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Hans Jahn hat vier Landräte erlebt. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Des Landrats »Rechte Hand« geht in Ruhestand – Hans Jahn verabschiedet sich nach 40 Dienstjahren

Berchtesgadener Land – An der Seite von vier Landräten hat er gearbeitet. Hans Jahns Devise war, immer loyal zu sein. Ende des Monats geht die »rechte Hand des Landkreischefs« nach vier Jahrzehnten im Landratsamt Berchtesgadener Land in Pension. Seit seinem ersten Arbeitstag hat sich in der Behörde viel gewandelt.


Kaum einer hat so lange durchgehalten wie Hans Jahn. Vier Jahrzehnte Landratsamt, fast ein Berufsleben lang. In gewisser Weise gehört er zum angestammten Inventar, seitdem er am 1. August 1982 seinen Dienstantritt hatte. Den gebürtigen Augsburger zog es wegen der Liebe in den südöstlichsten Landkreis der Nation. Seine 2017 verstorbene Ehefrau, eine gebürtige Saaldorferin, lernte er auf der Bayerischen Beamtenfachhochschule kennen. Inzwischen heißt diese »Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern«.

Die Entwicklung zum »Dienstleister«

Hans Jahn hat den klassischen Beamtenwerdegang durchlaufen, zunächst das Studium als Regierungsinspektoranwärter. Die Ausbildung zu Beginn der 1980er-Jahre setzte er beim Landratsamt Augsburg und bei der Regierung Schwaben fort, ehe er in das Berchtesgadener Land wechselte. Bis heute leitet er hier die Hauptverwaltung. »Als ich begonnen habe, war das Arbeiten im Landratsamt ein ganz anderes«, sagt er rückblickend. 180 Mitarbeiter waren es damals. Heute sind es mehr als doppelt so viele: 450. Es gab Schreibdamen, »die guten Seelen des Hauses«, die den Schreibkram übernahmen. Zu dieser Zeit von Computern noch keine Spur.

Die Gebietsreform des Landkreises 1972 lag erst zehn Jahre zurück, auch die hoheitliche Verwaltung sei noch spürbar gewesen, sagt Hans Jahn. 40 Jahre später ist das Landratsamt zwar noch Verwalter, aber vor allem »Dienstleister«. Die Daseinsvorsorge hat Priorität, die Herausforderungen im Klimaschutz sind gewaltig, ein Fokus liegt auf dem öffentlichen Personennahverkehr – alles Aufgaben, die damals noch in weiter Ferne lagen.

Als Hans Jahn im Landratsamt zu arbeiten begann, war seine Aufgabe, die interne EDV aufzubauen. Die Sachgebiete innerhalb der Behörde galten als wenig strukturiert. Jahn hatte eine Zusatzausbildung im Grundlagenwissen über EDV und Informatik erworben. Der Übergang von der zentralen Datenerfassung zu teildezentralen Systemen galt als Herausforderung. Der Aufbau einer elektronischen Textverarbeitung stand dabei im Fokus.

Die Verwaltung wird moderner

Es war eine Zeit, in der die Umstellung des persönlichen Diktats anstand. Handschriftliche Vorlagen wurden durch Textbausteine ergänzt und die Errichtung eines zentralen Schreibbüros priorisiert. Die digitale Kfz-Zulassungsstelle befand sich im Aufbau. Es gab hierzu ein EDV-Pilotprojekt: Die erste Festplatte zur elektronischen Datenverarbeitung im Landratsamt war 125 Megabyte groß. Rechnet man das in digitale Musiktitel um, würde der Platz für 30 Songs ausreichen. »Dafür brauchte es aber eine eigene Klimaanlage.« Die Bildschirme von damals seien »sündhaft teuer« gewesen. 6 000 Mark pro Stück.

Nach fünf Jahren in der damaligen Haupt- und Personalverwaltung wechselte Hans Jahn in die Kreiskämmerei. Er wurde stellvertretender Kreiskämmerer, kümmerte sich um die Liegenschaften des Landkreises, um Schulen, Kreisstraßen und die Kunsteisbahn am Königssee. Erfordert wurde damals auch Jahns Mitarbeit in der Berchtesgadener Landesstiftung. Das ist eine kreiskommunale Stiftung des öffentlichen Rechts, deren Vermögen in einem Nießbrauchrecht am Kehlsteinhaus und an der Kehlsteinstraße besteht. Die Landesstiftung ist außerdem Trägerin der Dokumentation Obersalzberg. Jahn sagt, die Einrichtung sei eine »segensreiche«, weil damit ein verantwortungsvoller Umgang mit der Geschichte betrieben werde.

Geizig beim Verhandeln?

In diese Zeit fiel auch die Umstellung des Rechnungswesens auf die elektronische Datenverarbeitung, die von einer teildezentralen sukzessive auf eine vollkommen dezentrale Verarbeitung gestellt wurde.

»Als stellvertretender Kämmerer kam ich im ganzen Landkreis herum«, sagt Hans Jahn. Dabei lernte er zu verhandeln, sagt er. Projekte rund um Kreisstraßen erforderten die Verhandlung von Grunderwerb mit Landwirten. »Ich sei ein geiziger Schwabe, hieß es manchmal.« Mehrfach wurde er mit diesem Vorwurf konfrontiert. Schwaben wird eine besondere Sparsamkeit nachgesagt. Die Zeit, in der er viel auswärts war und nicht im Büro, wo er für gewöhnlich die meiste Zeit verbringt, wolle er nicht missen, sagt der 64-Jährige.

Der Ausdruck der Haushaltspläne für den Kreistag sei in früheren Zeiten immer eine Herausforderung gewesen, sagt Jahn. »Wir haben den Kopierer regelmäßig aufgearbeitet und die Haushaltspläne in Leitzordnern ausgefahren«, erinnert er sich. Überhaupt: Die erste Kreisausschusssitzung, an der er als Landkreismitarbeiter teilnahm – es war das Jahr 1987 – ist in seiner Erinnerung vergleichbar mit einem »Prüfungsausschuss«.

»Ich war das nicht gewohnt, vor einem so großen Gremium zu sitzen.« Damals sei es in Diskussionen noch anders zur Sache gegangen als heutzutage. Jahn sagt auch: »Der allgemeine Respekt vor gewählten ehrenamtlichen Kreisräten ist heute in der Bevölkerung bei Weitem nicht mehr so ausgeprägt wie früher.«

Große Themen begleiteten Hans Jahn während seiner Zeit in der Kreiskämmerei: der Ausbau der Kreisstraßen mit Schwerpunkt Geh- und Radwege, die Umwandlung der Kreiskrankenhäuser Berchtesgaden und Freilassing in eine landkreiseigene GmbH und die Übernahme des städtischen Krankenhauses Bad Reichenhall und die Fusion mit den Traunsteiner Kliniken zur Kliniken Südostbayern GmbH. Schulbaumaßnahmen seien immer bestimmendes Thema gewesen.

Auch die Vertragsfortschreibung der Christophorusschulen Berchtesgaden und deren langfristige Sicherung gehörten zu Jahns Thematik. »Interessante Verhandlungen« seien mit dem Freistaat Bayern, der Bayerischen Landesbank und dem Institut für Zeitgeschichte geführt worden. Hier ging es um die Mitwirkung bei der Neugestaltung der Abfahrtsstelle am Kehlstein auf dem Obersalzberg im Zuge des Hotelneubaus »Interconti« – und den Bau sowie die Eröffnung der Dokumentation Obersalzberg.

Aufstieg zum Kämmerer

Im Jahr 2005 wurde Hans Jahn schließlich nach einem internen Auswahlverfahren zum Kreiskämmerer ernannt. »Das wichtigste Thema war die Konsolidierung der Kreisfinanzen.« Der Schuldenstand lag damals bei 42 Millionen Euro, der Hebesatz bei 54 Prozent. Man stehe heute so gut da wie noch nie, sagt Jahn. Allerdings: Wegen Investitionsstaus und anstehender großer Projekte wird die aktuelle Quasi-Schuldenfreiheit nicht von Dauer bleiben.

Das Eishallenunglück in Bad Reichenhall habe »erhebliche Auswirkungen« auf die Organisation der Liegenschaften gehabt, sagt Jahn. Die Dokumentation, die Statikprüfung – all jene Dinge hätten seit dieser Zeit eine deutlich größere Gewichtung. »Nach dem Unglück wurden wir mit Presseanfragen überhäuft. Es war eine Medienpräsenz in nicht gekanntem Ausmaß«, erinnert er sich. Zuvor war im Landratsamt die Arbeit mit der Presse so gut wie unbekannt.

Ein wichtiger Karriereschritt waren für Hans Jahn die Jahre 2011 bis 2013. Nach vielen Prüfungen war er in den höheren Beamtendienst aufgestiegen und wurde zum Geschäftsbereichsleiter für Zentrale Angelegenheiten und Kreiseinrichtungen bestellt, der er auch heute noch ist. »Landrat Bernhard Kern ist der vierte Landrat, an dessen Seite ich arbeite«, sagt der Bald-Pensionist, der zuversichtlich nach vorne blickt, weniger zurück. Den Landräten gegenüber loyal zu sein, sei immerzu seine Devise gewesen. »Natürlich darf man seine Meinung äußern, aber intern.«

Damit sei er all die Jahre gut gefahren. Landrat Bernhard Kern lobt Jahn: »In den 40 Jahren, die Hans Jahn im Landratsamt gearbeitet und sich mit ganzem Herzen für unseren Landkreis eingesetzt hat, hat er vieles mitaufgebaut, das für uns heute unverzichtbar ist.« Aber auch unschöne Themen, die mit viel Arbeit verbunden waren, gab es in 40 Jahren einige. Etliche Katastrophenfälle hat Jahn aktiv begleitet, die Flüchtlingskrise, Corona sowieso. Wird ihm die Arbeit im Landratsamt fehlen? Jahn hat drei Kinder und zwei Enkel. »Ich bin gesund und möchte meine Zeit noch sinnvoll nutzen, aber ich bin dankbar für die vielen schönen Berufsjahre«, sagt er. Deshalb verabschiedet er sich schon zwei Jahre früher in den Antragsruhestand. »Für mich ist es ein guter Zeitpunkt.«

Kilian Pfeiffer