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Politische Aufklärung mit dem Kabarettisten Christian Springer: »Trotzdem!« im Traunreuter k1

Deutsche Leitkultur oder die Arroganz der Macht

Der Münchner Kabarettist und Autor Christian Springer beschäftigt sich schon seit Längerem mit den Folgen des Bürgerkriegs in Syrien: Er gründete vor einigen Jahren den Verein »Orienthelfer«, der sich um die zivilen Opfer dieses Krieges kümmert und reist regelmäßig mit seinem Team aus freiwilligen Mitarbeitern in den Libanon und nach Jordanien, um den syrischen Flüchtlingen dort zu helfen. Ein Engagement, das auch von seinem Studium der Semitistik – der semitischen Sprache und der Philologie des christlichen Orients – herrührt und von seiner tiefen Verbundenheit mit dieser krisengeschüttelten Region.

Christian Springer präsentierte im Traunreuter k1 sein Programm »Trotzdem!«. (Foto: Heel)

Nicht verwunderlich also, dass die »Flüchtlingskrise« im Mittelpunkt seines neuen Programms »Trotzdem!« stand, das er jetzt im sehr gut besuchten Saal des Traunreuter k1 vorstellte. Ein Programm, bei dem vieles zur Sprache kam, von der deutschen Nationalhymne über Konrad Adenauer bis hin zu seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit Franz-Josef Strauß, erregt, temporeich und mit teils gewagten Gedankensprüngen, aber immer interessant und anregend und ausgesprochen amüsant dazu.

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Wer weiß über die Nationalhymne Bescheid?

So kam Christian Springer gleich eingangs auf das Thema Integration zu sprechen. Wer sich integrieren möchte, würde auch Deutsch lernen, ganz klar. Aber dann könnten auch Fragen gestellt werden, und wir müssten Bescheid wissen. Etwa über unsere Nationalhymne, deren Text seit 1991 ausschließlich aus der dritten Strophe des »Deutschlandliedes« von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) besteht. Doch wie erklärt man einem »Hinzugekommenen«, dass die Melodie dazu aus dem Lied »Gott erhalte Franz, den Kaiser« stammt, das Joseph Haydn 1796/1797 in Wien zu Ehren des römisch-deutschen Kaisers Franz II. komponiert hatte und das später auch als österreichische Kaiserhymne gesungen wurde? Eine Hymne zumal, die eine verdächtige Ähnlichkeit mit der Melodie eines altkroatischen Volksliedes hat.

Eine ziemliche Melange also, zu der Christian Springer noch eine hübsche Anekdote parat hatte: Da es nach Gründung der Bundesrepublik keine gesetzliche Festlegung einer Nationalhymne gab, für das diplomatische Protokoll aber eine offizielle Hymne benötigt wurde, wurde für Bundeskanzler Konrad Adenauer bei einem Staatsbesuch in Chicago das Kölner Karnevalslied »Heidewitzka, Herr Kapitän« gespielt.

Doch zurück zur »Flüchtlingskrise«: Da erzählte der Kabarettist, dass nach Merkels »Einladung« Seehofer von einer Sogwirkung gesprochen habe. Er selbst habe vor Ort aber nichts dergleichen bemerkt und Seehofer daraufhin einen empörten, 80-seitigen Brief geschrieben. Der bis heute natürlich unbeantwortet geblieben sei. Überhaupt Seehofer: Hatte der als Gesundheitsminister nicht mal gesagt: »Bevor es Viagra auf Krankenschein gibt, erschieße ich mich«?

Ähnlich scharfsinnig, so Christian Springer, sei auch der Vorschlag des Bamberger Erzbischofs gewesen, Halloween aus medizinischen Gründen (Trauma für Kinder) abzuschaffen und stattdessen ein Cäcilienfest zu feiern – die Märtyrerin wurde aber bestialisch zu Tode gefoltert, »da ist Halloween ein Scheißdreck dagegen«.

Von Seehofer & Co. ging es über den niederbayerischen »Bäderkönig« Zwick schließlich zu Franz-Josef Strauß, mit dem Christian Springer eine ganz besondere Erfahrung gemacht hatte – die sich seinen Worten zufolge so abgespielt hat: Als er um die 20 war, gelang es ihm bei einer Wahlveranstaltung der CSU am Nockherberg, das SKS (Schutzkommando Strauß) zu überlisten und zwei rohe Eier in Richtung des damaligen Bayerischen Ministerpräsidenten zu werfen. Ziemlich erfolglos, denn der einzige Schaden, den er dabei anrichtete, war, dass eines der Eier auf dem Tisch von Gerold Tandler landete. Trotzdem wurde er sofort festgenommen und verbrachte die Nacht in einer Arrestzelle auf dem Polizeipräsidium, bevor er am nächsten Morgen wieder freikam.

Eine Anzeige wegen Körperverletzung

Bei der nächsten Landtagssitzung sprach Edmund Stoiber dann von einem »gezielten Angriff mit einem Hartgummigeschoss auf den Kopf von Strauß«, und Springer wurde wegen Störung einer Veranstaltung angeklagt. Als das Verfahren schon eingestellt war, trudelte eine Anzeige von Strauß wegen Körperverletzung ein, mit dem Hinweis, dass entsprechende ärztliche Atteste beigebracht werden könnten, und Springer wurde zu einer Geldstrafe von 5000 DM verurteilt. In einem Nachspiel wurde ihm während seines Studiums an der Uni München unter der Hand mitgeteilt, dass sich der Staatsschutz eingeschaltet habe und er weder in München noch sonstwo in Bayern einen Abschluss machen könne.

Ausgehend von der Promenadologie respektive Spaziergangswissenschaft, die tatsächlich an der Gesamthochschule Kassel gelehrt wird, kam Christian Springer abschließend auf die Begegnung von Goethe und Beethoven anno 1812 im böhmischen Teplitz zu sprechen, wo die beiden der Legende nach bei einem gemeinsamen Spaziergang auf die kaiserliche Familie trafen. Während der Dichterfürst beiseite trat und sich verneigte, ging Beethoven einfach weiter, mitten durch Kaisers samt Entourage, die ihm auch artig Platz machten. Sein Fazit hierzu: Öfter mal im Leben einfach geradeaus gehen und Haltung zeigen! Wolfgang Schweiger