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Die Idylle hinter dem Krematorium

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Anna-Raphaela Schmitz beleuchtete die Zusammenhänge zwischen Freizeitgestaltung, Privatleben und Vernichtungsaktionen in Auschwitz-Birkenau. (Foto: Merker)

Berchtesgaden – In ihrem Vortrag »Meine Familie hatte es gut in Auschwitz – SS-Männer in Auschwitz-Birkenau« beleuchtete Anna-Raphaela Schmitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte, im Rahmen der Reihe »Obersalzberger Gespräch« das Leben der Männer und Frauen der SS und der Wachmannschaft nach Dienstschluss. Fröhliche Freizeitgestaltung und Familienleben fanden direkt neben der Ermordung und Verbrennung von über einer Million Menschen statt, so die Wissenschaftlerin am Donnerstag im AlpenCongress.


Über allem wehte der Gestank nach verbrannten Menschen. Jedem, auch den Angehörigen der Waffen-SS, die nur auf Besuch waren, musste klar gewesen sein, was in Auschwitz-Birkenau passierte. Das NS-Regime war sich offensichtlich bewusst, dass der Dienst im Vernichtungslager eine Belastung für die SS-Männer und Frauen darstellte. Aus diesem Grunde wurde gezielt in die Freizeitgestaltung nach Dienstschluss eingegriffen und diese so organisiert, dass der Wille und die Bereitschaft der Wachmänner und Wachfrauen aufrechterhalten wurde.

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Sehnsucht eindämpfen

Durch ein inszeniertes Vergemeinschaftungserlebnis sollte die Sehnsucht nach dem gewohnten Umfeld eingedämmt werden. Dazu zählten Feste, wie das Julfest, die nach dem NS-Kalender gefeiert wurden. Durch das Gemeinschaftserlebnis sollte der Zusammenhalt gestärkt werden. Dadurch wurde aber immer auch die NS-Ideologie verfestigt.

Ideologische Vorträge sollten das Verständnis als Mitglied der Herrenrasse stärken und die Gewaltbereitschaft gegenüber den Häftlingen aufrechterhalten. Es gab zum Beispiel spezielle Programme zur Ablenkung für jene, die Dienst an der Rampe in Birkenau geleistet hatten.

Tanz, Musik und ein Sportprogramm

Die SS-Männer und -Frauen versahen ihren Dienst pflichtbewusst bis zum Feierabend, dann hatten sie Freizeit. Direkt neben dem Vernichtungslager entstand eine Siedlung, in der der Alltag gelebt wurde. Es gab ein Kino, Theateraufführungen und Konzerte. Jeden Sonntag musste das Lagerorchester spielen. Dabei hörten die SS-Männer und -Frauen genauso zu wie auf der anderen Seite des Stacheldrahtes die Häftlinge. Es gab Sportmöglichkeiten, wie Fußball oder Schwimmen. Die Männer und Frauen konnten aber auch in die Sauna gehen, nachdem sie tagsüber Hunderte, Tausende von Menschen brutal getötet und verbrannt hatten.

Das sogenannte Deutsche Haus bildete den sozialen Treffpunkt für die normierte Geselligkeit. Mit dabei die Mitarbeiter der I.G.-Farben. Die gemeinschaftlichen Aktivitäten sollten die Kameradschaft stärken und die Männer und Frauen von der Sinnhaftigkeit ihres Tuns überzeugen. Dass Freizeit und Mordpraxis zusammenhingen, zeigen Tagebuchaufzeichnungen, die neben dem alltäglich ausgeführten Grauen vom schönem Wetter erzählen. Das NS-Regime stellte allerdings auch individuelle Räume zur Verfügung, um den Männern und Frauen der Waffen-SS und der Wachmannschaften das Gefühl von Selbstbestimmung in ihrer Freizeit zu geben.

Privatsphäre wahren

»Ein Stück Privatsphäre als Zugeständnis, um den Willen und die Stimmung aufrecht zu erhalten«, wie die Historikerin betonte. Die individuellen Rückzugsmöglichkeiten sollten die Belastungen durch den Dienstalltag abfangen. Die Frauen und Männer der SS litten aber auch unter psychischen Problemen oder Alkoholsucht. Darum wurden Erholungsaufenthalte in der von Häftlingen errichteten Solahütte, 30 Kilometer von Auschwitz entfernt, organisiert.

Alkohol als Hilfsmittel, um zu vergessen oder besser zu funktionieren, war an der Tagesordnung. Lagerkommandant Rudolf Höß bemängelte regelmäßig das unsoldatische Auftreten, »was angesichts des Massenmordes absurd erscheint«, wie Anna-Raphaela Schmitz feststellt. Dazu zählten neben Alkohol sexuelle Handlungen mit Häftlingen sowie Raub von Wertsachen der Häftlinge. Die persönliche Bereicherung war an der Tagesordnung, entgegen der Vorgabe aus Berlin.

Auch der Lagerkommandant Rudolf Höß und seine Frau Hedwig bereicherten sich durch Raub. Das Ehepaar Höß lebte mit seinen fünf Kindern am Lager in einer künstlich geschaffenen Idylle. Hedwig Höß züchtete Blumen und befehligte die Lagerinsassen, die in ihrem Haushalt und in denen anderer Familien arbeiten mussten. Eine der Ehefrauen beschwerte sich über eine schlecht ausgeführte Reparatur, die die Ermordung der beteiligten Häftlinge zur Folge hatte. Doch nicht genug, wie die Historikerin ausführte. »Die Kinder der Familie und die Ehefrau trugen Kleider von Menschen, die ihr Mann und Vater vergast hatte.«

Viele Frauen mit ihren Kindern zogen bewusst zu ihren Ehemännern nach Auschwitz, da sie dort sicherer waren als in den von Luftangriffen bedrohten Städten in Deutschland. Die Frauen beteiligten sich genauso an Raub und Korruption und unterstützten ihre Männer emotional in ihrem Dienst. Ihre Empathie galt der eigenen Familie und sie halfen, diese von den sogenannten minderwertigen und fremdrassigen Menschen abzugrenzen. Eine Trennung von Privatleben und Dienst war nicht möglich, sondern die Freizeit wurde genutzt, um den grausamen und menschenverachtenden Dienst über den langen Zeitraum möglich zu machen. Christoph Merker