jede Geste traf zielgenau ins Mark. Dagegen schimmerte in Schuchs klangsinnlicher Gestaltung von »Das Tal der Glocken« aus Ravels Klavierzyklus »Miroirs« ein gebrochenes Licht: Was Sein oder Schein ist, blieb das Geheimnis eines schattenhaft umdüsterten und zugleich farbentrunkenen Traums.

Ungeahnte Verbindungen wurden zwischen Schnittke und Ravel freigelegt, weshalb man gerne den ersten Teil des Abends ohne unterbrechenden Beifall gehört hätte. Das galt auch für Widmanns fesselnde Gestaltung seiner Solo-Fantasie für Klarinette von 1993, die stilistische und dynamische Extreme wagt: In Widmanns Musiktheater »Babylon«, das Ende Oktober in München an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt wird, leben einige Tendenzen fort.

Mit dem »Quartett auf das Ende der Zeit« für Klarinette, Geige, Cello und Klavier, das Olivier Messiaen 1940/41 in deutscher Kriegsgefangenschaft schuf, ging es sinnstiftend und einnehmend weiter. Tückisch ist hier nicht zuletzt das Klarinettensolo »Abgrund der Vögel«: Das stille Nichts, aus dem manche Crescendi erwachsen, hätte Widmann mehr auskosten können. Zudem wirkten einige Vogelmusiken etwas gehetzt und unpräzise.

Das hatte Alois Brandhofer 2003 bei Festivo noch stimmungsvoller gemacht. Umso klangsinnlicher und luzider ließ Klinger die »Lobpreisung auf die Ewigkeit Jesu« atmen. So zeigte dieser bleibende, höchst inspirierende Abend, dass sich der Mut zur Reibung lohnt - wenn Qualität und Dramaturgie stimmen. Wer das schafft, siegt. Wer es erst gar nicht versucht, wird umfassende Aufmerksamkeit nie erlangen. Marco Frei