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Den Blick hinüber zum Watzmann von der Polizeiinspektion Berchtesgaden aus wird er vermissen: Erster Polizeihauptkommissar Willi Handke, Chef der Polizeiinspektion Berchtesgaden, geht nach 43-jähriger Dienstzeit zum 1. April in den Ruhestand. Ebenfalls ein Einheimischer soll seine Nachfolge antreten. (Foto: Ulli Kastner)

Die Karriere begann vor 43 Jahren mit einer Tatortbesichtigung: Berchtesgadens Polizeichef geht in den Ruhestand

Berchtesgaden – Den ersten Tag seiner 43-jährigen Polizeilaufbahn wird Willi Handke nie vergessen. Nach einem Tötungsdelikt am Berchtesgadener Bahnhofsfußweg nahm der damals 16-Jährige gleich an einer großen Tatortbesichtigung teil. Es war der Beginn einer langen Karriere vom Praktikanten bis zum Chef der Polizeiinspektion Berchtesgaden. »Ich habe es nie bereut, diesen Beruf ergriffen zu haben«, sagt der Schönauer. Wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag wird der Erste Polizeihauptkommissar zum 1. April in den Ruhestand gehen. 


Ein Kindheitstraum war der Polizistenberuf für ihn eigentlich nicht, sagt Handke. Mehrere Bewerbungen habe er nach dem Erwerb der Mittleren Reife an der Knabenrealschule Freilassing geschrieben – »und bei der Polizei hat man mich halt genommen«. Es war der 2. Oktober 1978, als Handke zunächst als Überbrückung bis zum Ausbildungsbeginn die Praktikantenstelle in der damaligen Dienststelle Stanggaß antrat. Sein erster Tag ist ihm nachhaltig in Erinnerung geblieben. Denn er durfte gleich mit zu einer Tatortbesichtigung auf dem Bahnhofsfußweg. Dort hatte man Jahre zuvor eine Leiche gefunden, jetzt lief der Gerichtsprozess. »Das geht ja schon gut los«, hatte sich der Jugendliche damals gedacht. Das Totschlagsdelikt konnte schließlich aufgeklärt werden.

Startbahn West und Gorleben

Offizieller Beginn der insgesamt dreijährigen Ausbildung zum Polizeivollzugsbeamten war dann am 1. März 1979 in Eichstätt. Nach zwei Jahren wechselte Handke noch für ein halbes Jahr nach Ainring und ein weiteres halbes Jahr zur Bereitschaftspolizei nach München. Da wurde es gelegentlich schon mal spannend. Einsätze in Frankfurt bei den Großdemonstrationen gegen die Startbahn-West sowie Objektschutz-einsätze am Innenministerium, an der Bayerischen Staatskanzlei oder am Wohnsitz des damaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß gehörten dazu. Zuvor in Eichstätt war er auch einmal nach Gorleben beordert worden, wo Atomkraftgegner die »Republik Freies Wendland« ausgerufen hatten.

Gleich nach Beendigung seiner Ausbildung kehrte Willi Handke schließlich in seine Heimat zurück, wo er im Alter von knapp 20 Jahren die damals noch kleine Inspektion in der Stanggaß verstärkte. Acht Jahre verbrachte er dort unter dem damaligen Polizeichef Siegfried Ernst, ehe sich Handke dazu entschloss, die Ausbildung für den gehobenen Dienst zu absolvieren. Das tat er von 1990 bis 1992 an der Beamtenfachschule Fürstenfeldbruck.

Und wieder wollte es 1992 der Zufall, dass Handke als Dienstgruppenleiter eine Verwendung in Berchtesgaden bekam – jetzt bereits in der neuen Inspektion in der »Villa Bayer«. Schließlich wollte der heimatverbundene Schönauer auch nie weiter weg, sodass ihm die Entwicklung sehr gelegen kam. Und dieses Glück sollte sich fortsetzen, denn nach zwölfjähriger Arbeit als Dienstgruppenleiter bekam der mittlerweile zum Polizeihauptkommissar aufgestiegene Handke im Jahr 2004 die Stelle als stellvertretender Polizeichef in Bad Reichenhall. »Das war ein sehr arbeitsreicher Job, langweilig war mir jedenfalls nicht«, erinnert sich der noch 59-Jährige.

Emotionale Jahre in Bad Reichenhall

Für Willi Handke waren es in Bad Reichenhall vor allem auch emotional sehr kraftraubende Jahre. Mit leiser werdender Stimme erinnert er an den Eishalleneinsturz mit 15 Toten und an den Lawinenunfall am Schrecksattel mit zwei Toten unmittelbar davor, an den sogenannten WM-Mord in Bad Reichenhall, bei dem außerdem eine junge Frau schwer verletzt wurde, an den Waldbrand Thumsee und an den Brand eines denkmalgeschützten Bauernhofes in Schneizlreuth mit sechs Toten. Oft musste Willi Handke zusammen mit ehrenamtlichen Helfern des Kriseninterventionsteams den Angehörigen die schreckliche Todesnachricht überbringen. »Das gehört zu den Schattenseiten unseres Berufs«, sagt Handke. Vor allem, wenn man die Opfer und ihre Angehörigen kenne, belaste einen das sehr. Noch Jahre später besucht Willi Handke die Gräber der Verstorbenen auf dem Friedhof.

Als zum 1. November 2016 ein Nachfolger für den in Ruhestand tretenden Berchtesgadener Polizeichef Günter Adolph gesucht wurde, griff Willi Handke freilich gleich zum Bewerbungsbogen. »Und ich hatte tatsächlich das Glück, dass ich genommen wurde«, freut er sich noch heute. Denn damit schloss sich ein Kreis in seiner Polizeilaufbahn: In Berchtesgaden vom Praktikanten bis zum Chef. »Dass sich das so ergeben hat, konnte man nicht planen. Man braucht halt immer auch die entsprechenden Förderer«, sagt der 59-Jährige. Er ist der Meinung, dass es »keinen schöneren Dienstbereich für einen Polizisten als den in Berchtesgaden gibt«. Als Handke diesen Satz sagt, geht sein Blick aus dem Dienstzimmer gerade hinüber zum sonnenbestrahlten Watzmann.

Gutes Verhältnis zu den Bürgern

Ans Herz gewachsen ist dem scheidenden Polizeichef die Arbeitsstelle Berchtesgaden aber auch deshalb, weil »das Verhältnis zwischen der Polizei und den Bürgern hier sehr gut ist«. Dazu komme die gute Sicherheitslage mit niedriger Kriminalität und null Schwerkriminalität. Doch das, betont Handke schnell, heiße keinesfalls, dass man hier eine ruhige Kugel schiebe. »Man kann nicht alles aus den Statistiken ablesen«, sagt er und erwähnt unter anderem die Herausforderungen durch den starken Tourismus. Zu den Aufgaben der hiesigen Polizei gehörten somit auch die Bearbeitung der zahlreichen Bergunfälle und Vermisstensuchen. »Wir haben viele Spezialkräfte wie Bergführer oder Mitarbeiter in den Lawinenkommissionen und in der Alpinen Einsatzgruppe, die auch andere Polizisten ausbilden. Außerdem leisten wir Präventionsarbeit an den Schulen, bearbeiten pro Jahr über 5 000 schriftliche Vorgänge und leisten rund um die Uhr das ganze Jahr über den Schichtdienst. Das ist schon eine Herausforderung für unsere überschaubare Truppe«.

Am schönsten ist es für Willi Handke immer gewesen, »wenn man Leuten helfen konnte«. So erinnert sich der scheidende Polizeichef an eine Suchaktion nach einem vermissten jungen Mann vor zwei Jahren. Nachdem die Geschichte gut ausgegangen war, erhielt man von den Eltern einen netten Dankesbrief. »Das ist sehr schön und gibt einem auch etwas zurück«, sagt Handke.

Begegnungmit Tom Hanks

Und dann muss der 59-Jährige lachen, weil ihm eine kuriose Geschichte einfällt. Es war kurz vor der Eröffnung der Dokumentation Obersalzberg vor 23 Jahren, als er am Wochenende Schichtdienst hatte. Es kam die Meldung herein, dass sich in der Dokumentation jemand bei einem Sturz verletzt hatte. Als Handke mit Kollegen oben eintraf, brachte das Rote Kreuz den Verletzten gerade auf einer Trage weg. Handke staunte nicht schlecht, als er erkannte, wer da auf der Trage lag: kein Geringerer als der zweifache Oscar-Gewinner Tom Hanks. Er hatte sich bei dem Sturz die Schulter ausgekugelt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rief er den Leuten zu: »Write my name on the wall«. Um ein Autogramm hat ihn Willi Handke damals übrigens nicht gebeten. Das wäre vermutlich auch nicht gut angekommen.

Ganz so spektakulär wird es für Willi Handke im Ruhestand vielleicht nicht mehr werden. Doch der fitte Fast-Pensionär macht deutlich, dass es für ihn auch nach dem Polizeidienst genug zu tun gibt. Berggehen, Radfahren, Skitouren und nicht allzu weit entfernte Reiseziele stehen auf dem Programm. »Ich lasse das auf mich zukommen«, sagt er und kommt dann noch auf ein Thema zu sprechen, das ihm wichtig ist: »Die Zusammenarbeit mit den Behörden, vor allem aber mit den ehrenamtlichen Hilfsorganisationen war einfach bärig«.

Ulli Kastner