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Die Jagd nach dem Glück

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Glück und Liebe sieht anders aus: Marianne (Nikola Rudle) mit Alfred (Sacha Oscar Weis) als frisch gebackene Eltern. (Foto: Löffelberger/Landestheater)

Als Ödön von Horváth Ende der 1920er Jahre in der Zeit der Weltwirtschaftskrise seine »Geschichten aus dem Wiener Wald« schrieb und darin Dramen von Menschen in prekären finanziellen und emotionalen Situationen nachzeichnete, konnte er kaum ahnen, dass dieses Bild einer von Selbstsucht und Eigennutz getriebenen Gesellschaft über die Jahrzehnte hinweg nichts an Aktualität verlieren würde – auch wenn er es hoffte.


Den Schauplatz seines »Volksstücks« könnte man sich statt in der Wiener Kleinbürgerhölle, dem Ufer der schönen blauen Donau oder draußen in der Wachau, ebenso gut an Dutzenden anderen Orten weltweit vorstellen. Die Zeiten ändern sich, die Krisen sind von anderer Qualität, aber die Menschen in ihrem psychosozialen Verhalten haben sich offenbar wenig geändert oder weiterentwickelt.

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Die Verlobung der Tochter des »Zauberkönigs« (Walter Sachers), eines Spielwarenhändlers im 8. Bezirk Wiens, ist in vollem Gange. Doch eine glückliche Braut sieht anders aus. Ihren Zukünftigen soll sie, wie der Vater bestimmt, aus ökonomischen Gründen ehelichen. Fleischhauer Oskar (Christoph Wieschke) ist, in den Augen des Vaters, eine gute Partie – und er »liebt« Marianne (Nikola Rudle), wenn auch auf »seine niedrige Art«, die auf lange Sicht wohl keinerlei Gegenliebe fordert. »Musst du mir immer weh tun?«, lamentiert sie, als Oscar sie küssen will. Auf die Frage, ob sie ihn liebe, antwortet sie: »Was ist Liebe?«.

Als sie dem Spieler Alfred (Sacha Oscar Weis) begegnet, »weiß« sie es. Sie spürt die Kraft und Leidenschaft dieses Gefühls, das ihrem tristen Dasein plötzlich einen Sinn zu geben scheint. Frisch von der Trafikantin Valerie (Britta Bayer) getrennt, heult Alfred zwar den finanziellen Annehmlichkeiten, die die Verflossene ihm zu bieten hatte, hinterher, ist aber doch bereit, sein Glück mit der schönen Marianne zu versuchen. Marianne löst die Verlobung, ihr geldgieriger, von Eigennutz getriebener Vater tobt, Oskar droht, dass sie »seiner Liebe nicht entgehen würde« und Valerie tröstet sich mit Hochprozentigem. Es kommt wie es kommen muss: Der Vater verstößt Marianne, die bald, von Alfred schwanger, in finanzieller und emotionaler Schieflage landet. Keine schönen Entwicklungen, zu denen in schrägem Kontrast beschwingte Walzerklänge von Johann Strauß wie die Faust aufs Aug' passen. Baby Leopold hat gerade noch gefehlt und wird, wenn auch gegen den Willen Mariannes, zur bitterbösen Verwandtschaft Alfreds »zur besseren Versorgung« aufs Land verfrachtet, während sich Marianne mit »Rhythmischer Sportgymnastik« prostituiert: »Über uns webt das Schicksal Knoten in unser Leben«. Knoten, die sich immer enger um ihren Hals schnüren, Knoten, die einfach nicht aufgehen wollen und stattdessen immer mehr werden.

Es gibt kein Entrinnen gegen die teuflisch agierende und manipulierende Großmutter (Janina Raspe) Alfreds, die immer wieder, auch rein optisch in der Bühnenwand thronend, ihre intrigante Hassherrschaft führt – das Böse stirbt nie. Keine Chance gegen Alfreds verlogene Rücksichtslosigkeit, gegen einen Vater, der die Tochter »verkauft«, gegen einen verschmähten Verlobten, der darauf baut, dass ihm das Unglück seiner Geliebten in die Hände spielt.

Und Marianne? Marianne tobt, wehrt sich wie eine Raubkatze, steht »ihren Mann« in einer ungerechten, frauenfeindlichen Welt, ist Heldin im Kampf der Geschlechter und zerbricht dennoch an diesem Leben: »Du hast mich ja nur für die Ehe erzogen«, klagt sie den Vater an. Knoten um Knoten webt das Schicksal. Die letzten Bilder, die Horváths Drama zeichnet, sind düster. Der Respekt, den Marianne für ihren Mut verdient, kommt sie teuer zu stehen.

Gerade deshalb, so hatte man den Eindruck, wurde am Ende nicht mit Applaus gegeizt. Mut zum Aufbegehren gegen Unrecht macht Hoffnung. Applaus für das gesamte Ensemble, für den großartigen Ödön von Horváth, und für Carl Philip von Maldeghem – auch dafür, dass er sich an die »Gebrauchsanweisungen des Erfinders« gehalten hat. Denn, »Gebrauchsanweisungen« zu beachten, kann nicht nur in der Bedienung von Elektronik als »lebenserhaltend« gelten. Mit Horváths niedergeschriebener »Anweisung zum Gebrauch« seiner Werke steht und fällt ihre Wirkung auf den Zuschauer. Abweichungen bezeichnet er als Todsünden der Regie, denn sie verhindern den exakt platzierten »Treffer« ins Schwarze.

Maldeghem hat in seiner Inszenierung den Wunsch des Schöpfers beherzigt und somit im Publikum heute dieselbe Wirkung erzielt wie damals. So bleibt Horváths »Volksstück« in dieser Inszenierung aktuell: Es lässt die »Figuren«, in wandelbarem (Welt-)Bühnenbild (Bühnenbild und Kostüme sind von Stephanie Seitz) aus drehbaren, weiß gekachelten Wänden (die zur Musik und den jeweiligen Szenen selbst Walzer tanzen) auf verschiedenen (Spiel-) Ebenen in einem riesenhaften Zauberrechteck auftauchen und verschwinden. »Unsere heutige Zeit ist eine verkehrte Zeit – alles wackelt«, stellte der Vater klar. In einer anderen »heutigen Zeit« ist es nicht anders. Grandios transportiert. Kirsten Benekam