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Alfons Leitenbacher leitet das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein. (Foto: stmelf.bayern)

Der Wald - Opfer und Hoffnungsträger zugleich

Unsere Wälder leiden zunehmend unter den Folgen des rasant fortschreitenden Klimawandels an Stürmen, Trockenheit und Schädlingsbefall. Dabei könnte das Ökosystem Wald ein echter Hoffnungsträger sein, wenn wir klug mit ihm umgehen. Darauf weist das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein (AELF) aus Anlass des Internationalen Tags der Wälder am heutigen Montag hin. In einem Interview mit dem Traunsteiner Tagblatt spricht Amtsleiter Alfons Leitenbacher über den Wald als Opfer und Hoffnungsträger zugleich.


Herr Leitenbacher, wie wichtig ist die Rolle des Waldes als Kohlenstoffsenker?

Der Wald nimmt bei seinem Wachstum über den Prozess der Fotosynthese Kohlenstoffdioxid (CO2) auf und lagert den darin enthaltenen Kohlenstoff in den Blättern, Ästen und vor allem im Holz langfristig ein. Gleichzeitig wird der lebensnotwendige Sauerstoff (O2) freigesetzt. Auf einem Hektar Wald, das entspricht in etwa der Größe von zwei Fußballfeldern, sind im Durchschnitt in der lebenden Biomasse 130 Tonnen Kohlenstoff gespeichert, im Humus und Boden 128 Tonnen und im Totholz 2,3 Tonnen. Insgesamt sind das gut 260 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar. Um aber abschätzen zu können, wie viel CO2 der Atmosphäre durch das Wachstum der Bäume entzogen wird, gibt es einen Faktor. 3,67 lautet die magische Zahl. Wenn man den Kohlenstoffgehalt also mit dem Faktor 3,67 multipliziert, kommen wir auf eine Speicherkapazität von stolzen rund 1030 Tonnen des Klimagases Kohlendioxid, die in einem Hektar Wald gespeichert sind. Das entspricht ungefähr dem 30-fachen jährlichen Kohlendioxidausstoß einer Kleinfamilie.

Wichtig ist dabei auch: Je besser der Wald wächst, umso mehr Kohlendioxid wird gespeichert. Es macht also Sinn, für die Wälder der Zukunft nicht nur Baumarten auszuwählen, die mit einem veränderten Klima zurechtkommen, sondern dabei auch viel Holz zu produzieren.

Sie sagen, die Verwendung von Holz ist aktiver Klimaschutz. Erläutern Sie das bitte.

Holz ist ein idealer Kohlenstoffspeicher. Darum ist die Verwendung von Holz aktiver Klimaschutz. Dabei ist der Effekt natürlich am größten, wenn Holz für langlebige Produkte wie Dachstühle, ganze Holzhäuser oder Möbel eingesetzt wird. Denn durch die Verwendung von Holz werden nicht nur andere Materialien ersetzt, für deren Herstellung zum Teil enorm viel Energie und damit letztlich Kohlendioxid emittiert wird, wie es zum Beispiel bei Aluminium, Stahl oder Beton der Fall ist. Der im Holz gebundene Kohlenstoff kann dadurch auch lange keine klimaaufheizende Wirkung entfalten. Wer also dem Klima helfen möchte, sollte überall, wo es möglich ist, langlebige Holzprodukte verwenden. Hinzu kommt, dass man »Altholz« aus der Erstverwendung im Sinne einer Kaskadennutzung mehrfach für neue Produkte aus Holz recyceln und damit die Speicherwirkung verlängern kann. Und selbst wenn das Holz am Ende thermisch genutzt, sprich verheizt wird, wird wieder nur das Kohlendioxid freigesetzt, das der Baum bei seinem Wachstum der Luft entzogen hat – ein perfekter Kreislauf.

Wichtig ist also eine Bewirtschaftung des Waldes?

Der Wald kann auf lange Sicht nur dann eine Kohlenstoffsenke darstellen, wenn man ihn bewirtschaftet und das Holz nutzt. So wichtig und lehrreich Wälder auch sind, die der natürlichen Entwicklung überlassen werden, aus Sicht des Klimaschutzes wirken sie nur vorübergehend als Kohlenstoffspeicher. Denn wenn die alten Bäume sterben und langsam verrotten, setzen sie das ganze gebundene Kohlendioxid wieder frei, und zwar ohne fossile Rohstoffe ersetzt zu haben. Trotzdem soll natürlich nicht alles Holz aus dem Wald geholt werden. 20 bis 40 Kubikmeter Totholz sollte auf jedem Hektar Wald verbleiben, um die einzigartige Waldbiodiversität und die Bodengesundheit zu erhalten. Eine derart im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltige und naturnahe Bewirtschaftung kann in optimaler Weise die Bedürfnisse von uns Menschen erfüllen und die Lebensgemeinschaften des Waldes bewahren. Wenn wir unsere Wälder nicht in diesem Sinn verantwortungsvoll nutzten, würde der Druck auf die Wälder anderer Regionen in der Welt noch mehr zunehmen.

Wie steht es um die globale Ausbeutung der Wälder?

Schon jetzt werden in vielen Teilen der Welt Wälder in einem unvorstellbaren Ausmaß gerodet, meist sogar in Form von Brandrodung, ohne das Holz zu nutzen. Jede Minute verschwindet dabei eine Waldfläche von ungefähr 36 Fußballfeldern. Da ein Großteil dieser Wälder für den Anbau von Futtermitteln für die Nutztiere oder Palmölplantagen beseitigt werden, ist der Lebensstil insbesondere in den reicheren Industrienationen schon jetzt dafür verantwortlich, dass diese grünen Lungen der Erde immer kleiner werden und die Klimaerwärmung angeheizt wird.

Was kann also jeder Einzelne tun?

Ein Trugschluss wäre hier zu sagen, gegen die weltweite Abholzung kann ich als Deutsche oder Deutscher, als Chiemgauerin oder als Berchtesgadener nichts tun. Jede und jeder Einzelne von uns bestimmt durch das Konsumverhalten die Angebote der Industrie. Billiges Fleisch kann nur mit billigen Futtermitteln produziert werden und Palmöl versteckt sich mittlerweile in sämtlichen Produkten, von Lebensmitteln über Kosmetika bis zu Biodiesel.

Daher ein Appell zum internationalen Tag der Wälder: bewusst einkaufen und konsumieren. Dabei kommt regional und nachhaltig erzeugten saisonalen Lebensmitteln ebenso wie der verstärkten Verwendung des heimischen Holzes eine sehr wichtige Rolle zu.