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Tragikomödie

«Die Anfängerin»: Zweiter Frühling auf dem Eis

Eine erfolgreiche Ärztin beginnt mit Mitte fünfzig, ihr Leben noch einmal neu zu ordnen –«Die Anfängerin» ist eine unkonventionelle Tragikomödie über die Kunst, sich selbst zu akzeptieren.

Ulrike Krumbiegel
Ulrike Krumbiegel spielt eine Mittfünfzigerin die ihr Leben noch einmal neu zu ordnen beginnt. Foto: Henning Kaiser Foto: dpa

Hamburg (dpa) – Mit dem Begriff «Coming of Age» bringt man normalerweise Geschichten über das Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen in Verbindung. Trotzdem könnte Alexandra Sells Debüt als Langfilmregisseurin und Autorin nicht treffender beschrieben werden: als Coming-of-Age-Tragikomödie.

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In «Die Anfängerin» begleitet sie eine eigentlich erfolgreiche Mittfünfzigerin dabei, dem Alltag als Ärztin zu entfliehen und ihr unverhofftes Glück an ganz anderer Stelle zu suchen, allen Widerständen – vor allem jenen ihrer anspruchsvollen Mutter – zum Trotz.

Annebärbel Buschhaus (Ulrike Krumbiegel) arbeitet als Medizinerin in ihrer eigenen Praxis. Im Alltagstrott hat sie nicht bloß die Leidenschaft für ihren Beruf verloren. Auch Ehemann Rolf (Rainer Bock) kann die Unzufriedenheit seiner Frau nicht länger ertragen und trennt sich von ihr. Annebärbel beschließt sie, sich auf das zu besinnen, was sie bereits seit Kindertagen fasziniert: das Eiskunstlaufen.

Obwohl sie zunächst belächelt wird, knüpft sie schnell freundschaftliche Bande zu der talentierten Nachwuchssportlerin Jolina (Maria Rogozina). Beide könnten zwar unterschiedlicher kaum sein, beginnen aber, einander zu unterstützen – manchmal auch gegen den Willen der Anderen.

Die Eishalle «als Brennglas von Gegensätzen» – die 49-jährige Hamburgerin Alexandra Sell hat sichtlich genug davon, wie die Ergebnisse knallharten Trainings in Sport- und Tanzfilmen regelmäßig süßlich-romantischer Verklärung zum Opfer fallen. In «Die Anfängerin» widmet sich die Regisseurin dem Schicksal einer Hobby-Athletin und setzt sie in Divergenz zum durchkalkulierten Spitzensport, wofür sie mit Nebendarstellerin Christine Errath sogar eine ehemalige Weltmeisterin gewinnen konnte. Alter gegen Jugend, erfüllte gegen vergebliche Träume und Schönheit gegen Härte – mit der Konzentration auf Annebärbel, die ihre Hoffnung auf eine Eislaufkarriere früh begrub, und die aufstrebende Jolina, die jetzt so alt ist, wie Annebärbel damals, stellt Sell beide Extreme einander gegenüber und erzählt eine Geschichte von größtmöglichem Kontrast.

Daraus zieht Alexandra Sell auch die emotionale Bandbreite. Immer wieder gönnt man der von Ulrike Krumbiegel («Happy Burnout») mit viel Herzblut verkörperten Annebärbel sogar ihre Rückschritte: Trotz ihres fortgeschrittenen Alters besitzt sie viel weniger Selbstironie als ihre ehrgeizige neue Freundin Jolina, die schon mal dutzendfach ein- und denselben Sprung springt, um endlich nicht mehr hinzufallen. Daneben wirkt die mitunter spontan in Tränen ausbrechende Ärztin wie ein kleines Kind, die jedoch in den richtigen Momenten ihr Erwachsensein wiederentdeckt; etwa wenn sie Jolina verletzungsbedingt verbietet, weiter zu trainieren.

Unaufgeregt gefilmt und fast ohne Hintergrundmusik auskommend, wird «Die Anfängerin» zu einer tonal breit aufgestellten Studie übers Scheitern und Weitermachen – manchmal zum Brüllen komisch, aber immer mit dem notwendigen Tiefgang.

Die Anfängerin, Deutschland 2017, 99 Min., FSK ab 0, mit Ulrike Krumbiegel, Maria Rogozina, Christine Errath, Rainer Bock

Die Anfängerin