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»Die inszenierte Provokation« in der Fotografie der 60er Jahre

Lea Lausen, eine Tochter von Heide Stolz, vor »Grandiose Aussichten«, 1967, einem Gemälde von Uwe Lausen. (Repros: Giesen)

Eine reizvolle Doppelpräsentation wird allen Kunstinteressierten derzeit in der neuen Ausstellung in der Städtischen Galerie Traunstein und als Ergänzung dazu eine Sonderausstellung mit Bildern im Museum DASMAXIMUM in Traunreut geboten. Zum ersten Mal überhaupt wird in Traunstein damit eine umfangreichere Ausstellung mit Schwarzweiß-Fotografien von Heide Stolz (1939-1985) gezeigt.


Die Fotografin wurde bisher fast ausschließlich im Zusammenhang mit ihrem Ehemann, dem auch erst vor kurzem wiederentdeckten Maler Uwe Lausen (1941-1970), gesehen. Beide lernten sich 1961 in München im Umfeld der avantgardistischen Künstlergruppe SPUR kennen, die 1958 gegründet wurde. Vor dem Hintergrund der kulturellen und gesellschaftspolitischen Umwälzungen der 1960er Jahre steht das rebellische Künstlerpaar symptomatisch für seine Zeit und weist mit seinen Inszenierungen weit über sie hinaus.

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In der Traunsteiner Städtischen Galerie kann der Besucher auf zwei Stockwerken das fotografische Werk einer besonderen Künstlerin entdecken: 77 Schwarzweiß-Fotografien, sogenannte Vintage-Prints, das heißt von der Fotografin unmittelbar nach Entstehung des Negativs abgezogene Originalabzüge, und 21 Kontaktbögen der Künstlerin Heide Stolz aus den 1960er Jahren. Im Traunreuter Museum DASMAXIMUM hat der Besucher die Möglichkeit, 30 Arbeiten des Pop-Art-Künstlers Uwe Lausen zu besichtigen – und somit eine einmalige Chance, die Werke eines faszinierenden Künstlerpaares kennenzulernen. Alle Fotografien stammen aus dem Nachlass der Künstlerin im Archiv Lausen in Aschhofen.

Zur gut besuchten Vernissage in der Städtischen Galerie, die Oberbürgermeister Manfred Kösterke eröffnete, waren viele Besucher von nah und fern gekommen, darunter zwei der drei Töchter von Heide Stolz und – eigens aus England angereist – Isolde Jovine, eine Freundin von Heide Stolz, die in ihrer Jugend häufig als Fotomodell mit ihr gearbeitet hatte.

Legendäre Künstlerfeste

Bis zu ihrem Umzug nach Aschhofen bei Feldkirchen-Westerham 1964 war Heide Stolz fest in die Münchner Künstler- und Kulturszene integriert. Kontakte der bildenden Künstler mit Literaten, Musikern und den Filmemachern Rainer Werner Fassbinder und Rudolf Thome sind belegt und eine gegenseitige Inspiration ist anzunehmen. In diesen Kreisen feierte man auch die legendären Künstlerfeste, in Schwabing zum Beispiel 1968 mit der Künstlergruppe SPUR das Weiße Fest und das Rote Fest in Peterskirchen bei Paul und Limpe Fuchs.

Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie Traunstein, die auch den einführenden Text im Katalogbuch zur Ausstellung geschrieben hat, gab bei der Vernissage einen einfühlsamen Überblick über das fotografische Werk und die künstlerische Bedeutung von Heide Stolz. »Das fotografische Werk von Heide Stolz ist auch aus heutiger Sicht aktuell, großartig inszeniert und fordert die Betrachter heraus«, so die einleitenden Worte zum Katalog und zu einem der Höhepunkte des vielfältigen Kulturprogramms in Traunstein.

Menschenbilder

Von den frühen Fotografien von Heide Stolz sind mehrere, meist anonyme Einzelporträts, zu sehen. Oft ging es der Künstlerin nicht darum, bestimmte Menschen darzustellen, sondern um Menschenbilder, die Allgemeingültigkeit beanspruchen. Aus der räumlichen und zeitlichen Situation, in der das Bild aufgenommen wurde, durch die Gegenstände und Attribute um die Person, durch Mimik und Gestik, erfährt der Betrachter mehr als die nur naturgetreue Wiedergabe des Äußeren eines Menschen. In den frühen Porträts von Heide Stolz fällt die große Melancholie der Dargestellten auf.

Eine Reihe von Fotografien, die um 1962 auf einem einsamen, staubigen Fußballplatz entstanden, sind beispielhafte Aufnahmen für Inszenierungen im Außenraum. Sie zeigen eine weibliche Figur im schwarzen, bodenlangen Gewand, die einsam, aber sehr aufrecht in einer kargen Landschaft steht. Parallel dazu staffelt sich der Raum in die Tiefe, sodass die Komposition streng und statisch wirkt. Die Wahl der Schauplätze im Werk von Heide Stolz erscheint typisch und signifikant: Schotterflächen, Kiesgruben, Industriegelände, ein in Reih und Glied aufgeforsteter Stangenwald. Die unterschiedlichen Materialien und Oberflächenstrukturen werden fotografisch herausgearbeitet und gerne mit weichen, geschmeidigen Textilien kontrastiert, zum Beispiel weiche menschliche Körperformen mit industriell genormten Ziegelsteinen.

Inszenierte Provokation

Wenn die Aufnahmen im ersten Stockwerk noch vielleicht befremdlich anmutende, aber nicht gänzlich ungewohnte Bilder sind, so begegnet der Besucher erst im Ausstellungssaal im zweiten Stock der Städtischen Galerie der tatsächlich »inszenierten Provokation«, wie sie im Titel zu der Präsentation genannt wird. Vieles mag hier wie ein kalter Wasserguss, ein Schlag ins Gesicht oder echte Provokation wirken und damit als Herausforderung verstanden werden, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Thematisiert wird die heute ebenso wie früher vorhandene Beziehungslosigkeit zwischen Menschen, ihre Isolation und ihr Mangel an Kommunikation.

Das Verhältnis zwischen Mann und Frau wird auf Dominanz- und Unterwerfungsgehabe reduziert. Der Anspruch, sich aus alten Traditionen zu befreien, hat neue Zwänge geschaffen, die in Klischees aus Film und Fernsehen oder in der Werbung wurzeln. Gewaltphantasien und aggressive Sexualität beherrschen die Personen. Ein besonderer Tabubruch ist die Inszenierung der eigenen kleinen Kinder im Kontext von Gewalt und Sexualität: Der dunkel gekleidete, mit Schirmmütze, Zigarette und Gewehr ausgestattete Uwe Lausen und die fast nackten, hell beleuchteten kleinen Kinder treffen in einem Raum aufeinander, der wie eine Bühne arrangiert ist. Der Hell-Dunkel-Kontrast zwischen den Töchtern und ihrem Vater ist symbolisch aufgeladen.

Bei den »inszenierten Gemälden« ab 1965 entstanden eine Reihe von Fotografien, in denen Gemälde von Uwe Lausen als bildfüllender Hintergrund eingesetzt sind, vor dem reale Personen agieren und zwischen Bild- und Realraum vermitteln. All das hier Geschriebene kann nur einen flüchtigen Eindruck von dem eindrucksvollen Werk der Künstlerin Heide Stolz vermitteln. Ans Herz sei jedem Interessierten das Katalogbuch gelegt, in dem alle Fotografien abgebildet sind und das aufschlussreiche weitere Texte enthält.

Zudem ist ein Besuch der ergänzenden Ausstellung im Museum DASMAXIMUM in Traunreut mit den Bildern von Uwe Lausen sicher ein Muss für jeden, der das außergewöhnliche kulturelle Angebot in unserer Region zu schätzen weiß.

Die Ausstellung »Die inszenierte Provokation« in der Städtischen Galerie ist bis zum Sonntag, 28. Juli, mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen von Gruppen, besonders Schulklassen, die die Ausstellung besonders ansprechen könnte, sind möglich nach Absprache unter Telefon 0861/164319. Christiane Giesen