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»Der Patient darf nie unter Einsparungen leiden«

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Weiß, wie man Krankenhäuser nachhaltig saniert: Heinz Krawinkel. (Foto: Kastner)

Berchtesgaden – Der anonyme Beschwerdebrief von Mitarbeitern der Kliniken Südostbayern AG (wie berichtet) an Kommunalpolitiker sowie den Landrat des Berchtesgadener Landes, Georg Grabner, der gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der Kliniken ist, sorgte bayernweit für ein großes Medienecho. Denn die Autoren sprechen von chronischer Unterbesetzung, vor allem auf der Intensivstation Bad Reichenhall, lebensgefährlichen Hygienebedingungen und Ignoranz seitens der Geschäftsleitung. Der »Berchtesgadener Anzeiger« sprach darüber mit Heinz Krawinkel, der jahrzehntelang Krankenhäuser saniert hat. Und genau weiß, welche Fehler man dabei auf keinen Fall machen darf.


Herr Krawinkel, was muss passieren, dass Krankenhaus-Mitarbeiter zu solchen drastischen Maßnahmen greifen?

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Heinz Krawinkel: Da ich keine ausreichenden Informationen zu den Vorwürfen habe, kann ich nicht dezidiert dazu Stellung nehmen. Ich kann mich nur nach dem Beweis des ersten Anscheins äußern. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass man ein sehr emotionales Verhältnis zu seinem Arbeitsplatz und den Patienten gegenüber haben muss. Zum anderen kann man dem Brief Resignation entnehmen. Mit Sicherheit wurden die Probleme hausintern, also bei der Geschäftsleitung, bereits angesprochen. Das weiß ich aus internen Quellen. Offensichtlich haben diese Hinweise aber zu keinem Ergebnis geführt. In solchen Fällen kann man davon ausgehen, dass es am rigiden Verhalten der Geschäftsleitung beziehungsweise der Verwaltung liegt. Am Führungsstil nach Gutsherrenart. Bei dem es Sanktionen gibt, wenn jemand Kritik übt. Egal, ob berechtigt oder nicht. Deshalb haben die Mitarbeiter wohl schlichtweg Angst. Angst um ihren Arbeitsplatz. Angst vor Mobbing. Grundsätzlich lässt das Schreiben erkennen, dass die Verfasser den Wunsch haben, dem Patienten durch bestmögliche Leistung zur Genesung zu verhelfen.

Ist der Brief denn überhaupt glaubwürdig?

Krawinkel: Ja. Die Verfasser verfügen über solide Kenntnisse der Prozesse und Organisationsabläufe. Die Missstände werden ebenfalls klar geschildert. Zum Beispiel, dass auf der Intensivstation augenscheinlich Pflegekräfte zu viele Patienten betreuen müssen. Sollte das stimmen, wäre es ein Eklat. Wenn dann noch zusätzliche Arbeiten zu leisten wären, könnte das nicht gut gehen. Und könnte zu Problemen mit den Kostenträgern führen.

Kann man den anonymen Brief also rechtfertigen?

Krawinkel: Es ist bewundernswert, dass sich diese Personen zu diesem Brief entschließen konnten.

Welche Konsequenzen könnte das Schreiben haben?

Krawinkel: Sollte nur ein Bruchteil der Vorwürfe zutreffen, ist dringender Handlungsbedarf gegeben.

So richtig angesprochen fühlt sich aber kein Verantwortlicher. Nicht einmal Landrat Georg Grabner.

Krawinkel: Ich halte es für nicht vertretbar, wenn ein Aufsichtsratsvorsitzender, der von Mitarbeitern um Hilfe gebeten wird, diese Mitarbeiter auch noch angreift. Das ist unterste Schublade. Auch die anderen Adressaten des offenen Briefes haben nicht geantwortet.

Als Bürgermeister sind sie offiziell nicht zuständig.

Krawinkel: Richtig. Aber im Interesse der Bürger, die letztendlich ihr Arbeitgeber sind, sollte man schon eine Meinung dazu haben. Und sich äußern beziehungsweise sich um Abhilfe bemühen.

Überlastetes Krankenhauspersonal ist ein Dauerthema. Warum sind die Arbeitsbedingungen in Kliniken oftmals schlecht?

Krawinkel: Bei einer Größenordnung wie den Kliniken Südostbayern betragen die Personalausgaben etwa 80 Prozent der Kosten. Will man eine Klinik sanieren, hat man nur zwei Möglichkeiten: Kosten senken, Erlös steigern. Doch Letzteres ist nur sehr bedingt möglich. Und die Kostensenkung geht auch schneller. Doch als Prämisse sollte immer gelten: Der Patient ist Kunde. Und der Kunde ist König. Und der Patient will gesunden. Die Einsparungen dürfen also niemals das Leid der Patienten erhöhen.

Angeblich sind Krankenhäuser nur schwer kostendeckend zu betreiben.

Krawinkel: Die Ausrede, dass das Gesundheitssystem unter Geldmangel leidet, kann ich nur teilweise nachvollziehen. Denn was ist mit den privaten Anbietern? Da haben sie ausgezeichneten Leistungen am Patienten. Diese Häuser schreiben schwarze Zahlen und haben in der Regel zufriedenes Personal. Was wiederum zu zufriedenen Patienten führt: Und das Wichtigste: Es besteht keine Lebensgefahr. Die gebetsmühlenartig wiederholte Aussage, Privatkliniken würden Rosinenpickerei betreiben, muss ich zurückweisen. Denn: Wenn ich ein Plankrankenhaus betreibe, muss ich diejenigen Patienten aufnehmen, die mir der Sanka bringt. Da kann ich nicht sagen: Du nix Privatpatient. Schleich di.

Nun sind die Kliniken schon seit mehreren Jahren in der Krise. Was läuft da schief?

Krawinkel: Die ganze Geschichte ist geprägt vom Prinzip Hoffnung. Hoffnung, die man der Bevölkerung und den Mitarbeitern gemacht hat. Denken wir nur an den Plan, die Intensivstation in Bad Reichenhall zu erweitern. »Ohne das Personal zusätzlich zu belasten«, hieß es damals offiziell. Und dann lesen wir in dem Brief, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Prinzipiell wäre das der richtige Weg gewesen. Er hätte aber organisatorisch so umgesetzt werden müssen, dass das Personal die Arbeit leisten kann und die Belegung dieser Station – soweit möglich – gesichert ist.

Es hat immer wieder mal Kritiker gegeben, die eine öffentliche Diskussion über die Kliniken-Schieflage gefordert haben.

Krawinkel: Ja. Die wurden als Verräter bezeichnet. Und entgegen der in Bayern geltenden Gesetzgebung wurden die Vorgänge kaum öffentlich diskutiert. Christian Fischer